yancey strickler ceo kickstarter

Yancey Strickler, Mitgründer und CEO von Kickstarter, im Büro von Gründerszene

Kickstarter ist letzte Woche hierzulande gestartet. Yancey Strickler, Mitgründer und CEO der US-Crowdfunding-Plattform, tourte deshalb durch Deutschland und kam auch in der Gründerszene-Redaktion vorbei. Eigentlich wollten wir mit ihm vor allem über den Launch sprechen – aber dann schweifte das Gespräch ab und drehte sich unter anderem um kreative Krisen. Und darum, weshalb der Kickstarter-CEO sich schlecht fühlt, wenn er liest, dass andere Gründer extrem viel und lange arbeiten.

Yancey, warum hat es so lange gedauert, Kickstarter nach Deutschland zu bringen?

Wir sind ein geduldiges Unternehmen und wollen Dinge auf die richtige Weise angehen. Um in Deutschland zu starten, mussten zunächst einige Dinge passieren. In der Vergangenheit waren wir durch die Bezahl-Infrastruktur eingeschränkt und haben das gesamte letzte Jahr damit verbracht, unsere Payment-Struktur von Amazon auf Stripe umzusatteln. Außerdem ist es erstmals für den deutschen Markt möglich, ein Projekt via Lastschriftverfahren zu finanzieren – zuvor ging das nur über die Kreditkarte. Und wir haben ein kleines Feature integriert, mit dem automatisch Euro-Beträge in Dollar angezeigt werden. Für Deutschland haben wir übrigens auch zum allerersten Mal die Seite in eine andere Sprache, also deutsch, übersetzt – das war ein umfangreicher Prozess. Projektgründer und Kreative können jetzt außerdem Videos untertiteln lassen, um mehr Unterstützer ansprechen zu können. Das alles hatten wir auf unserer kleinen Checkliste. Erledigt – nun sind wir da.

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Wie wichtig ist der deutsche Markt für Euch?

Die langweilige Antwort auf die Frage wäre: Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und es ist tatsächlich für Kickstarter eines der wichtigsten Länder, was die Herkunft der Unterstützer angeht. Die etwas interessantere Antwort wäre, dass die wichtigsten Schlagworte für Kickstarter Kreativkultur und Innovation sind – und wir glauben, dass Deutschland in beiden Feldern tatsächlich besonders großes Potenzial hat.

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Ihr habt mit Kickstarter eine Vorreiterrolle eingenommen – inzwischen gibt es aber auch jede Menge weiterer Crowdfunding-Plattformen. In Deutschland sind zum Beispiel Startnext oder Indiegogo stark. Wie schätzt Du die Wettbewerbssituation hierzulande ein?

Ich mache mir keine so großen Sorgen. Ich bin mir natürlich absolut darüber bewusst, wie viele andere Plattformen wir mit Kickstarter inspiriert haben. Aber wir waren eben die Ersten – wir verfolgen von Anfang an unsere eigenen Ideen. Wir kopieren niemanden. Wir haben die größte Reichweite und die Projekte auf unserer Plattform haben mit Abstand das meiste Geld eingesammelt – bisher insgesamt 1,7 Milliarden US-Dollar. Wir wollen diese Marktposition natürlich behalten. Und ich hoffe, dass Kickstarter die wichtigste Plattform in der Kreativszene Deutschlands wird.

Kickstarter grenzt sich insofern ja auch über die Zielgruppe ab.

Ja, ich denke schon. Die Mehrheit der Indiegogo-Projekte haben einen eher persönlichen und Charity-Charakter. Bei Startnext habe ich den Eindruck, dass es hier viel um Technologie geht. Und wir haben eben vor allem kreative Projekte im Fokus. Das schließt Musik, Film und Publishing ein, kann aber natürlich auch in die Tech-Richtung gehen – Hauptsache, es geht um etwas Kreatives. Das hat den Hintergrund, dass wir – meine Mitgründer Perry Chen und Charles Adler und ich – alle ursprünglich aus dem Kreativ-Bereich kommen. Ich hoffe, man merkt, wie wichtig uns das ist.

Stimmt, Du selbst bist ja ursprünglich Musikjournalist gewesen, bevor Du unter die Gründer gegangen bist. Hast Du noch Zeit für eigene kreative Projekte?

In der Vergangenheit bin ich noch öfter dazu gekommen, zu schreiben oder Musik machen – das schaffe ich leider kaum noch. Vor ungefähr zwei Jahren hatte ich mal eine kleine Tiefpunktphase, da habe ich mich gefragt: „Okay, ich helfe hier zwar anderen Leuten, ihre kreativen Ideen zu verwirklichen – aber was ist mit meinem eigenen Kram?“ Und dann habe ich tatsächlich einen Malkurs für Ölgemälde besucht, in dem wir ein Gemälde von Velasquez kopiert haben. Und das Resultat war ziemlich gut – es sah tatsächlich aus wie ein richtiges Gemälde! [lacht] Eine Freundin von mir rahmt zufällig Gemälde für das Metropolitan Museum of Art in New York – wo auch das Original hängt. Ich habe zu ihr gesagt: Lass uns das echte stehlen und mit meinem austauschen. Und nun hängt mein Gemälde in einem wunderschönen goldenen Rahmen aus dem 18. Jahrhundert – allerdings in meinem eigenen Haus.

Hat Dir dieser kleine kreative Exkurs aus deiner Krise geholfen?

Naja, während des Kurses war ich teilweise auch etwas frustriert. Man arbeitet ja immer nur an einem Bereich des Bilds, was mir das Gefühl gab, ich kleckse da nur herum. Und dann geht man mal ein paar Schritte zurück – und nimmt sich lange Zeit, zu schauen. Und auf einmal ergibt sich tatsächlich aus all den Klecksen ein physisches Ergebnis. Das ist ein toller Moment, wie eine Belohnung. Mit dem Job ist es ähnlich. Ich nehme mir die Zeit, mein Leben so zu leben, dass es mir gut geht. Ich beginne jeden Tag damit, erst einmal für eine halbe Stunde in einem guten Buch zu lesen. Und ich stelle sicher, dass sich meine Gedanken auch um andere Dinge drehen als um Kickstarter. Das ist für mich unheimlich wichtig, das brauche ich einfach.

Das klingt, als würdest Du nicht dem üblichen Bild eines Gründers entsprechen, der 20 Stunden am Tag arbeitet.

Uff ja, man hört von so vielen Leuten, dass man als Entrepreneur so viel härter und länger arbeiten müsste, als alle anderen – mehr, als sich irgendjemand auch nur vorstellen kann.

Und, muss man?

Nein, ich finde nicht! Ich denke, dass viele – vor allem junge – Unternehmer falsch damit liegen. Für mich ist es auf jeden Fall der falsche Weg. Wenn ich solche Aussagen lese, fühle ich mich unzulänglich und frage mich: Arbeite ich denn hart genug? Einmal alle paar Wochen arbeite ich von zu Hause aus, erledige dann Anrufe und mache irgendwelche Hausarbeiten. Aber gleichzeitig spukt mir im Kopf herum, ich sollte eigentlich gerade kein Geschirr spülen – sondern etwas „Richtiges“ arbeiten, also fürs Unternehmen. Das ist dieser kleine Teil in meinem Gehirn, der diese Twitter-Posts gelesen hat, dass andere Leute tausend Stunden am Tag arbeiten. Das führt dazu, dass ich mich schlecht fühle. Und dann plötzlich, nachdem ich acht Stunden mit Hausarbeiten verbracht habe, poppt auf einmal eine Idee in meinem Kopf auf – und ich stelle dann fest: Hey, das ist eine ziemlich gute Idee. Ich musste den Tag also auf diese Weise verbringen und den Kopf frei bekommen, um am Ende diese großartige Idee zu haben. Es ist immer noch eine Herausforderung für mich, mir selbst die Erlaubnis zu geben, die Dinge so anzugehen. Aber Zeit für sich selbst zu haben, ist unheimlich wertvoll. Und wenn es mit selbst gut geht, bin ich eben auch am effektivsten in meinem Job.

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Noch mal zurück zu Deinem eigenen Engagement. Du hast selbst schon eine Menge Kickstarter-Projekte unterstützt – über 1.400. Welches davon ist Dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Da gab es 2011 zum Beispiel das Projekt „Girl Walk“, ein Tanzfilm der an öffentlichen Orten New Yorks spielt. Ich fand das total cool und habe es gerne unterstützt. Richtig gut wurde es, als die Macher eine Mail an alle Unterstützer geschickt haben, dass sie für die letzte Szene im Film noch Tänzer brauchen. Ich bin kein besonders guter, aber ein begeisterter Tänzer – also habe ich mitgemacht und hatte eine Menge Spaß dabei. Die Premiere des fertigen Films hat dann noch einmal einen oben drauf gesetzt: Die fand nämlich in einem Club statt. Ohne Stühle oder so, es war einfach eine Party – und auf der Leinwand lief der Film und die Leute haben zum Soundtrack getanzt. Das wirklich Großartige daran war, dass man Teil des Ganzen wurde, eine gemeinsam erlebte Erfahrung. Genau diese Art von Projekten finde ich besonders herausragend – nicht die, in denen es darum geht, am Ende eine Sache, ein Produkt zu erhalten.

Du hast selbst ja auch schon eigene Projekte gestartet, wie war das?

Das war eine sehr wichtige und gute Erfahrung. Stichwort: User Experience. Als Projektgründer habe ich ja wirklich das Tool, unsere Plattform genutzt. Und mich ständig gefragt: Warum ist dies so? Weshalb funktioniert jenes nicht? Und jeden Tag Emails an unseren Product Manager geschickt – mit einem Haufen Verbesserungsvorschlägen. [lacht]

Yancey, danke für das Gespräch!

Bild: Georg Räth/Gründerszene

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