Ich habe auf meinem Smartphone eine Lauf-App, einen Weight-Tracker und eine Puls-App. Auf diesem Weg bin ich zu einem begeisterten Self-Tracker mutiert. Für drei Wochen zumindest. Dann habe ich die Lust an Graphen und immer gleichen Laufrouten verloren. Doch jetzt ist meine Lust durch die Krankenkassen neu entfacht worden.

In den vergangenen Tagen hat die AOK Nordost angekündigt, Fitness-Tracker zu bezuschussen. Und die Techniker Krankenkasse möchte nachziehen. In beiden Fällen mit dabei ist auch die Apple Watch. Der Mechanismus bei der TK: Wer an verschiedenen Fitness-Kursen teilnimmt und artig zum Arzt läuft, bekommt den Zuschuss. Wie eine Möhre ködert die schicke Apple Watch über dem Laufband im Fitness-Studio. Doch dieser Vorschlag ist zu kurz gedacht.

Müsste es nicht vielmehr so sein, dass ich eine Belohnung bekomme, wenn der Fitness-Tracker meine Laufrouten aufzeichnet? Geringere Beiträge für alle, die ein gesundes und sportliches Leben führen – als Analogie zur Black Box im Auto, die einige Versicherungen anbieten. Bei diesem Modell zeichnet das Unternehmen auf, wie sich der Autofahrer verhält. Wer die Verkehrsregeln beachtet, bekommt einen besseren Tarif.

Für viele sind beide Modelle eine Horrorvorstellung.

Die Generali-Versicherung plant bereits ein entsprechendes System. Unter dem Namen „Vitality“ lassen sich die Lebensführung in Form von Vorsorge-Untersuchungen, Ernährung und die Zahl der täglichen Schritte aufzeichnen. Dafür gibt es eine Belohnung, im kommenden Jahr ist das auch für deutsche Kunden verfügbar. Andere Versicherungen tüfteln gerade an ähnlichen Angeboten.

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Es gibt zwei gewichtige Punkte, die gegen ein solches System sprechen. Denkt man die Methode zu Ende, zersplittert die Solidargemeinschaft, lautet das eine Argument. Die laufaffine, urbane Tech-Elite versus ältere Couch-Potatos. Die Angst: Ältere und kränkere Menschen müssen in einem individualisierten Versicherungssystem mehr für ihre gesundheitliche Versorgung zahlen. Das zweite Argument: Die Versicherungen sind plötzlich Herr über detaillierte Bewegungsprofile und sensible Gesundheitsdaten.

Im Prinzip teile ich beide Bedenken. Doch: Wer sagt eigentlich, dass man „die Methode zu Ende denken“ muss? Kann das ganze nicht als freiwilliges Nischenprodukt funktionieren? Die Bonusprogramme laufen ja momentan mit dem gleichem Mechanismus: Vorsorge und Fitness-Kurse gegen Geld. Da hat sich doch auch keiner aufgeregt. Nicht jede technische Neuerung muss man auf dem kompletten Markt ausrollen.

Erst einmal können die Daten aus dem Fitness-Tracker ein Baustein von mehreren sein, der belegt: Hier lebt jemand gesund. Fitness-Kurse und Vorsorgeuntersuchungen ergänzen das Bild. Ein Ende des solidarischen Systems ist das lange nicht: Denn am Ende bleiben genügend gesunde No-Self-Tracker, die in dem System die Kranken bezuschussen.

Dass die Krankenkasse anfangen, im großen Stil ihre Versicherten für eine ungesunde Lebensweise durch höhere Beiträge zu bestrafen, ist kein Automatismus, wie viele argumentieren. Nicht im stark reglementierten Versicherungssektor.

Und die German Angst, sensible Daten preiszugeben? Kann ich verstehen. Momentan stecken die sensiblen Daten allerdings in den unzähligen Fitness-Apps. Was viele nicht wissen: Hinter den Programmen stehen öfter Pharmakonzerne, schrieb die Stiftung Warentest. Und das bedeutet: Viele der Self-Tracker sind Versuchskaninchen – ohne es zu wissen. Eine komische Vorstellung.

Dieses Problem kann man technisch beheben, wenn der Wille da ist. Dafür müssten die Krankenkasse ihren Kunden eine vollkommende Datenautonomie geben. Als App-Nutzer kann ich dann einfach und klar entscheiden, welche Daten ich weiterleiten und tracken möchte. Eine späteres „Upps, das haben wir dann doch getrackt“ der Krankenkassen darf es nicht geben. Auf diesem Weg kann ich frei entscheiden, welche Gesundheitsdaten ich weiterreichen will. Warum soll es dafür keine Belohnung geben dürfen?

Dann bleibt noch die Frage: Kann ich in einem solchen System die Krankenkasse nicht betrügen? Und meinen Fitness-Tracker dem Hund anklippen – oder bei der Jogging-Gruppe in meiner Nachbarschaft abgeben? Ich glaube nicht, dass die Fitness-Uhr auch einen Hundepuls misst. Eine andere Möglichkeit wäre es, mit Fingerabdrucks-Erkennung zu arbeiten – für viele technische Probleme hat man schon eine Lösung gefunden. Da müssen die Krankenkassen etwas Kreativität zeigen.

Bislang ist es ja auch erst eine Idee, über die es sich nachzudenken lohnt.

Bild: Yann Caradec/Flickr