Dr Sophie Chung Junomedical

Ärztin und Gründerin: Sophie Chung

Sophie Chung arbeitete nach ihrem Medizinstudium zunächst als Notfallärztin, dann als Beraterin bei McKinsey. Vor rund einem Jahr gründete sie das mit Millionen finanzierte Medizintourismus-Startup Junomedical in Berlin. 16 Mitarbeiter arbeiten für sie und ihren Mitgründer Gero Graf. Es sei der härteste Job, den sie jemals hatte, sagt Chung. Doch die 33-Jährige ist sich sicher: Sie ist nicht die einzige in der Startup-Szene, die bis tief in die Nacht arbeitet, manchmal bis zur Erschöpfung. Auch ein Burnout ist ihrer Einschätzung nach unter Gründern keine Seltenheit.

Wir haben mit der Gründerin ein Interview geführt – und ungewöhnlich offene Antwort erhalten.

Sophie, du sagst, es gibt einen „Founder-Burnout“. Was genau verstehst du darunter?

Der Begriff Burnout ist ein definierter Begriff in der Medizin und bezeichnet eine Symptomatik ähnlich der Depression. Überträgt man den Burnout auf das Gründerdasein, dann ist das ein Zustand, bei dem ein Unternehmer aufgrund von Überbelastung nicht weiter weiß. Häufig wollen die betroffenen Personen morgens nicht mehr aus dem Bett, bekommen Angstzustände im Büro oder wissen aufgrund von Überforderung nicht mehr, wo sie anfangen sollen. Im Silicon Valley ist dieser Begriff völlig gängig.

Was sind die Ursachen?

Das grundsätzliche Problem bei Startups in der Anfangsphase ist: Es gibt immer eine Ressourcen-Knappheit, weil es immer mehr zu tun gibt als Leute, die diese Arbeit übernehmen können. Hinzu kommt, dass der Gründer immer die letzte Person ist, die weiterkämpft und das Scheitern verhindern muss, wenn nichts mehr klappt. Diese zwei Faktoren sind meiner Meinung nach starke Treiber für dauerhafte Erschöpfung, die zu einem einen Burnout führen kann.

Wie viele Gründer leiden Deiner Meinung nach an einer dauerhaften Erschöpfung?

Ich glaube, mindestens die Hälfte der Gründer leiden unter dauerhafter Erschöpfung, also Schlafmangel und Überbelastung. Das heißt aber nicht, dass 50 Prozent physisch krank sind und tatsächlich einen Burnout haben. Aber es ist eine Situation, die einfach ungesund ist. Meiner groben Schätzung nach sind rund fünf Prozent der Gründer tatsächlich von einem Burnout betroffen.

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Das ist eine überraschend hohe Zahl.

Das Thema Gründen und Startup wird sehr stark romantisiert. Sowohl in den Medien als auch in der Unterhaltungsindustrie. Es wird so getan, als werde in der Szene nur gefeiert. Das ist absolut nicht der Fall. Ich kann sagen: Ich habe selbst gegründet und es ist der härteste Job, den ich jemals gemacht habe. Dabei war ich vorher sogar Notfallärztin und Beraterin bei McKinsey – das sind keine Jobs, die dafür bekannt sind, dass sie besonders einfach oder stressfrei sind.

Warum bist du dann noch Gründerin?

Weil es trotzdem der beste Job der Welt ist – zumindest dann, wenn man eine gute Idee hat und die unbedingt umsetzen will. So geht es mir. Aber ich wünsche mir, dass jemand vorher zu mir gesagt hätte: Hör mal, das ist ein knochenharter Job, du schläfst drei Stunden, kommst nicht mal mehr dazu, deine Beine zu rasieren, weil du lieber fünf Minuten länger im Bett bleiben willst. Außerdem wirst du dich hundert mal am Tag fragen, ob das die richtige Entscheidung war, ob du überhaupt gut genug bist. Stattdessen sagten mir alle: Gründer sein ist total cool, du bist ein Visionär, du hast viel Freiheit, kannst selbst entscheiden. Das stimmt zum Teil, aber als Gründerin bin ich vor allem Mädchen für alles – ich bin in meiner Firma dafür zuständig, dass die Mitarbeiter zufrieden sind, die Investoren weiter Geld geben, aber auch dafür, dass genügend Klopapier da ist (lacht).

Du arbeitest deiner Aussage nach selbst häufig bis drei Uhr nachts. Das klingt hart.

Ich kenne meine eigenen Grenzen und weiß, dass ich auch mit zwei bis drei Stunden pro Nacht auskomme, um am nächsten Tag zu funktionieren. Ich weiß aber auch, dass es nicht allen Menschen so geht, deswegen verlange ich beispielsweise nicht von meinem Co-Founder, dass er dasselbe macht. Das ist der springende Punkt: Man muss wissen, was bei einem selbst funktioniert und was nicht. Ich komme zwar mit wenig Schlaf aus, aber ich muss immer genügend essen. Deswegen achte ich sehr stark darauf, dass ich immer ausreichend Essen bei mir habe, weil mein Gehirn sonst nicht arbeitet. Am Ende ist entscheidet, dass man ein Ziel erreicht, nicht wie. Die Art und Weise muss jeder für sich selbst erkennen.

Was machst du um zwei Uhr nachts?

Tagsüber habe ich sehr viele Meetings mit meinem Team oder Investoren. Nachts ist die Zeit, in der ich in Ruhe nachdenken kann, in der ich Ideen entwickle. Mein Team bekommt auch Emails zu der Zeit.

Das klingt nicht gesund. Wie schützt du dich mit deinem Lebensstil vor einem „Founder-Burnout“?

Indem ich mir sehr bewusst überlege, was mir gut tut und was mir nicht gut tut. Das sind kleine Dinge: Ich gehe beispielsweise am Wochenende gerne auf den Wochenmarkt, ich gucke als Serienjunkie vor dem Einschlafen gerne eine Folge oder ich kaufe gerne Schuhe im Internet. Das klingt vielleicht banal, aber das sind Dinge, die mir Freude machen und mich entspannen. Außerdem umgebe ich mich ganz bewusst mit Menschen, dir mir gut tun. Das heißt auch, dass ich Menschen aus meinem Leben ausgrenze, die mir Energie nehmen. Dazu zählen leider teilweise auch langjährige Freunde.

Du selbst siehst dich nicht als gefährdet?

Nein, absolut nicht. Erstens arbeite ich gerne viel und hart, sonst wäre mir langweilig. Zweitens bin ich selbst Ärztin und würde die Symptome schnell erkennen. Trotzdem: Ich würde niemandem empfehlen, es mir nachzutun (lacht). Und es ist mir auch wichtig, dass mein Team oder mein Mitgründer wissen, dass sie nicht genauso viel und lange arbeiten müssen. Allerdings bin ich schon der Meinung, dass ich als Gründerin und Geschäftsführerin diejenige sein muss, die morgens als Erste da ist und die abends als Letzte geht. Denn du kannst nicht von deinem Team erwarten, dass es hart arbeitet, wenn du es selbst nicht tust.

Warst du schon mal richtig erschöpft und kurz vor einem Burnout?

Ich würde lügen, wenn ich nicht schon mal kurz davor war. Es gab schon immer Momente, in denen ich nicht wusste, was ich machen wollte und muss. Man wird so gezwungen, das große Ganze zu betrachten.

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Muss man als Gründer tatsächlich so viel arbeiten?

Was muss man schon heutzutage (lacht)? Meiner Meinung nach ist es eine Frage des eigenen Stils und Arbeitsphilosophie und darüber, wie man mit vorhandenen Ressourcen umgehen möchte. Natürlich gibt es Gründer, die weniger arbeiten, aber das passt nicht zu mir. Am Ende möchte ich in den Spiegel schauen, vor meine Mitarbeiter und Investoren treten können – und sagen können, dass wir alles gegeben haben, unser Bestes versucht haben. Nur so fühlt es sich für mich richtig an.

Wie lautet dein Appell an andere Gründer?

Gründer sein ist ein knochenharter Job, das muss jeder vor der Gründung bedenken. Egal, wie viele Yogaklassen du nimmst: Überlege dir gut, ob du das wirklich machen willst. Und wenn du dich dafür entscheidest, dann gib alles!

Und wenn man schon mittendrin steckt?

Dann überlege dir, ob du das wirklich alleine schaffen willst. Es gibt immer Wege, wie man aus einer Situation herauskommt. Beispielsweise, indem man für Anteile einen zweiten oder weiteren Gründer an Bord holt. Viele Gründer vergessen auch, rechtzeitig eine gute zweite Führungsebene aufzubauen. Außerdem braucht es Leute im engen Umfeld, mit dem man seine Ängste und Zweifel besprechen kann. In meinem Fall ist das mein Mann und enge Freunde, die mich sehr gut einschätzen können.

Danke für das Gespräch, Sophie.

Bild: Junomedical

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