Erster Exit mit 17: Stripe-Gründer John Collison

Erster Exit mit 17: Stripe-Gründer John Collison

Schüchtern-freundlich sieht John Collison auf den ersten Blick aus. Im recht kalten Ambiente des Raumes wirkt sein graues Hemd irgendwie trist. Doch dann geschieht etwas: John fängt an, von seinem Startup – es ist bereits sein zweites – zu erzählen. Und man merkt dem 26-jährigen sofort an, dass er eine Mission hat. Und fest entschlossen ist, seine Idee umzusetzen. Sachlich und ruhig und in unglaublichem Redetempo legt er los. Und ich komme mit meinen Notizen kaum hinterher.

Eigentlich ist Stripe, das er 2009 zusammen mit seinem älteren Bruder Patrick gegründet hat und das von Elon Musk, Peter Thiel oder Sequoia Capital finanziert wird, ein Payment-Anbieter für Online-Händler und Startups. In recht kurzer Zeit und allenfalls mit kleineren Wachstumsschmerzen, haben die gebürtigen Iren Stripe zu einem wichtigen Player im Silicon Valley aufgebaut.

Aber Zahlungen waren ohnehin nur der Anfang. Stripe will alles anbieten, was junge Unternehmen dringend benötigen, das aber nichts mit der eigentlichen Geschäftsidee zu tun hat. Wer etwas verkaufen will, muss Zahlungen annehmen können, deswegen fing damit alles an. Nun geht es weiter: Das Einrichten eines Bankkontos hat das Jungunternehmen aus dem Valley genau so im Angebot wie Rat bei Rechts- und Steuerfragen. Sogar die Gründung einer Gesellschaft nach US-amerikanischem Recht.

Und damit soll nicht Schluss sein: Deutsche Jungunternehmen befragt Collisons Stripe gerade in einer Umfrage, wie eine „Startup Toolbox“ für sie aussehen muss.

Warum macht er das? Wie kam es dazu, dass er und sein Bruder überhaupt ein Tech-Startup gegründet haben? Wie kam er zu dem Titel „jüngster Selfmade-Milliardär der Welt“ – und gefällt ihm der überhaupt? Hier kommen seine Antworten.

John, Du bist erst 26 aber schon fast ein alter Hase was das Gründen angeht. Deinen ersten Exit hattest Du zusammen mit Deinem Bruder schließlich schon mit 17 Jahren…

Patrick und ich hatten gar nicht unbedingt geplant, ein Startup zu gründen. Wir sind da irgendwie reingerutscht. Wir waren sehr interessiert an Technologie. Und daran, wie sie die Welt verändert: Es war aufregend, dass die geografische Nähe zu den großen Städten immer unwichtiger wurde.

Was meinst Du?

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Wir sind mitten im irischen Nirgendwo aufgewachsen. Aber wir hatten Satelliten-Internet und Bücher übers Programmieren. Also haben wir angefangen zu coden. An einem gewissen Punkt haben wir dann eine Startup-Idee gehabt und konnten sie „auf dem Lande“ umsetzen. Das Internet bietet einem eine solch riesige Kundschaft, wir konnten unser Produkt ganz einfach weltweit anbieten. Und: Man sieht bei dem, was man macht, sofort die Wirkung bei den Kunden, das ist sehr befriedigend. Unsere Idee wurde dann sehr schnell aufgekauft, das war unser erster Berührungspunkt mit der Startup-Welt.

Und daran bist Du hängen geblieben.

Diese Welt macht schon etwas abhängig (lacht).

Was genau war Eure erste Idee?

Wir bauten mit Auctomatic ein Tool für E-Commerce-Anbieter, speziell die auf Ebay. Etwa für das Inventarmanagement und zur Verbesserung des Verkaufsprozesses. Aus den Erfahrungen bei diesem Startup entstand dann später übrigens auch die Idee für Stripe.

Was war das schwierigste daran, ein Online-Business aufzubauen?

Viele denken ja, es sei die Idee. Den Code zu schreiben. Oder das Ganze zu den Kunden zu bekommen. Aber eigentlich ist es etwas ganz anderes: Als wir schließlich ein Produkt hatten, das die Kunden auch wollten, mussten wir es zu einem Business machen, um Geld damit zu verdienen. Das war wirklich schwierig! Wir mussten viel Software dazu selbst programmieren, wir mussten von den Banken die Erlaubnis einholen, Kreditkarten-Überweisungen abwickeln zu dürfen und viele andere Sachen. Nachdem wir unser Produkt und unsere Webseite innerhalb kürzester Zeit aufgebaut hatten, fühlte sich dieser Schritt an wie eine Zeitreise, Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit.

Und aus dieser Frustration entwickelte sich dann Stripe?

Richtig. Es schien so unnötig, dass dieser Teil so schwer sein muss – besonders die Zahlungsabwicklung hätte doch ein absolutes Standard-Feature sein müssen! Wir konnten gar nicht glauben, dass es noch gar keine Anbieter gab, die diesen Aufwand einfacher machten. Deswegen hatten wir in den ersten Stripe-Jahren dann auch immer Angst, dass es doch schon welche gibt und wir sie nur übersehen hatten.

Du hast bislang immer zusammen mit Deinem Bruder gegründet. Ist das eine vorteilhafte Konstellation?

Wollen mit Stripe jungen Unternehmen auf die Sprünge helfen: John (links) und sein Bruder Patrick Collison

Wollen mit Stripe jungen Unternehmen auf die Sprünge helfen: John (links) und sein Bruder Patrick Collison

So etwas hängt natürlich immer vom Bruder ab (lacht). Wenn man ein Unternehmen gründet, dann ist das wahnsinnig stressig und es gibt wahnsinnig viel zu tun. An Stripe zum Beispiel arbeiten wir schon seit Ende 2009 sehr intensiv zusammen. In dieser Zeit hatten wir immer wieder mit Schwierigkeiten zu kämpfen, sei es mit der Technik, den Kunden oder den Finanzen. Da muss man dem Mitgründer wirklich vollständig vertrauen, sonst explodiert alles. Wenn man mit jemandem startet, den man nicht gut kennt, holt man sich also immer auch zusätzliches Risiko herein.

Seid Patrick und Du Euch eher ähnlich? Oder unterscheidet Ihr Euch sehr?

Wir kommen natürlich aus dem gleichen Umfeld, wir sind zusammen aufgewachsen, haben uns das Programmieren gemeinsam beigebracht. Gerade in der ersten Zeit unserer Startups haben wir daher immer viel zusammen gemacht: Wir haben etwas entwickelt und sind dann damit zu den Kunden gegangen, um zu fragen, ob es so passt. Später haben wir das dann aufgeteilt: Patrick kümmert sich um das Engineering, ich eher um die Kunden.

Durch den ersten Exit seid Ihr bereits als Jugendliche zu viel Geld gekommen. Wie hat sich das angefühlt? Und konntet Ihr das in dem Alter überhaupt verarbeiten?

Für uns kam das eher schleichend. Wir haben klein angefangen, dann wurde schrittweise alles größer. Wie ein Übernacht-Erfolg hat es sich nie angefühlt, auch wenn so etwas nach außen manchmal so scheint.

Gerade hat Dich Forbes sogar auf Basis der jüngsten Unternehmensbewertung und Deiner Anteile zum jüngsten Selfmade-Milliardär gekürt. Wie findest Du das?

Niemand ist wegen solcher Headlines im Business. Patrick und ich stehen nicht so gerne im Vordergrund. Uns geht es darum, was wir und die Leute bei Stripe tun – und was andere Unternehmen mit Stripe aufbauen.

Aber es ist doch schon eine Art Bestätigung.

Das hängt davon ab, wie man Erfolg misst. Die Bewertung eines Unternehmens dient nach außen oft als Maßeinheit. Aber das drückt ja nur das aus, was vom Unternehmen in Zukunft erwartet wird. Und es gibt so viele Unternehmen wie Groupon oder im ersten Internet-Boom Pets.com, die einmal zu den ganz großen Erfolgsgeschichten zählten. Das heißt aber nicht, dass sie es auch langfristig waren.

Mit Blick auf Deine Erfahrungen als Gründer – denkst Du heute anders als vor einigen Jahren?

Vor allem habe ich heute natürlich mehr Ahnung von dem, was wir machen und wo wir hinwollen. Viele Gründer behaupten immer, von Beginn an eine ganz konkrete Vision für ihr Unternehmen gehabt zu haben. Aber das stimmt ja niemals. Was wirklich passiert, ist, dass man anfangs eine klitzekleine Einsicht in ein Problem hat, und sich von dort voran arbeitet. Bei uns ging es mit der Erkenntnis los, dass es viel zu schwierig war, ein Business zu starten und zu globalisieren.

Als Plattformanbieter hat Stripe viel Verantwortung – immerhin hängt das Geschäft vieler kleinerer Unternehmen davon ab. Wie geht Ihr damit um? Und heißt das, dass ihr bei der Entwicklung langsamer werdet?

Das ist natürlich ein Thema, das uns beschäftigt. Unsere Herangehensweise an die Entwicklung bei Stripe ist, sehr regelmäßig kleine Verbesserungen zu machen. Zum einen lassen sie sich gut testen, weil es weniger Abhängigkeiten gibt. Zum anderen wissen wir gleich, woran es liegt, wenn wirklich einmal etwas schief gehen sollte. Oberste Priorität hat aber immer die Stabilität unserer Plattform.

Du und Patrick habt in Harvard beziehungsweise am MIT studiert und seid dann ins Silicon Valley gegangen. Wie wichtig war das für Euch?

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Das ist schwer zu sagen, wir wissen ja nicht, wie es anders gewesen wäre. Wir wollten ja eigentlich nur einen Sommer im Silicon Valley sein, um neue Kunden zu finden – die Basis von 10 auf 20 auszuweiten und uns damit zu verdoppeln (lacht). Aber es gibt zwei Dinge, die uns im Valley wirklich geholfen haben: Überraschenderweise waren dort sehr viele Startups interessiert, unser System auszuprobieren, es gab also einen großen Kreis potenzieller Kunden. Zweitens: Im Valley gibt es so viele erfahrene Tech-Leute, dass man ein Unternehmen mit ihrer Hilfe viel schneller groß machen kann. Das ganze Wissen selbst aufzubauen, hätte viel länger gedauert.

Hättet Ihr in Europa trotzdem erfolgreich werden können?

Damals wahrscheinlich nicht. Aber das irische Ecosystem ist natürlich inzwischen auch stark gewachsen und es gibt erste Erfolgsgeschichten, wie etwa den SaaS-Anbieter Intercom.

Es gab ja schon viele Stripe-Kopien in der Welt, auch in Deutschland. Habt Ihr jemals darüber nachgedacht, Eure internationale Expansion durch Zukäufe zu machen? Gab es da Gespräche?

Wir sind sehr offen und sprechen mit vielen. Aber es ergibt nicht viel Sinn, eine Zahlungsplattform dadurch großzumachen, in jedem Land ein eigenes technisches System zu betreiben. Das macht alles zu komplex, auch für den Kunden.

Stripe ist bislang eine echte Erfolgsgeschichte. Was war der Tiefpunkt seit der Gründung?

Es gab zum Glück nicht den einen Tiefpunkt in der Geschichte von Stripe, wir mussten nie wie Airbnb Packungen mit Frühstücks-Cerealien herstellen, um uns zu finanzieren. Aber es war sehr lange nicht klar, ob Stripe als Business wirklich funktioniert. Wir haben besonders am Anfang oft das Wort Nein gehört. Damit umzugehen, war vielleicht die größte Herausforderung. Man darf sich von einem Nein nicht unterkriegen lassen, oftmals kann man den Gegenüber nämlich doch noch überzeugen.

Ist diese Hartnäckigkeit etwas, das ein guter Gründer in den Genen hat? Oder kann man sie erlernen?

Ich glaube, man kann das lernen. Beharrlichkeit ist in jedem Fall eine der wichtigsten Charakterzüge für erfolgreiche Unternehmer. Schulnoten sind deswegen auch ein besserer Indikator für den zukünftigen Erfolg als Begabungstests. Denn die Noten geben Auskunft darüber, wie intelligent du bist und gleichzeitig, wie sehr Du Dich über lange Zeit in eine Sache reinbeißen kannst.

Und hattest Du immer gute Noten?

(lacht)

John, vielen Dank für das Gespräch!

Bild: Handout / Gettyimages