Die Stadt aus der Vogelperspektive. Vorn im Bild: das Karlsruher Schloss.

Ein Beitrag von Christian Birnesser, Leiter der Abteilung Kommunikation & Marketing beim CyberForum, einem Unternehmernetzwerk für die IT- und Hightech-Branche in Karlsruhe.

Ein Blick in die digitale Glaskugel

Fast unbemerkt vom Rest der Nation bastelt man in Karlsruhe an der Zukunft – oder besser gesagt an deren Vorhersage. Predictive Analytics nennt sich das Verfahren, mit dem das Big-Data-Unternehmen Blue Yonder für Kunden wie den Versandhändler Otto oder die Drogeriemarktkette DM den Blick in die digitale Glaskugel wagt. Dazu analysieren die Data Scientists um Prof. Dr. Michael Feindt und Uwe Weiss große Datenmengen und leiten daraus Zukunftsprognosen ab. Otto konnte so die Retouren-Quote senken, dm die Mitarbeiterplanung an die Filialumsätze anpassen.

Fast unbemerkt. Denn Ende 2014 erhielt Blue Yonder 75 Millionen Dollar Private-Equity aus dem Hause Warburg Pincus für weiteres Wachstum. Das Unternehmen – in Fachkreisen schon länger ein Begriff – rückte nun auch in das Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit. Und der IT- und Hightech-Standort Karlsruhe gleich mit.

Bodenständigkeit als Erfolgsrezept

Karlsruhe hat 300.000 Einwohner. Die Region beheimatet 4.200 IT-Unternehmen mit 36.000 Arbeitsplätzen. Im vergangenen Jahr schaffte es der Standort in einer EU-Studie zu den ICT-Hubs Europas auf Platz vier, direkt hinter den Metropolen München, London und Paris. Für eine Stadt der Größe Karlsruhes ist das ein beachtliches Ergebnis. Trotzdem hört man verhältnismäßig selten etwas aus dem Südwesten Deutschlands. Warum eigentlich?

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„Die baden-württembergische Mentalität spiegelt sich sehr stark in der Art, wie hier im Süden Firmen gebaut werden. Man macht einen Schritt nach dem anderen, wirtschaftet nicht über seine Verhältnisse und redet nicht über Meilensteine, die noch nicht erreicht wurden“, meint Tobias Knecht, CEO des IT-Security-Unternehmens Abusix. „In der lauten Geschäftswelt ist das manchmal etwas kontraproduktiv. Da muss auch mal gebrüllt werden.“

Abusix wurde 2009 gegründet. Das Unternehmen entwickelt Systeme für Internet Service Provider und Hosting Companies, um Angriffe auf IT-Netzwerke identifizieren und abwehren zu können. „House Cleaning“, nennt es Knecht. 2013 war er mit Abusix Teil des German Accelerator Programms und hat dadurch den Sprung ins Silicon Valley geschafft. Der Unternehmenssitz wurde daraufhin nach Palo Alto verlegt, die Abteilungen Business Development, Marketing und Sales ebenso. „Da sind die Amerikaner einfach besser – offener und zugänglicher“, argumentiert Knecht.

Ein funktionierendes Ökosystem

Was den Bereich Research and Development betrifft, hat sich Abusix aber bewusst für Karlsruhe entschieden. Das Unternehmen will weiter wachsen, sucht vor allem Entwickler und Coder und wird am Standort fündig: Seit Jahren belegen die Informatik-Fakultäten der beiden Hochschulen in Rankings die Spitzenpositionen.

Das Büro von Abusix

Karlsruhe konnte bei Knecht aber auch durch das gute Ökosystem punkten. Überschaubare Größe kann manchmal auch ein Vorteil sein. Die Wege sind in Karlsruhe noch kurz und die Unterstützungsleistungen erfolgen unbürokratisch: Stadt, Beratungsstellen, Forschungseinrichtungen und Netzwerke arbeiten einander zu.

Darüber hinaus sprechen auch weichere Faktoren für die Fächerstadt. Karlsruhe gehört zu den wärmsten Städten Deutschlands, Grünflächen reichen bis in die Innenstadt und die Nähe zum Elsass, der Pfalz und dem Schwarzwald lädt zu Tagesausflügen ein. Das Mietniveau liegt bundesweit im oberen Mittelfeld, reicht aber bei weitem nicht an die Preise von München, Stuttgart oder Köln heran. 2015 wird die Stadt zudem 300 Jahre alt und feiert das mit einem großen kulturellen Angebot.

Aktive Community auf dem und abseits des Campus

Auf und um den Universitätscampus hat sich eine lebendige Community entwickelt, die sich regelmäßig zum Austausch trifft, beispielsweise beim Gründergrillen. Vor allem für IT-Startups ist das Veranstaltungsangebot üppig und umfasst mit Devcamps, Hackathons, Matching-Events und Investoren-Pitches alles, was das Gründerherz begehrt.

Ein Großteil der Karlsruher Gründer ist auf dem B2B-Markt unterwegs. Nicht wenige haben einen wissenschaftlichen Hintergrund oder sind Ausgründungen von Forschungsinstitutionen – folglich sind auch die Technologien oftmals komplexer und die Geschäftsmodelle daher auch vertriebs- und betreuungsintensiver.

Aushängeschilder des Standortes sind im Hightech-Sektor die Cynora GmbH, deren zukunftsträchtige OLED-Technologie zum Beispiel bei biegsamen Smartphone-Displays zum Einsatz kommt oder auch die E-volo GmbH mit dem ersten emissionsfreien Privathubschrauber.

Es krankt noch etwas an der Finanzierung

Was dem Standort fehlt, sind Kapitalgeber mit internationaler Ausrichtung. Investments wie das in Blue Yonder sind die Ausnahme, nicht die Regel. „Die ganz großen Venture-Capital- oder Private-Equity-Gesellschaften haben ihren Sitz in Frankfurt, München oder Berlin“, meint Matthias Hornberger, CFO bei der Karlsruher Venture-Capital-Gesellschaft Kizoo. „Für Unternehmen an Standorten ohne Großstadtglanz ist es deshalb oft schwieriger, die Aufmerksamkeit von VCs auf sich zu lenken.“

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Kizoo selbst ist auf Seed- und Frühphasen-Finanzierungen spezialisiert, investiert vorwiegend in technologieorientierte Startups aus dem deutschsprachigen Raum. Hornberger kam 1999 in den Zeiten des ersten Internet-Hypes nach Karlsruhe und begleitete als kaufmännischer Vorstand das damals größte deutsche Webportal Web.de vom IPO bis zum Exit. Seit vielen Jahren sucht der gelernte Banker neue Champions im digitalen Geschäft.

Die Musik spielt, wo die Märkte sind

Dem Standort prophezeit Hornberger gute Zeiten, weil sich Geschäftsmodelle vermehrt in Richtung B2B entwickeln. Durch Industrie 4.0, Big Data und das Internet der Dinge ergeben sich neue Möglichkeiten, für die der Standort attraktive Rahmenbedingungen bietet. Nischen öffnen sich. Die IT hält Einzug in traditionellere Industriezweige. Technisches Know-how ist gefragt.

Hornberger glaubt, dass dadurch vor allem technologieorientierte Standorte, die durch den B2C-lastigen App-Hype etwas Federn lassen mussten, wieder Rückenwind bekommen. „Karlsruhe kann jetzt ordentlich Strecke machen, da man als Technologieregion über die nötige B2B-Infrastruktur verfügt und wichtige Anwenderbranchen wie Logistik, Maschinenbau oder die Automobil-Branche in unmittelbarer geografischer Nachbarschaft liegen“, erläutert Hornberger. „Die Musik spielt dort, wo die Märkte sind.“

Disclaimer: Matthias Hornberger von Kizoo ist auch Vorstandsvorsitzender des Cyberforums, für welches der Autor dieses Beitrags tätig ist.
Titelbild: KTG Karlsruhe Tourismus GmbH (Foto: Jürgen Rösner); Bild 2: Abusix