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Gekauft werden im Netz nicht nur Bücher, Filme, Musik oder Elektronik: Jeder zehnte Deutsche über 14 Jahre hat schon einmal Arzneimittel im Internet bestellt, so eine aktuelle Umfrage des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM).

Erlaubt ist der Versandhandel mit Medikamenten für niedergelassene Apotheker seit 2004. Laut Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (ABDA) besaßen 2008 in Deutschland 2.455 Apotheker eine Versanderlaubnis. Aber nur ein Bruchteil der Apotheker nutzt diese. Und nur 20 bis 30 Apotheken leben hauptsächlich vom Versand und verschicken mehr als 1.000 Packungen pro Tag, so eine Schätzung des Bundesverbandes Deutscher Versandapotheken (BVDVA).

Online boomt im OTC-Markt

Für die Versandapotheken macht das Geschäft mit den freiverkäuflichen Medikamenten (OTC = over the counter) etwa 60 Prozent ihres Umsatzes aus, während die herkömmlichen Apotheken nahezu 80 Prozent mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln erwirtschaften. Insgesamt betrug der Umsatz mit rezeptfreien Arzneimitteln und Nicht-Arzneimitteln fast 6,8 Milliarden Euro, das sind 1,1 Prozent weniger als 2007, so eine Studie von IMS Health.

In diesem schrumpfenden Markt machte der Versandhandel ein Plus von 22 Prozent und steigerte seinen Umsatz von 397,5 Millionen Euro in 2007 auf 485,8 Millionen Euro in 2008. Damit haben die Versandapotheken einen Anteil von sieben Prozent am OTC-Markt erreicht. In einer Befragung durch IMS Health zeigten sich die BVDVA-Mitglieder optimistisch. Mehr als zwei Drittel der Befragten erwarteten eine Umsatzsteigerung von mindesten zehn Prozent bis 2012 und 18 Prozent rechneten mit einer Zunahme von 25 bis 50 Prozent.

Offline verlangt „Apothekenpreise“

Erklären lässt sich der Boom für die Versandapotheken bei den OTC-Produkten vor allem durch den Preis. Seit 2004 existiert die Preisbindung für rezeptfreie Medikamente nicht mehr, aber bei den niedergelassenen Apotheken merkt der Kunde davon wenig. Dies zeigt eine Studie der Verbraucherzentrale NRW. Über 80 Prozent der getesteten Apotheken hielten sich zum Beispiel bei Aspirin an den unverbindlichen Preisvorschlag (UVP) des Herstellers. Anscheinend ist Preispolitik als Mittel um sich im Wettbewerb durchzusetzen weitgehend unbekannt.

Ganz anders sieht es bei den Versandapotheken aus. Laut einer Untersuchung von IMS Health liegen die Preise 20 bis 30 Prozent unter denen stationärer Apotheken. Verbraucher können bei bestimmten Produkten noch mehr sparen, insbesondere wenn sie Großpackungen bestellen. So kostet etwa eine Packung des Allergiemittels Cetirizin Hexal (100 Tabletten) online 10,09 Euro, während die UVP bei 28,80 Euro liegt – eine Ersparnis von 65 Prozent. Das macht die Online-Bestellung für Verbraucher attraktiv. Trotzdem reagieren die wenigsten stationären Apotheken mit Preissenkungen auf die Online-Konkurrenz. Zur Kundenbindung setzen sie meist auf Beratung beispielsweise zu Reiseimpfungen oder Gesundheitschecks wie Blutdruck- oder Blutzuckermessungen als Service für die Kunden. Solche Service-Leistungen können Apotheken online nicht bieten – Beratung allerdings schon.

Werden Online-Apotheken die Zahl der stationären Apotheken verringern?

Auswirkungen des Apothekenversandhandels auf die niedergelassenen Apotheken sind an Hand der Marktdaten noch nicht deutlich zu erkennen – Trends dagegen schon. Diese sind sicherlich auch auf Sparmaßnahmen des Gesetzgebers im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen zurückzuführen.

Die Zahl der stationären Apotheken hat sich seit 2004 kaum verändert. Der Anteil der Filialapotheken darunter wächst allerdings stetig. Ohne die Zunahme der Anzahl der Filialapotheken wäre in 2008 die Zahl der Apotheken zurückgegangen. Gleichzeitig nahm die Zahl der selbstständigen Apotheker ab. Ein weiterer Trend sind Marketingkooperationen. Die teilnehmenden Apotheken wirken einheitlich und treten gemeinsam gegenüber dem Großhandel auf.

Es zeigen sich Parallelen zum Buchmarkt nach Einführung des Online-Handels: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels spricht auf seiner Website von einer „Konzentrationsentwicklung in den letzten Jahren.“ Auch die aktuellen Zahlen zum Buchhandel gleichen denen zum OTC-Markt: Während der Sortimentsbuchhandel ein Umsatzminus von 1,5 Prozent hinnehmen musste, machte der Online-Buchhandel ein Plus von 7,1 Prozent und konnte seinen Marktanteil ausbauen. Die Zukunft auf dem Apothekenmarkt könnte ähnlich aussehen. Dies würde bedeuten: Das Online-Geschäft wächst auf Kosten der stationären Apotheken.

Trends und Verbesserungsvorschläge für den Apothekenversandhandel

Eine Konsolidierung ist auch bei den Versandapotheken zu erwarten. Nur preiswert zu sein wird nicht reichen, um sich am Markt durchzusetzen. Die Spezialisierung auf ein Nischenthema oder eine Produktgruppe könnte vor allem kleineren Versandapotheken das Überleben sichern. Versandapotheken die sich auf ein Thema konzentrieren gibt es bereits. So bietet zum Beispiel die MS Service Apotheke ein Beratungs- und Informationsangebot für Multiple Sklerose Patienten. Andere Apotheken haben sich auf die Volkskrankheit Diabetes spezialisiert.

Weitere wichtige Faktoren für das Wachstum des Versandapothekenmarkts sind die Einführung von Tools zur Analyse von Kunden-, Bestell- und Produktdaten und die Optimierung der Angebots- und Einkaufsprozesse sowie des Versandprozesses. Außerdem gibt es bei vielen Versandapotheken Verbesserungsbedarf beim Kundeservice: Hotlines sind nicht zu erreichen oder Bestellungen werden zu spät oder unvollständig verschickt.

Über den Autor:

matthias-storchMatthias Storch ist Mitgründer und Geschäftsführer der apomio GmbH. Im Juli 2007 gegründet ist apomio.de der meistbesuchte Produkt- und Preisvergleich für Medikamente und sämtliche Gesundheitsprodukte.

Bereits 2005 gründete er foerderland.de – eines der meistbesuchten Informations- und Nachrichtenportale für Gründer und junge Unternehmer in Deutschland.

Seit 2009 investiert er als Business-Angel in junge Internet-StartUps und stellt sein Knowhow anderen zur Verfügung.