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Glispa-CEO Gary Lin

Es war ein Paukenschlag zum Wochenstart: Das britische Market Tech Holdings übernimmt den Berliner Mobilvermarkter Glispa, für 32 Millionen Euro und weitere 20 Millionen, die in den kommenden Jahren investiert werden sollen. Ein Erfolg für CEO Gary Lin, der Glispa 2001 in den USA gründete und damit 2008 nach Berlin kam. Über die Hintergründe des Deals und die weiteren Pläne mit Glispa spricht Lin im Interview mit Gründerszene.

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Gary, warum habt Ihr gerade jetzt verkauft?

Wir wurden in den vergangenen Jahren schon von einigen anderen potenziellen Investoren angesprochen, aber es hat sich nie richtig angefühlt. Wir sind selbst seit sechs Jahren sehr profitabel, deswegen konnten wir kleinere Akquisitionen selbst stemmen und brauchten nicht unbedingt Investoren. Als Market Tech uns dann ansprach, hatten wir das Gefühl, dass das Unternehmen mehr investiert als finanzielles Kapital. Hinzu kommen ein umfassendes Portfolio von E-Commerce-Firmen, verschiedene Entwicklungsteams in Europa und diverse Ad-Tech-Pieces, außerdem baut die Holding ein Innovationszentrum in London. Gleichzeitig hat Market Tech mit den Camden Markets eine Offline-Komponente mit tausenden Shops und Designern im Portfolio. Es wird spannend, dies mit Online-Strategien zu verbinden und neue Services und Lösungen zu testen. Die können wir dann auch auf andere unserer Kunden übertragen.

Was erhofft sich Market Tech von dem Kauf?

Für Market Tech ist die Übernahme ein strategisches Investment: in den Zugewinn neuer Nutzer und in Monetarisierung. Glispa soll weiter wachsen, unabhängig operieren und neue Assets durch Zukäufe aufbauen. Wir haben außerdem eine internationale Reichweite, während Market Tech eher auf das britische Inland fokussiert ist. Das Unternehmen hat eine gute E-Commerce-Strategie, Glispa wiederum bringt seinen Mobile-First-Ansatz ein und ich denke, darin sieht Market Tech einen Mehrwert. Man kennt Glispa vor allem als Digital-Content-Advertiser, aber ein großer Teil unseres Geschäfts ist Mobile Commerce. In dem Bereich haben wir im vergangenen Jahr 35 Prozent unseres Umsatzes gemacht.

Bleibt Glispa denn in Berlin?

Ja! Viele von uns werden wohl um einiges mehr reisen, aber der Hauptsitz bleibt in Berlin. Wir suchen gerade neue Büroräume, weil wir mit unseren 110 Leuten hier vor Ort an die Grenzen geraten. Mit den geplanten Zukäufen und dem Hub, den wir schaffen wollen, peilen wir momentan Büros an, die 700 bis 800 Mitarbeiter fassen können. Ich werde sicherlich auch länger als die nächsten zwei Jahre bei Glispa bleiben, da wir das Wachstum beschleunigen wollen.

Du bist schon lange in der Hauptstadt. Was hat sich in der Berliner Startup-Szene verändert? Was ist gut, was fehlt?

Wir hatten bereits 2006 ein kleines Gründungsteam in Berlin, da war hier noch nicht viel los. In den vergangenen drei bis vier Jahren hat sich viel gewandelt. Berlin ist ein attraktiver Ort geworden, um Talente anzuziehen. Wir haben Angestellte aus Singapur, Israel, Brasilien – alle wollten nach Berlin kommen. Das ist definitiv ein neueres Phänomen und ein großer Vorteil, den es vor acht Jahren noch nicht so gab. Es fehlt allerdings an R&D, Innovation und viel stärkerem Produktfokus. Letzeres verbessert sich momentan ein wenig, da halten wir die Augen offen, um zu sehen, ob sich etwas aus M&A-Perspektive anbietet.

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Was sind die nächsten Schritte für Glispa?

Unser internationales Team stärken. Vor allem werden wir mehr Leute für die Sales-Teams in China, Brasilien und Indien einstellen und London ist nun natürlich ein strategischer Standort. Dann werden wir unsere eigene Produktstrategie finalisieren. Das ist der Teil, der am meisten Spaß machen wird; nun, da wir die finanzielle Unterstützung haben. Zuvor waren wir zurückhaltend, was Zukäufe betrifft – jetzt werden wir definitiv aggressiver. Die Integration neuer Teams wird natürlich eine Herausforderung, aber wir benötigen Spezialisten in allen Bereichen der Wertschöpfungskette. Da wird es hoffentlich in den nächsten Monaten einige Neuigkeiten geben.

Ihr seid also gerade in Gesprächen?

Wir sprechen bestimmt mit einem Dutzend verschiedener Unternehmen, wobei die Verhandlungen unterschiedlich weit sind. Natürlich ist das ja alles noch ganz neu. Wir werden aber bald Details zu unseren strategischen Initiativen verraten.

Bild: Glispa