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Deutschland hat digitalen Nachholbedarf. Neue regionale Ökozentren, sogenannte Digital Hubs, könnten helfen. Vorgestellt hat die Idee Mitte November Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf dem Nationalen IT-Gipfel. An Konzeption und Umsetzung des Plans beteiligt ist der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, kurz: Bitkom.

Thorsten Dirks, CEO von Telefónica Deutschland und seit Juli 2015 Präsident des Verbands, erklärt im Interview, wie die Hubs funktionieren, was sie bringen sollen – und welche Industrien noch den längsten Weg in die digitale Zukunft vor sich haben.

Können Startups den deutschen Kernindustrien bei der Digitalisierung helfen?

Und wie! Wir können von Startups extrem viel lernen. Es ist dabei nur wichtig, dass große Unternehmen den Startups in einiger Entfernung eine grüne Wiese geben. Wenn sie versuchen, das Startup zu nahe an das große Unternehmen heranzubringen, dann wird das junge Unternehmen schnell durch das ältere erdrückt. Große Organisationen haben das natürliche Verhaltensmuster, das Neue erstmal nicht zuzulassen.

Der nächste Schritt ist dann allerdings die noch bedeutendere Herausforderung: Wie profitiere ich als Großunternehmen von dem, was im Startup passiert? Da habe ich auch Frustrationen gesehen. Das müssen wir in Zukunft besser hinbekommen, weil es eigentlich keine natürliche Anziehungskraft zwischen Großunternehmen und Startups gibt.

Und wie soll das funktionieren?

Der Bitkom hat deshalb digitale Hubs gegründet. Nach dem Motto: Wir müssen das Silicon Valley nicht kopieren. Aber kapieren. Was ist dort passiert? Um die IT-Industrie haben sich Wissenschaft, Forschung, Universitäten, Venture Capital und schließlich Startups angesiedelt. Wie kann man das hier in Deutschland machen? Hier haben wir nicht nur eine Leitindustrie, sondern viele. Im Valley passiert alles an einem überschaubaren Ort und deshalb lassen sich Ideen dort schnell umsetzen. Und genau das wollen wir mit unseren Hubs erreichen.

In München entsteht mit der Hilfe von Susanne Klatten und der Initiative UnternehmerTUM zum Beispiel ein Mobilitäts-Hub. Es gibt das Gelände, die drei großen Automobilkonzerne Daimler, Audi und BMW sind dabei, und auch das Bundesministerium für Wirtschaft unterstützt das Projekt.

Die Idee ist, die Anziehungskraft zwischen großen Unternehmen und Startups zu verstärken. Bis jetzt war doch die Frage: Wo soll ich in Deutschland hingehen, wenn ich eine Idee für den Autobereich habe? Jetzt gibt es eine Anlaufstelle und die richtigen Ansprechpartner. Da sitzen Digitalisierungsspezialisten und hören sich die Ideen an. Hier kann sofort gearbeitet und umgesetzt werden.

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Was ist das Neue an diesen Hubs?

Wir brauchen die Hubs, weil wir uns fokussieren müssen. Fünf Hubs sind bereits in Arbeit. Fintech ist vor zwei Wochen am Standort Frankfurt live gegangen. In Dortmund arbeiten wir mit Fraunhofer an einem Hub – das Thema wird Logistik sein. Fünf der größten Logistik-Unternehmen in Europa sitzen im Ruhrgebiet. Auch Hamburg wird zum Logistik-Hub. In Berlin wird das Thema Internet of Things behandelt.

Über Mikroelektronik und Cybersicherheit als Querschnittsthemen denken wir noch nach. Am Ende sollen es zehn oder zwölf Hubs werden, die unter einer Dachmarke gebündelt sind. Sonst verliert man den Überblick.

Wie komme ich als Startup da rein?

Sehr einfach: Sie können alleine mit einer Idee ankommen und sagen, ich möchte hier mitarbeiten. Wenn alles so weit ist. Frankfurt läuft jetzt an. Da können Sie klingeln und sagen, ich will hier dabei sein. Das ist die Idee.

Wer entscheidet das am Ende?

Im Prinzip mieten sie eine Bürofläche und legen einfach los. So sind früher Gewerbegebiete entstanden.

Was unterscheidet diese Hubs von den bestehenden Acceleratoren und Inkubatoren?

Wir bauen die Hubs um die deutschen Leitindustrien herum. Dort werden auch Vertreter der Industrien vor Ort und ansprechbar sein. München besitzt mit der A9 die Teststrecke für autonomes Fahren. Dort soll ein Mobilitäts-Ökosystem entstehen. Wir wollen, dass Menschen, die in Sachen Mobilität forschen, produzieren und entwickeln, in Zukunft ins Altmühltal gehen und nicht immer ins Silicon Valley. Das ist die Idee.

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Wie gehen wir mit der Konkurrenz aus China und den USA um?

Wenn wir den deutschen Wohlstand erhalten wollen, dann müssen wir das Thema Digitalisierung der Leitindustrien angehen. Wir haben ganz viele Originale, ganz viele kluge Leute, und auch die Industrien. Wir müssen nur alles zusammenbringen. Wir brauchen viel mehr Startups, die im industriellen Bereich arbeiten. Deshalb entsteht in Berlin ein IoT-Hub. Das soll diese Startups anziehen. Sie sollen zum Beispiel helfen, Sensorik in den Autos der Zukunft anders zu denken.

Wie weit ist die deutsche Wirtschaft insgesamt in Sachen Digitalisierung?

Die verschiedenen Branchen haben alle einen unterschiedlichen Stand. Die Medien sind bei der Digitalisierung schon weit. In der Automobilindustrie sieht es anders aus. Vor fünf Jahren hätte ich mir noch nicht vorstellen können, dass sich drei große deutsche Autobauer zusammentun und gemeinsam ein Unternehmen kaufen – den Kartendienst Here. Damit das passiert, hat es Druck gebraucht.

Dieser Druck zur Veränderung wird immer größer und kommt nicht mehr aus der eigenen Industrie, sondern aus anderen Industrien und Geografien. In der Krise sind Menschen eher bereit, sich zu verändern. Das sieht man auch, wenn man die deutschen Großunternehmen mit dem Mittelstand vergleicht. Bei den großen Unternehmen ist der Druck angekommen. Die denken strategisch und sehen, sie müssen etwas tun. Der Mittelstand erzählt mir aber, dass es doch eigentlich noch ganz gut geht. Hier ist der Druck zur Veränderung noch nicht überall angekommen.

Geht es denn schnell genug? Und welche Branche steht als nächstes vor der Umwälzung?

Wenn Sie mich vor einem Jahr gefragt hätten, hätte ich gesagt, dass es nicht schnell genug geht. Aber ich bin vor dem Hintergrund des Populismus, den wir gerade erleben, etwas vorsichtiger geworden. Wenn wir alle als Häuptlinge voraus rennen, uns dann umschauen, und da sind keine Indianer mehr, haben wir einen Fehler gemacht. Wir müssen die Menschen und Mitarbeiter mitnehmen.

Disruption ist aus Sicht der digitalen Eliten legitim. Für Menschen auf der Straße bedeutet Disruption aber Zerstörung. Daher lehnen etwa 25 Prozent der Menschen in Deutschland die Digitalisierung grundsätzlich ab. Das geht quer durch unsere Gesellschaft. Selbst wenn man ihnen erklärt, dass die Menschheit ohne Digitalisierung irgendwann nicht mehr überleben kann, lehnen sie das Thema ab. Wir müssen die Geschwindigkeit also synchronisieren, damit alle an Bord bleiben.

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Ist das nicht auch eine Aufgabe der Politik, den Leuten zu erklären, worum es bei der Digitalisierung geht?

Natürlich. Das ist essentiell. Leider sind wir in Deutschland ausgerechnet bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung weit zurück. Dabei müsste gerade der Staat Vorbild sein. Wie sollen Menschen Digitalisierung erleben, wenn die einzige Initiative darin besteht, dass sie sich den Termin für das Bürgeramt online holen können, und wenn sie dann dort ankommen, stehen sie doch wieder in der Schlange. Dann kann ich auch weiterhin mein Nümmerchen ziehen.

Da müssen wir nun schneller werden, um die Menschen mitzunehmen. Warum muss ich auf das Amt, wenn ich meinen Reisepass verlängern will? Bauanträge, Hypotheken – das kann man alles digital machen. Wir müssen die Bereiche neu denken, die die Menschen direkt berühren. Und zwar so, dass sie die Vorteile sofort erkennen.

Viele Menschen haben Angst, wenn es um die digitale Zukunft geht. Was machen wir dagegen?

Wir müssen der Angst etwas entgegensetzen. Wir haben ein anderes Werte- und Moralverständnis als die Amerikaner. Das hilft derzeit den USA, weil man neue Dinge dort schnell um- und durchsetzen kann. Ich glaube, unser Ansatz macht uns Europäer aber am Ende besser. Weil wir die Dinge von unterschiedlichen Seiten betrachten. Zum Beispiel beim Datenschutz. Die Kanzlerin hat ganz richtig gesagt, dass wir von der Datensparsamkeit weg müssen, wenn Daten der Rohstoff der Zukunft sind.

Viele Daten, die Maschinen erzeugen, sind von der Datenschutzgesetzgebung gar nicht erfasst, weil sie nicht personenbezogen sind. Warum bauen wir nicht Plattformen, auf denen der Kunde jederzeit Transparenz hat, über welche Daten Unternehmen, Behörden oder andere Institutionen von ihm verfügen? Und er kann dann entscheiden, ob wir diese Daten behalten dürfen und was wir damit machen. Wir müssen es einfach besser machen als in anderen Regionen der Welt, etwas entgegensetzen. Da liegt unsere große Chance.

Bilder: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Vector Open Stock, Bitkom