klaus tschira

Vier  SAP-Gründer im Jahr des Börsengangs 1988, links außen: Klaus Tschira

„Man soll nicht so viel über sich selbst reden“, hat Klaus Tschira vor einigen Jahren zu Bild der Wissenschaft gesagt. Der Satz sagt viel aus über Tschira, der als SAP-Mitgründer, Multimilliardär und Wissenschaftsmäzen eigentlich eine Menge zu erzählen gehabt hätte. Er aber war der stille, bescheidene Teil des SAP-Gründerteams, kein Lautsprecher wie Hasso Plattner oder Dietmar Hopp. Tschiras Vermächtnis ist dennoch beispiellos.

Als Stifter hat er die Grundlagenforschung und die Vermittlung von Naturwissenschaften, Informatik und Mathematik vorangebracht. Als Investor hat er mit hunderten Millionen Euro dutzenden Jungunternehmen Starthilfe geleistet. Und gemeinsam mit seinen vier Mitgründern hat Tschira Deutschlands einzigen Softwarekonzern von Weltrang errichtet.

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Klaus Tschira wird 1940 im badischen Freiburg geboren, der Vater ist Kaufmann, die Mutter Krankenschwester, es sind kleine Verhältnisse. „Ich erinnere mich an ein Gespräch meiner Eltern, in dem es darum ging, ob man mich weiter zur Schule schicken könne“, erinnert sich Tschira später. „Meine Mutter sagte, dass sie lieber zusätzlich putzen gehen würde, als den Bub vom Gymnasium zu nehmen.“

Tschira macht sein Abitur, studiert Physik in Karlsruhe, bekommt 1966 das Diplom. Den Plan, Professor zu werden, gibt er auf, weil die von ihm ins Auge gefasste Assistentenstelle aus Geldmangel nicht besetzt wird. Stattdessen bewirbt er sich auf eine Stellenanzeige von IBM.

Beim Computerkonzern in Mannheim arbeitet Tschira als Systemberater. Und er lernt dort Dietmar Hopp, Hasso Plattner, Hans-Werner Hector und Claus Wellenreuther kennen. Die fünf Männer gründen 1972 in Weinheim bei Heidelberg die Softwarefirma „Systemanalyse und Programmentwicklung“, die seit 1977 „Systeme, Anwendungen, Produkte in der Datenverarbeitung“ – oder kurz: SAP – heißt. Das Unternehmen entwickelt Programme zur Lohnabrechnung und Buchhaltung. Die Steuerung per Bildschirm ist revolutionär, IBM setzt zu der Zeit noch auf Lochkarten.

SAP wächst, Ende der achtziger Jahre setzt das Unternehmen bereits eine halbe Milliarde D-Mark um, es folgt der Gang an die Börse. Die Software-Erfolgsgeschichte aus der badischen Provinz macht auch ihre Gründer zu reichen Männern.

Als sich Klaus Tschira 1998 aus dem operativen Geschäft zurückzieht, beschäftigt SAP gut 13.000 Mitarbeiter, der Umsatz liegt bei sechs Milliarden D-Mark. Tschira wechselt in den Aufsichtsrat. „Man muss rechtzeitig Platz machen für jüngere Leute, die die Dinge dann in ihre Hände nehmen“, kommentiert er damals seinen Rückzug. „Es gibt zu viele Beispiele von Leuten, die zu lange an ihren Stühlen kleben – in der Wirtschaft, und in der Politik erst recht.“

Tschira sucht sich eine neue Aufgabe, sein zweites Leben als Stifter beginnt. Schon 1995 stattet er die Klaus-Tschira-Stiftung mit SAP-Aktien im Wert von 1,4 Milliarden D-Mark aus, ein großer Teil seines eigenen Vermögens. „Das Geld ist mir zugelaufen“, erklärt er später. Auch wenn er betont: „Wir haben sehr lange und sehr hart gearbeitet, um all das zu erreichen.“

Das Geld fließt in Projekte aus Wissenschaft, Kunst und Kultur. Vor allem die Fächer Astronomie, Physik, Mathematik und Informatik profitieren. Dass die Forschung der Gesellschaft zugute kommt, ist Tschira wichtig. Preise und Projekte förderten die Verständlichkeit von Wissenschaft. Er gründet das European Media Laboratory und das Heidelberger Institut für Theoretische Studien. Nach Tschira, der leidenschaftlicher Hobby-Astronom ist, wird zum Dank für die Förderung eines Satellitenprojekts ein Asteroid benannt. Stifterpreis, Leibniz-Medaille, Bundesverdienstkreuz, mehrere Ehrendoktorwürden: Für sein Wirken und Vermächtnis wird Tschira vielfach ausgezeichnet.

2007 gibt er überraschend seinen Sitz im Aufsichtsrat auf, aus gesundheitlichen Gründen. Schon zwei Jahre später sagt er dem Handelsblatt: „Über die SAP weiß ich nicht mehr als ein Zeitungsleser.“ Die Wirtschaftswoche nennt ihn den „unsichtbaren Dritten“ hinter den zwei weiteren Großaktionären Hopp und Plattner. Tschira widmet sich lieber seinen Hobbys, einer riesigen Sammlung von Fachliteratur und mittelalterlichen Drucken, dem Kochen, gutem Wein, seinem Zuhause in Heidelberg und dem Haus auf Neufundland.

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Der SAP-Gründer investiert aber auch Zeit in die Pflege seines eigenen Vermögens, das das US-Wirtschaftsmagazin Forbes 2015 auf acht Milliarden Euro schätzt. Sein Family Office Aeris Capital wirkt von Pfäffikon bei Zürich aus. Über die Jahre hat Aeris hunderte Millionen Euro investiert, vor allem in Startups aus den Bereichen Adtech, Biotech und Cleantech: zum Beispiel in das deutsch-amerikanische Mobile-Marketing-Startup Smaato oder das kalifornische Content-Netzwerk Glam Media, in das Aeris 2010 ganze 50 Millionen US-Dollar steckt.

Details über seine Investments verschweigt Tschira lieber. „Ich frage Sie ja auch nicht nach Ihrem Gehalt“, sagt er 2009 einer Reporterin der FTD. Worüber er gern spricht, ist seine Stiftertätigkeit. Und darüber, warum es in Deutschland keine Gründerkultur wie in den USA gibt.

Haben wir zu wenige Menschen mit kreativen Ideen?, fragt ihn die Wirtschaftswoche 2010. „Es gibt sehr viele“, antwortet Tschira. „Aber die Mentalität ist in Deutschland oft so, dass jeder ein Alleinherrscher sein will. Wir haben, als wir SAP gründeten, einen Teamansatz verfolgt und waren damit allein auf weiter Flur. Einzelkämpfern fehlt oft die kritische Masse, wir waren von vornherein zu fünft.“

Am Dienstag ist Klaus Tschira im Alter von 74 Jahren gestorben.

Bild: SAP