Jourvie: „Langfristig wollen wir mit Krankenkassen und Unternehmen kooperieren“

Vor sieben Jahren erkrankte Ekaterina (heute 25) an Magersucht. Zwei Jahre lang wollte sie nichts essen, fühlte sich schuldig, wenn sie nur in einen Apfel biss. Einmal die Woche musste sie zum Therapeuten, für den sie ein Protokoll mit allen Mahlzeiten führen musste. Die großen ausgedruckten Tabellen, in die jede Zutat und ihre Stimmung eintragen musste, fand Ekaterina unhandlich und unmodern. Häufig vernachlässigte sie die Listen.

Drei Jahre nach dem sie Krankheit überwunden hatte, begann sie mit der Entwicklung einer App, mit der sich Essprotokolle leichter handhaben lassen. Mit drei Mitarbeitern und der Unterstützung von Ärzten der Charité in Berlin hat sie nun die App Jourvie gebaut, die aktuell von rund 150 Patientinnen getestet wird.

Ekaterina, wie bist Du auf die Idee für Jourvie gekommen?

Ich hatte selbst zwei Jahre mit Magersucht zu kämpfen. Während meiner Therapie musste ich immer aufschreiben, wo ich was mit wem gegessen hatte – und vor allem: wie ich mich dabei gefühlt habe. Meine Aufzeichnungen bin ich dann mit meiner Psychologin durchgegangen. Doch ich habe oft keine Notizen gemacht, weil ich meine Unterlagen vergessen habe oder es mir vor Freunden unangenehm war.

Da ist eine App praktischer, weil niemand sehen kann, was man mit seinem Handy gerade macht.

Außerdem kann man das direkt nach dem Essen ausfüllen und alles genau eingeben – ohne die Gefahr, wichtige Details zu vergessen. Ich habe während meiner Therapie angefangen, mit Excel mehr Struktur in meine Aufzeichnungen zu bringen. Aber erst Jahre später – während meines Studiums in Kommunikationswissenschaften an der Universität der Künste in Berlin – habe ich im Rahmen meiner Masterarbeit die App entwickelt.

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Wie ging es dann weiter?

Ich habe mit vielen Ärzten gesprochen, auch mit einem Team von der Berliner Charité, und mich bei der Umsetzung beraten lassen. Das war sehr spannend, weil die Ärzte unglaublich interessiert waren an dem Projekt. Im Rahmen von Engagement mit Perspektive (PEP), einem Programm der Non-Profit-Organisation Ashoka ermöglicht durch SAP, habe ich dann für ein Jahr Fördergeld bekommen, damit ich das Projekt umsetzen kann.

Jetzt arbeitet Ihr bereits seit über einem Jahr an dem Projekt, die Förderung ist also ausgelaufen. Wie finanziert Ihr Euch?

Wir sind gerade auf der Suche nach Investoren, die innovative Lösungen mit sozialer Wirkung unterstützen wollen. Unser primäres Ziel ist nicht, Geld zu erwirtschaften, aber wir müssen natürlich auch wirtschaftlich sein, um unsere Arbeit und die App nachhaltig finanzieren zu können. Da wir gemeinnützig sind, werden alle Gewinne wieder in die Entwicklung der Organisation investiert.

Aktuell habt Ihr also noch keine Investoren?

Unser erstes Ziel ist es, die App zu launchen. Dann können wir beweisen, dass sie tatsächlich den Patienten hilft und die Therapiedauer verkürzt. Langfristig wollen wir mit Krankenkassen und Unternehmen kooperieren und so Geld verdienen.

Es gibt bereits eine Testversion der App. Wann plant Ihr, die finale Version in die Stores zu bringen?

Die Android-Version wollen wir Ende November launchen. Unsere Testversion wird aktuell von 145 Patienten genutzt, die über Foren oder die Charité darauf aufmerksam geworden sind. Von ihnen bekommen wir viel Feedback, damit die App am Ende allen Betroffenen hilft.

Vielen Dank für das Gespräch, Ekaterina.

Bild: Jouvrie