Gründeten gemeinsam The Changer: Naomi Ryland, Nicole Winchell und Nadia Boegli (von links)

Ist es wirklich so? Wir, die Generation Y, sind anspruchsvolle Arbeitnehmer. Wir wollen nicht nur einen Job mit einem freundlichen Team, der uns das monatliche Einkommen sichert. Nein, das reicht nicht. Wir wollen, dass uns dieser Job erfüllt. Unserem Leben einen Sinn gibt. Damit wir wissen, warum wir uns eigentlich jeden Tag ins Büro schleppen. Und nicht am Strand auf Bali liegen.

Ist das wirklich so, kommt für die Generation Y die Plattform The Changer aus Berlin gerade recht. Gegründet von der Schweizerin Nadia Boegli, der Engländerin Naomi Ryland und der US-Amerikanerin Nicole Winchell stellt The Changer soziale Unternehmen vor und zeigt seinen Nutzern, welche Jobs dort gerade frei sind. „Better Jobs for a better world“, lautet das Motto der Community.

Auf die Idee für The Changer kamen die Gründerinnen Nadia und Nicole bei ihren Jobs in Startups. Ihnen fiel auf, wie gut Gründer, deren Mitarbeiter und Investoren untereinander vernetzt sind. Bei Startups im Bereich Social Entrepreneurship gab es dieses Netzwerk allerdings noch nicht. Die drei Freundinnen beschlossen, dies zu ändern.

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Im April 2014 ging The Changer online. Eine Community für alle, die im Bereich Social Startups arbeiten oder arbeiten wollen. Das Herzstück der Seite: Die Jobbörse mit freien Stellen von NGOs wie Oxfam über die CSR-Abteilung von Vodafone bis hin zu Startups wie Betterplace. 50.000 Besucher nutzen die Seite jeden Monat.

Im Interview erklärt Mitgründerin Nadia Boegli, wie The Changer funktioniert, welche Unternehmen sie besonders schätzt und was ein soziales Startup eigentlich auszeichnet.

Nadia, es gibt bereits viele Online-Jobbörsen. Wieso kommen Jobsuchende dennoch zu euch?

Unsere Jobbörse ist sehr spezifisch, weil alle Jobs sinnstiftend sind. Wir veröffentlichen nur freie Stellen von Social Startups, Stiftungen, NGOs, Wohlfahrtsverbänden oder zum Teil auch CSR-Abteilungen. Außerdem besteht unsere Zielgruppe aus den Top-Talenten der Generation Y. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, von BWL bis Architektur, doch sie verbindet eine Sache: Sie suchen nach dem Sinn im Job. Der entscheidende Unterschied, auch zu engeren Wettbewerbern wie Greenjobs.de oder Nachhaltigejobs.de, ist, dass wir eine ganze Community mit Artikeln zum Thema oder Events aufbauen. Unsere Nutzer fühlen sich als Teil einer Bewegung: sie sind Changer. Deswegen kommen unsere Nutzer auch wieder auf unsere Seite, wenn sie schon einen Job gefunden haben.

Wie verdient ihr mit The Changer Geld?

Wir verdienen mit unseren Jobanzeigen, für die wir jeweils zwischen 35 bis 350 Euro bekommen. So machen wir einen fünfstelligen Umsatz im Monat und können uns Gründern und einem festen Mitarbeiter Gehalt zahlen. Zukünftig werden wir auch Studiengänge auf unserer Seite vorstellen, wofür die Universitäten uns dann Geld zahlen.

Bisher habt ihr Euch selbst finanziert. Sucht ihr nach Investoren?

Ja, wir sind sogar schon in Gesprächen. Wir benötigen Geld für den Ausbau der Community. Wir wollen dieses Jahr noch Standorte in London und New York eröffnen. Das bietet sich nicht nur wegen der zahlreichen Jobs vor Ort an, sondern auch, weil Nicole aus den USA kommt und Naomi aus England.

Ich werde von Jobsuchenden manchmal nach sozialen Startups aus Deutschland gefragt. Mir fallen aber gar nicht so viele ein, die ein großes Team beschäftigen. Welche kennst du?

Es gibt viele. Spontan fallen mir die Berliner Unternehmen Coffee Circle, Betterplace, Auticon oder Rock Your Life! ein. Auch das Netzwerk Ashoka hat in München und Berlin ein Team. Eines meiner Lieblings-Startups ist aber Discovering Hands aus Mühlheim an der Ruhr, gegründet von dem Frauenarzt Frank Hoffmann. Discovering Hands bildet blinde Frauen zu Medizinischen Tastuntersucherinnen, sogenannten MTUs, aus. Durch Abtasten können sie Brustkrebs bei Frauen frühzeitig erkennen. So ist den Frauen geholfen, aber auch den Arztpraxen, die häufig überlastet sind, und es werden Jobs für Blinde geschaffen.

Wie genau lautet die Definition für ein soziales Startup?

Ehrlicherweise gibt es sehr viele Definitionen. Häufig hört man: Wer ein soziales Startup hat, verdient Geld und tut dabei Gutes. Ich würde sagen, es ist genau andersherum: Man tut in erster Linie etwas Gutes und verdient nebenbei auch noch Geld.

Nach welchen Kriterien werden die Arbeitgeber für eure Seite ausgewählt?

Bei vielen ist es einfach, weil es dazu offizielle Verzeichnisse gibt. Wenn wir das Unternehmen nicht kennen, sprechen wir mit dem Gründer oder Geschäftsführer, schauen uns deren Vision an und entscheiden im Anschluss, ob das Konzept tatsächlich sozial ist.

Überspitzt gefragt: Könnte Zalando sich als Social Business bezeichnen, weil es tausende Arbeitsplätze geschaffen hat?

Nein. Bei einem Social Business steht an erster Stelle die gesellschaftliche Veränderung, die dadurch bewirkt wird, und nicht der Gewinnzuwachs. Zalando stellt die Mitarbeiter ja nicht ein, um die Arbeitsplätze zu schaffen und Gutes zu tun, sondern um zu wachsen und so mehr Gewinn zu erwirtschaften.

Ist eine Firma, die Gutes tut, auch immer ein besserer Arbeitgeber?

Das würde ich so nicht sagen. Ich denke jedes Startup, egal ob sozial oder profitorientiert, hat seine Höhen und Tiefen. Wer bei einem sozialen Startup einsteigt, will die Welt ein Stück besser machen und soziale Wirkung erzielen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Mitarbeiter von Social Startups fast noch mehr arbeiten – häufig für weniger Geld als in anderen Firmen. Das Gleiche gilt für die Gründer, die sich ebenfalls oft aufreiben. Das liegt hauptsächlich daran, dass es in diesem Sektor bis jetzt kaum Seed-Investments gibt. Ich glaube auch nicht, dass die Gründer oder Mitarbeiter von sozialen Startups nur Geld verdienen wollen. Sie möchten mit den vielen Stunden, die sie im Büro verbringen, etwas Gutes tun und ein gesellschaftliches oder ökologisches Problem lösen.

Vielen Dank für das Interview, Nadia.

Bild: The Changer