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Kelsen-Gründer und Anwalt: Sergio Aragón

Ist das Big-Data-Startup Kelsen, das Rechtsfragen automatisiert beantworten möchte, nur ein Luftschloss? So betitelt zumindest das Online-Magazin Deutsche Startups das Berliner Startup in seinem Artikel „Kelsen ist kein Killer-Startup, nur ein großes Luftschloss“.

Die deftige Kritik von Deutsche Startups: Kelsen sei bisher nicht mehr als eine Kopie der Datenbank von Frag-einen-Anwalt, einer Plattform, auf der Nutzer Fragen an Anwälte stellen können. Zudem habe Kelsen zu großspurig vor der Öffentlichkeit und Investoren den selbstlernenden Algorithmus und NLP-Features beworben. Dabei befinde sich keiner dieser Meilensteine derzeit in der Entwicklung oder einem veröffentlichungswürdigen Entwicklungsstand.

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Tatsächlich musste sich Kelsen wegen der Datenbank-Kopie vergangene Woche vor Gericht einfinden. QNC, das Hannoveraner Unternehmen hinter Frag-einen-Anwalt, erwirkte vor dem Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung. Kelsen darf nun nicht mehr auf die öffentlich zugänglichen Daten der fremden Plattform zugreifen und muss auf verschiedene Werbeaussagen verzichten – unter anderem auf die Bezeichnung „innovative Analysemethode“.

„Wenn ein Unternehmen so übertreibt, kann das in die Irre führen. Das schadet dann zuerst den Wettbewerbern. Da muss man gegen vorgehen, damit der Markt fair bleibt“, so QNC-Geschäftsführer Michael Friedmann. „Wer eine fremde Datenbank kopiert und für ein Konkurrenzangebot nutzt, macht sich urheberrechtlich und wettbewerbsrechtlich angreifbar“, ergänzt Rechtsanwalt Philipp C. Redlich, der QNC vor dem Landgericht Berlin vertrat.

Datenklau nicht richterlich festgestellt

Laut Deutsche Startups hätten über diesen Sachverhalt Richter des Berliner Landgerichts entschieden. Das sei aber laut Kelsen-Gründer Sergio Aragón in sofern falsch, als das „zu keinem Zeitpunkt ein Richter über den Rechtsstreit entschieden“ habe, sondern dass der Rechtsstreit durch eine Anerkenntnis beendet wurde. Daher gäbe es auch keine entsprechende richterliche Feststellung, dass Daten des Wettbewerbers auf rechtswidrige Weise „gemopst“ wurden, wie es Deutsche Startups ausdrückt.

Aragón, selbst Anwalt, bestätigte gegenüber Gründerszene, dass zu den von Kelsen ausgewerteten Diskussionsforen auch Frag-einen-Anwalt gehörte. Jedoch im Gegensatz zu den Behauptungen von Deutsche Startups, sei dies zu keinem Zeitpunkt die einzige verwendete Rechtsquelle, sondern lediglich eine von vielen gewesen. Dies habe man in der mündlichen Verhandlung deutlich gemacht und die entsprechende Dokumentation vorgelegt, so Aragón.

Der Rechtsauffassung von Aragón nach, seien die Tätigkeiten von Kelsen von früheren Urteilen verschiedener OLGs sowie vom Bundesgerichtshof zur Extrahierung und Nutzung fremder Daten und Datenbanken gedeckt. In Revision wolle man lediglich deshalb nicht gehen, weil das jahrelange Gerichtsverfahren nach sich ziehen und Ressourcen kosten würde, die das ursprünglich über Bootstrapping finanzierte Startup lieber in die Entwicklung seines Produktes stecken wolle.

Auch dem Kritikpunkt von Deutsche Startups, dass Kelsen vor Investoren nur heiße Luft pitchte, widerspricht Aragón: „Leider gibt heutzutage niemand mehr Geld für eine bloße Idee aus. Aus diesem Grund müssen Startups mit ihren Ideen so schnell wie möglich auf den Markt gehen, um so ein Produkt zu bauen, das funktioniert und bei den Nutzern gut ankommt. Sie können das Produktmarkt-Fit, Proof-of-Concept, Traktion, etc. nennen – aber ‘Luftschloss’ ist eine respektlose Bezeichnung für die Arbeit von vielen Entrepreneurs, die es wagen, mit wenig Ressourcen zu innovieren.

Kelsen: „Wir bitten, den Wert unserer Vision zu erkennen“

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Fazit: Zum einen ist der Fakt, dass das Big-Data-Startup auf externe Daten angewiesen ist und sich derzeit in einer Phase der Datensammlung befindet, bereits seit längerem bekannt. Zum anderen machte Aragón bereits in einem früheren Interview mit Gründerszene deutlich, dass die nächsten Schritte – wie der selbstlernende Algorithmus und die Analyse natürlicher Sprache – noch einiges an Entwicklungszeit und Kapital verschlingen würden. Kelsen hat also durchaus noch die Chance, ein Killer-Startup zu werden.

„Worum wir nun und zu diesem Zeitpunkt bitten, ist es, den Wert unserer Vision zu erkennen, sowie die technischen Anstrengungen, die wir bisher auf uns genommen haben, um diese Vision mit den wenigen uns zur Verfügung stehenden Ressourcen zu verwirklichen“, so Aragón.

Bild: Kelsen