Die Kitchen-Stories-Gründerinnen Mengting Gao und Verena Hubertz

„Wir gehen mit dem frischen Kapital voll auf Wachstum“

Als das Berliner Startup Kitchen Stories im vergangenen Frühjahr seine App launchte, war das eigentlich nicht mehr als eine weitere Rezepte-App im iOS-Store. Auffällig war höchstens: Rezeptfotos und Kochvideos wirkten besonders aufwendig produziert – und waren trotzdem komplett kostenlos. Kurz nach dem Start gaben die beiden Gründerinnen Mengting Gao (heute 25) und Verena Hubertz (27), die bis 2013 gemeinsam an der WHU studierten, Gründerszene ein Interview und erklärten ihr Modell. Davon abgesehen wurde in der Presse kaum über Kitchen Stories berichtet – so wollten es die Gründerinnen. Fast unbeobachtet übersetzten sie die Rezepte ihrer App in insgesamt zwölf Sprachen, zogen damit Nutzer aus insgesamt 150 Ländern an.

Im Sommer wurde Apple auf Kitchen Stories aufmerksam: Der US-Konzern wählte die App in über 100 Ländern auf Platz 1 in der Kategorie Essen & Trinken. Im November durfte Kitchen Stories sogar als eine von 25 Apps bei der weltweiten Red-Kampagne von Apple und U2-Sänger Bono mitmachen. In Deutschland kamen Kooperationen mit Bild.de und ProSieben zustande.

Anzeige
Dank dieser Hilfe und der prominenten Platzierung im App-Store zählt Kitchen Stories mittlerweile über drei Millionen App-Downloads – ganz ohne eigenes Marketing. Das beeindruckt einige namhafte Investoren: Wie Gao und Hubertz nun verkünden, haben Point Nine Capital, BDMI, die Fox&Sheep-Gründer Verena Pausder und Moritz Hohl, Cherry Ventures, Seriengründer Frederik Fleck sowie weitere Business Angels in den vergangenen Monaten insgesamt 1,8 Millionen US-Dollar (mehr als 1,5 Millionen Euro) in der Seed-Runde investiert. Für deutsche Verhältnisse ist das eine große Summe. Erst nach den ersten 50.000 Downloads hatten die Gründerinnen im Frühjahr die Investorensuche gestartet, davor hatten sie alles selbst finanziert.

Doch warum begeistern sich die Investoren für Kitchen Stories? Bisher verdient das Startup, das 20 Mitarbeiter beschäftigt, schließlich nur über Product Placement Geld. 14 Partner, darunter große Firmen wie Kitchen Aid, Rosenthal oder Landliebe, zahlen, wenn ihre Produkte in den Kochvideos auftauchen. Genaue Zahlen zu den Umsätzen wollen Gao und Hubertz im Gespräch mit Gründerszene allerdings nicht nennen. „Mit dem Product Placement generieren wir erste Umsätze“, sagt Mitgründerin Mengting Gao. „Zukünftig wird der Fokus aber primär auf anderen Monetarisierungskanälen liegen.“

Wachstum vor Profitabilität

Ähnlich wie viele Silicon-Valley-Startups wollen sich die beiden Gründerinnen derzeit aber noch gar keine konkreten Gedanken über mögliche Monetarisierungskanäle machen. Ihr oberstes Ziel: „Wir gehen mit dem frischen Kapital voll auf Wachstum, denn wir wollen vor allem die App und die Marke etablieren und Nutzer gewinnen“, sagt Verena Hubertz.

Bisher sind die über drei Millionen Nutzer offenbar voll zufrieden mit Kitchen Stories: Die App ist mit 4,8 von fünf Sternen im iOS-Store bewertet. Die meisten Nutzer kommen dabei aus den USA oder China. Zum Start veröffentlichte Kitchen Stories nach eigenen Angaben über hundert Rezepte, seitdem seien jede Woche neue hinzugekommen. Einige der Rezepte werden mit Videos erklärt, die Kitchen Stories alle selbst produziert hat. Die Rezepte sind einfach, die Zutaten leicht erhältlich und landen mit einem Klick auf einer Einkaufsliste. In den aufwendig produzierten Videos wird nicht gesprochen, auch die Gesichter der Köche sind nicht zu sehen – nur eingeblendete Bauchbinden erklären die Schritte. So ist es für Kitchen Stories leichter, die Videos in verschiedene Sprachen zu übersetzen.

Von dem weltweiten Erfolg sind die beiden Gründerinnen selbst überrascht. Mengting Gao sagt: „Anfangs hat niemand unsere Idee ernst genommen. Viele haben Kitchen Stories als ein kleines Projekt abgestempelt. Wir haben allerdings immer an unsere Idee geglaubt und können rückwirkend sagen, dass unser erstes Jahr nicht hätte besser laufen können.“

Das Ziel: die beliebteste Food-Plattform der Welt

In diesem Jahr will Kitchen Stories den zweiten großen Schritt gehen und alle Nutzer weltweit in einer Community, der „Kitchen Stories Family“, zusammenführen. Neugierige Nutzer können sich für eine geschlossene Beta-Version anmelden, die bereits von einigen tausend Usern getestet wird. Mit den neuen Funktionen können Nutzer eigene Rezepte in die Maske der App laden und Ideen mit der Community austauschen und teilen. „Viele Nutzer haben uns gesagt, dass sie einen Ort brauchen, an dem sie alle ihre Rezepte sammeln können. Darauf reagieren wir nun.“ In den kommenden Wochen soll die neue Rubrik für alle Nutzer geöffnet werden.

Anzeige
Viele zufriedene und wiederkehrende Nutzer sind für Kitchen Stories wichtig – denn jeder von ihnen ist viel wert. „Wir bieten Marken Zugang zu einer wertvollen, kulinarisch interessierten und gleichzeitig einkommensstarken Kundengruppe“, fasst Hubertz zusammen.

Langfristiges Ziel sei es, „die weltweit führende Food-Plattform zu werden“, so Gao. An diese Vision glauben offenbar auch die Investoren: „Wir sind absolut überzeugt, dass die Gründerinnen das Zeug haben, Kitchen Stories zur Nummer-1-Koch-App weltweit zu machen“, sagt beispielsweise Investorin Verena Pausder. „Kochen ist ein absolutes Trendthema mit einer großen Zielgruppe. Es ist altersübergreifend, international und zeitlos.“ Auch Nicolas Wittenborn, Associate bei Point Nine Capital, sagt: „Wir sind überzeugt, dass das starke Gründerteam eine aktive, internationale Community aufbauen wird, um Essensliebhaber weltweit zu vernetzen.“

Trotzdem steht Kitchen Stories nun vor einigen Herausforderungen: Um mehr Content in die App zu laden, benötigen sie die Unterstützung der Community. Doch das funktioniert nur, solange die Beiträge der User hochwertig bleiben. Andere Koch-Communities wie Chefkoch.de zeigen, wie schwierig es ist, darüber die Kontrolle zu behalten. Für Netzwerke wie Pinterest oder Instagram, die ausschließlich auf Bilder setzen, ist das deutlich leichter. Und irgendwann werden die beiden Gründerinnern sich für mögliche Monotarisierungsmodelle entscheiden müssen: Denkbar wären Abo-Modelle, bei denen die Nutzer für die von Kitchen Stories hochgeladenen Rezepte zahlen. Oder vielleicht wird die App bald etwas kosten. Oder Kitchen Stories baut – ähnlich wie Pinterest – von Unternehmen oder Marken bezahlte Rezepte in den Stream ein.

Zunächst aber wollen Gao und Hubertz die Erwartungen der Investoren erfüllen und in den nächsten Monaten den Fokus auf den Aufbau der Community legen. „Unsere große Herausforderung für 2015 ist es, die Community global zum Leben zu erwecken. Denn mittlerweile wissen wir, dass wir den Nerv der Zeit getroffen haben und ein wirklich cooles Produkt bauen können.“

Mengting Gao und Verena Hubertz sind auch Teil unserer Reihe mit Gründerinnen in Deutschland:

Zur Galerie

Sophie-Cécile Gaulcke gründete 2013 Rebelle, eine Plattform für Second-Hand-Mode. Rebelle konnte bereits mehrere Millionen von verschiedenen Investoren einsammeln. Vorher war Gaulcke CEO bei dem Startup Gigalocal.

Bild: Kitchen Stories