Jodel-Erfinder Alessio Avellan Borgmeyer

Rebekka ist 18 Jahre alt und Studentin an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit einigen Monaten haben sie und ihre Kommilitonen eine neue Lieblingsapp: Jodel. Über die kostenlose App können Nutzer kurze Nachrichten verschicken, die jede Person aus der Community im Umkreis von zehn Kilometern sehen kann. Die Nutzer können die Posts kommentieren und bewerten. Das Besondere an Jodel: Alle sind anonym. Freunde oder Follower gibt es nicht. Es zählt nur, wer in der Nähe ist.

Auch wir haben uns bei Jodel angemeldet und geguckt, was die Nutzer in unserer Berliner Umgebung so zu sagen haben. Unter jedem Posts steht „nah“ oder „sehr nah“. An der Seite des Bildschirms wird angezeigt, wie vielen Personen der Posts gefällt. Ein Nutzer schreibt: „Wenn mich jemand hässlich nennt, werde ich traurig und dann umarme ich denjenigen, weil ich weiß, dass das Leben hart für Sehbehinderte ist“. 52 Likes gibt’s dafür. Der Spruch: „Heute unter der Dusche beim Gähnen fast ertrunken. #LebenamLimit“ bekommt 45 Likes. Ein Nutzer hat Konzertkarten zu vergeben, ein anderer sucht ein bestimmtes Buch.

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Doch in Berlin-Mitte, wo unsere Redaktion sitzt, ist die Jodel-Community etwas träge. Richtig gut funktioniert die App offenbar auf dem Campus von Universitäten, wo viele Gleichgesinnte auf einem Fleck sind. „Fast alle meine Freunde nutzen mittlerweile Jodel“, sagt Studentin Rebekka. Von Bekannten weiß sie, dass neben Frankfurt auch Freiburg und Darmstadt zu den „Jodel-Hochburgen“ zählen. Rebekka findet es cool, dass alle Nutzer anonym sind. „Bei Jodel geht es nur um den Inhalt. Das ist zum Beispiel bei Facebook anders: Da bekommen die beliebten Leute auch die meisten Likes.“

Gegründet wurde Jodel vor rund einem Jahr von dem ehemaligen RWTH-Aachen-Studenten Alessio Avellan Borgmeyer. Der 24-Jährige hatte im Sommer 2013 mit drei Freunden bereits eine ähnliche App namens TellM gelauncht, bei der sich die Nutzer allerdings über Freundschaften verknüpfen mussten. Die vier testeten die App zunächst an Universitäten in Kolumbien und Kalifornien, wo Borgmeyer zuvor mehrere Monate verbracht hatte.

 

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Wenige Tage nach dem TellM-Launch kam die ähnliche App Secret in die Stores, die mittlerweile zwar eingestellt wurde, sich nach dem Start in der Silicon-Valley-Community aber schnell verbreitete. Ebenso populär war bereits die anonyme Messenger-App Whisper. Das Gründerteam wollte sich davon nicht entmutigen lassen. „Aber es war schwer, eine kritische Masse mit TellM zu erreichen“, schildert Borgmeyer gegenüber Gründerszene. „Unsere Haupterkenntnis war, dass es gar nicht so wichtig ist, von wem die Nachricht kommt, sondern dass die gesamte Community ständig sehr aktiv ist.“

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Für Jodel trennt sich Borgmeyer, der gebürtig aus Friedrichsdorf bei Frankfurt kommt, schließlich von seinen Mitgründern. Er entscheidet, die Nachrichten aus dem Stream an alle Nutzer in der Nähe auszuspielen, nicht nur an Freunde. Im Oktober 2014 geht Jodel live. Schnell verbreitet sich die App, die der US-App Yik Yak sehr ähnlich sieht, an deutschen Unis. Aber auch in Spanien oder Schweden erfreut sich Jodel an Beliebtheit. Borgmeyer erklärt den Erfolg so: „Der lokale Talk ist das Außergewöhnliche an der App. Man spricht eben nicht mit Leuten, die man kennt, sondern mit Leuten aus der Umgebung.“ Diesen April hatte die App schon rund 100.000 Nutzer. Und wie viele sind es heute? „Mehr als das Fünffache“, sagt Borgmeyer. Genaue Zahlen möchte er nicht nennen.

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Ungern spricht der Gründer auch über seine prominenten Investoren: Christopher Maire gehört beispielsweise dazu. Er hält mit Atlantic Internet knapp 32 Prozent der Anteile, wie aus dem aktuellen Eintrag im Handelsregister hervorgeht. Aber auch die von den Samwer-Brüdern Oliver und Marc geführte Beteiligungsgesellschaft Global Founders Capital ist mit rund 12 Prozent an Jodel beteiligt. Außerdem hält Business Angel Felix Haas etwas mehr als ein Prozent, der ausgeschiedene Home24-Gründer Felix Jahn hat sich rund 3 Prozent gesichert. Borgmeyer selbst hält noch etwa 25 Prozent der Anteile.

Wie genau Jodel Geld verdienen soll, ist noch nicht klar. „Wir schauen uns gerade viele Modelle an“, sagt Borgmeyer, der weniger als zehn Mitarbeiter in Berlin beschäftigt. „Am offensichtlichsten ist natürlich lokales Advertising. Studenten sind eine höchst attraktive Zielgruppe für viele Unternehmen.“

Bild: Jodel