Gründer Ben Lang arbeitet in der Zentralbibliothek an seiner Idee

Da steht er vor mir. In der Zentralbibliothek am Rothschild-Boulevard, die in Teilen zu einem Co-Workingspace für Startups umgewidmet wurde. Sein Name ist Ben Lang und er ist 21 Jahre alt. Ben ist jüdischen Glaubens und mit seiner Familie als Teenager von New York nach Tel Aviv gezogen. Dafür hat er in Kauf genommen, dass er drei Jahre in der israelischen Armee Dienst leisten musste.

Im Rückblick schwärmt er von dieser Zeit. Ben wirkt wie die anderen jungen Männer auf den Straßen von Tel Aviv. Schlaksig, etwas unsicher – aber es gibt einen Unterschied: Er hat, wie viele andere erfolgreiche Gründer im unüberschaubaren Startup-Ökosystem Israels, in der sagenumwobenen Eliteeinheit IDF 8200 gedient.

In diese Einheit nimmt das Militär nur die besten und talentiertesten Frauen und Männer Israels auf. Es gibt rigide Einstellungstest. Bereits auf den Highschools werden Talente gesichtet und dann später ausgesiebt. Die Israel Defense Forces Unit 8200 beschäftigt sich mit Cybersicherheit und digitaler Spionage. Der Ursprung des Stuxnet-Wurms, der im Jahr 2010 Steuerungssysteme iranischer Anlagen zur Uran-Anreicherung lahm legte, wird etwa in dieser Militäreinheit vermutet.

Militäreinheit als Tech-Inkubator

Im Grunde funktioniert die Unit 8200 wie ein Inkubator für Tech-Talente. Kunde der Einheit ist das israelische Militär. Und die Anforderungen sind hoch. Denn hier werden Lösungen gebraucht – schnell unter höchstem Druck. Kein anderes Land ist so sehr auf einen funktionierenden Sicherheits- und Militärapparat angewiesen wie Israel. Abgesehen von der technischen und geheimdienstlichen Ausbildung geht es in der Unit auch darum, Management-Fähigkeiten zu erwerben. Heraus kommen nach drei Jahren kampferprobte Führungskräfte mit überragendem technischem Know-how, Durchhaltevermögen und Disziplin. Kein Wunder, dass so viele ehemalige Angehörige der Einheit inzwischen erfolgreiche Startups leiten.

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Ben erzählt, dass er eher aus Spaß ein Tool gebaut hat, das die Einsätze des Iron Dome verfolge. Mit dem sogenannten Iron Dome verteidigt sich Israel gegen Raketen, die auf das Land abgefeuert werden. Jeder kann jetzt auf Facebook und Twitter unter dem Stichwort „irondomecount“ verfolgen, wie und wo dieses Schutzschild feindliche Raketen abgewehrt hat.

Aber Bens aktuelle Idee ist Mapme. Daran arbeitet er gerade mit Volldampf. Die Idee von Mapme ist es, nicht einfach nur Straßen und Teile der Infrastruktur, sondern spezielle Communities in ihrer ganzen Vielfalt darzustellen. Dafür sorgen die Nutzer selber, die sich an der interaktiven Kartendarstellung beteiligen können. Es gibt Karten vom Startup-Ökosystem in Tel Aviv, Mexiko oder Holland. Oder auch die globale Hummus-Karte, für Menschen, die nirgendwo auf der Welt auf diese leckere orientalische Spezialität verzichten können.

„Nirgendwo habe ich so viel gelernt“

Auch in vielen anderen Startups in Tel Aviv kommt die Sprache immer wieder auf die Armee. Liron Azrielant von der Investmentfirma Blumberg Capital schwärmt von ihrer Zeit in der Unit 8200: „Nirgendwo habe ich so viel gelernt. Vor allem, wie man ein Team führt.“ Frauen müssen in Israel ebenfalls zwei Jahre in die Armee. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass man in Tel Avivs Startups deutlich mehr Frauen sieht als zum Beispiel in Berlin. Azrielant: „Wir haben gelernt, Verantwortung zu übernehmen und schnelle Entscheidungen zu treffen.“ Ihre Firma ist zum Beispiel in Kreditech und Hootsuite investiert.

Liron Azrielant von Blumberg

Israel besitzt keine große Industrie. Deshalb muss sich das Land auf seine Innovationskraft und Bildung stützen. Außerdem ist hier sehr viel mehr Geld für junge Unternehmen verfügbar als in Deutschland. Aber das Geheimnis des israelischen Startup-Booms sind die Israel Defense Forces, die mit ihrer Eliteeinheit zu einem großen Ausbildungszentrum für Computer-Ingenieure, Sicherheitsexperten, Programmierern und Cybersicherheits-Experten geworden sind. Die Chefs der Firmen Palo Alto Networks, Cyberark, Imperva und Check Point Software Technologies sind alle Absolventen der 8200-Einheit und haben inzwischen millionenschwere Börsengänge hingelegt.

Ben Lang hat sich inzwischen ganz locker gemacht und plaudert angeregt mit Journalisten aus aller Welt. Auf die Frage, ob Google nicht seine Idee einfach kaufen oder nachmachen könnte, sagt er ganz lässig: „Google kann alles machen. Aber das wird mich nicht stoppen.“ Bestimmt nicht.

Bilder: Frank Schmiechen; Blumberg