Konstantin Guericke Earlybird

Konstantin Guericke wird Partner bei Earlybird

Der Berliner VC Earlybird stockt auf. Zum einen mit neuen Services: Durch Meetups der Portfoliounternehmen, Vorträgen, Networking-Events und einer zentralisierten Personaldatenbank soll der Austausch aller vom Investor unterstützten Jungunternehmen verbessert werden. Zum anderen legt Earlybird (www.earlybird.com) auch personell zu: David Rosskamp kommt von Saatchi Art aus Los Angeles, Simon Schmincke von Rocket Internet, beide werden Associates. Als solche sollen sie sich sowohl um Investments als auch um neue Dienstleistungen für die Portfoliounternehmen kümmern.

Prominentester Zugang: Linkedin-Mitgründer Konstantin Guericke. Aus dem Silicon Valley heraus soll er als Partner nicht nur investieren, sondern auch den Portfoliounternehmen beim Markteintritt in den USA helfen. Im Gespräch mit Gründerszene verrät Guericke, wo die Unterschiede zwischen der Westküste und Deutschland liegen, wo die deutsche Szene noch hinzulernen muss und wieso ein guter Gründer möglichst ein Techie sein sollte.

Konstantin, Du warst schon seit zwei Jahren beratend für Earlybird tätig, nun wirst Du voller Partner. Was ändert sich für Dich?

Der Unterschied ist, dass ich nun wie die anderen Partner selbst in den Fonds investiere. Meine bisherige Tätigkeit als Berater war eine Art Probezeit und hat dazu gedient zu sehen, ob es einen Fit zwischen uns gibt. Für mich persönlich heißt das: Ich werde auf absehbare Zeit keine eigenen Startups mehr gründen und ich kann keine Investments mehr nebenher machen – ich arbeite ja an der Stanford-Universität und sehe dort viele interessante Startups.

Was ist Deine neue Hauptaufgabe bei Earlybird?

Earlybird macht ja keine Investments in den USA. Ich werde daher mit den Portfolio-Unternehmen zusammenarbeiten und ihnen helfen, auch, was den US-amerikanischen Markt angeht. Vieles ist dort doch anders als hierzulande. Vor allem aber glauben die Leute, Deutschland sei immer noch das Land der Copycats und es gebe keine nachhaltig großen Geschäftsmodelle. Die einzige Ausnahme ist da wohl SAP, das kennt und respektiert man.

Hat man im Silicon Valley Startups wie 6Wunderkinder, Soundcloud oder Wooga nicht auf dem Radar?

Schon, aber das sind alles Projekte, die im Werden sind. Das Potenzial ist sicherlich da, aber die Unternehmen haben sich noch nicht an der Börse bewiesen.

Nimmt man in den USA überhaupt wahr, dass die Unternehmen aus Deutschland kommen?

Dafür interessiert man sich außerhalb von VC-Kreisen kaum. Auch, weil man gewohnt ist, dass viele interessante Sachen zum Beispiel aus Israel kommen. Wenn das Produkt bekannter wird, ändert sich das nach einer gewissen Zeit. Dass Skype irgendwo aus Europa kommt, ist vielen im Valley schon bewusst.

Ist der US-Markt also immer der wichtigste, auch wegen der Bekanntheit?

Man muss immer dahin gehen, wo die Early Adopters sitzen. Es ist wohl auch ratsam, dass Vertrieb und Marketing dann dort angesiedelt sind. Und es kann auch nur helfen, wenn der oder die Gründer für ein paar Jahre in dem Land leben. Das heißt aber nicht, dass das Unternehmen nicht in einem anderen Land beheimatet sein kann und dort der Großteil des Teams sitzt.

Wie schnell muss generell die Internationalisierung stattfinden?

Da ist fast schon die Frage falsch, weil es bedeutet, dass man zunächst im Heimatmarkt anfängt. Wenn die wahrscheinlichsten Kunden nicht in Deutschland sind, sollte sich ein Startup auch gar nicht erst auf den deutschen Markt fokussieren.

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Aber geht das denn?

Israelische Firmen machen das seit zwei oder drei Jahrzehnten so. Und mit großem Erfolg, wie man zuletzt bei Waze gesehen hat, das für 1,3 Milliarden Dollar von Google übernommen wurde. Bei B2B-Angeboten werden die ersten Kunden immer vom Gründer selbst angesprochen. Und der kann ja einfach in das betreffende Land fliegen. Im B2C-Bereich setzen sich die Produkte ohnehin immer da durch, wo die meiste Nachfrage ist. Zumindest solange das Angebot rein digital ist, Wunderlist ist da ein gutes Beispiel.

Sehen US-VCs Deutschland noch als Copycat-Hochburg?

Das ändert sich, viele beobachten die Entwicklung hier mit Interesse. Das liegt auch daran, dass die Bewertungen in den USA stark nach oben gehen. Für Investoren ist das natürlich nicht sehr gut, weil es das Investment risikoreicher macht.

Aber gibt es nicht auch viele Investment-Möglichkeiten in junge Startups?

Die gibt es schon. Allerdings wird es in den USA auch immer schwerer, ein gutes Team zusammenzustellen: Gute Leute gründen entweder selbst oder haben gute Angebote von Facebook, Dropbox oder Box. Als kleines Startup hat man da keine großen Chancen, schnell ein schlagkräftiges Tech-Team mit fünf oder zehn Leuten aufzubauen. Wenn die Gründer selbst Techies sind, haben sie meist gute Kontakte und kommen an gute Leute ran.

Wie wichtig sind Entwickler-Kenntnisse generell für Gründer?

Wenn man etwas wirklich Großes aufbauen möchte, gibt es klare Vorteile, wenn zumindest einer der Gründer aus der Technik kommt. Schaut man sich die großen Erfolgsgeschichten an, sind es sehr häufig tech-affine Gründer gewesen. Betriebswirte schauen meist zu sehr auf Kennzahlen. Das kann zwar zu wirtschaftlichen Erfolgen führen. Aber seltener zu innovativem Durchbruch. Allerdings darf man auch nicht zu technikverliebt sein. Dann verliert man sich zu schnell in Details und denkt über Kommunikationsstandards nach statt darüber, was der Kunde will. Das habe ich in Deutschland schon einige Male beobachtet.

Gibt es deshalb nur wenige Investitionen US-amerikanischer VCs in Deutschland, weil man den hiesigen Gründern das Tech-Know-how abspricht?

US-Investoren fangen ja immer stärker an, sich mit Deutschland und Europa als Tech-Standort auseinanderzusetzen. Ohne direkten Kontakt ist es aber schwer zu beurteilen, welche Startups und welche Leute gut sind und welche nicht. Das gilt umso mehr für die Gründer selbst.

Wenn Du einmal Startups aus dem Valley und aus Deutschland vergleichst, was fällt Dir auf?

Dass in Deutschland auffällig mit Mitarbeiter-Anteilen geknausert wird. Ich habe noch nie mit einem US-Startup zusammengearbeitet, bei dem nicht alle Mitarbeiter am Unternehmen beteiligt waren. Ich denke, das ist auch wichtig, damit die Leute hinter der Vision der Gründer stehen und sich mit dem Unternehmen identifizieren können. Und es ist auch wichtig für das Ökosystem.

Weil der – finanzielle – Erfolg dann greifbarer wird.

Genau. Wenn zum einen die Exits kleiner sind und dann auch nur wenige Leute davon profitieren, dann behindert das das Wachstum der Szene. Bei WhatsApp haben die Mitarbeiter zusammen insgesamt drei Milliarden Dollar bekommen. Das lockt natürlich neue Talente an. Und es motiviert alle in der Szene, am eigenen Produkt zu feilen. Wenn ich jemanden in meinem direkten Umfeld kenne, der an einem Exit verdient hat, motiviert mich das natürlich.

Auch wenn Geld nicht unbedingt die wichtigste Motivation sein sollte.

Das stimmt. Die derzeitige Renaissance des Valley basiert zu großen Teilen darauf, dass es der Wall Street schlecht geht. Früher waren Goldman Sachs und Morgan Stanley die gefragtesten Arbeitgeber. Heute finden junge Leute es nicht mehr so cool, finanzielle Konstrukte zu basteln. Sie wollen etwas bewegen in der Welt. Es gibt immer mehr Natives und weniger Tourists.

Natives und Tourists?

Die Tourists kommen, meist mit einem MBA-Hintergrund, weil es für sie lukrativ erscheint. Sie arbeiten in einem Startup, dann gehen sie aus der Szene wieder heraus, weil sie etwas anderes lockt. Da ist Geld die Motivation. Aber es gibt auch eine sehr große Zahl an Natives, die von Beginn an im Startup-Umfeld leben und dort auch bleiben, weil die dort an etwas Eigenem arbeiten können. Ich denke, in Deutschland ist das ähnlich, auch wenn sich das Verhältnis vielleicht unterscheidet.

Stichwort Finanzierung: Was ist der bessere Weg – große Finanzierungsrunde gleich zu Beginn oder Stück für Stück? Denn immerhin bedeutet VC-Kapital ja auch Druck für junge Unternehmen.

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Ich würde sagen, man sollte besser mit kleineren Finanzierungsrunden anfangen. Allerdings muss das Geld für etwa 18 Monate reichen, das ist so der Rhythmus. Dementsprechend ist es wichtig, gut zu haushalten und Sachen schnell umzusetzen. Man muss ja immer einen oder zwei Fehlstarts einkalkulieren. In eineinhalb Jahren ist das möglich, dann kann man spätestens mit dem dritten Anlauf erfolgreich durchstarten und auch wieder Investoren überzeugen.

Wenn man sich die Abstände zwischen den Finanzierungsrunden hierzulande so ansieht, liegen oft weniger als 18 Monate dazwischen. Geben deutsche Investoren zu wenig Geld?

Ich denke nicht, zumindest nicht die VCs. Earlybird zum Beispiel investiert dann, wenn schon etwas Traktion da ist. Dann liegt die Summe im Millionen-Dollar-Bereich, also ähnlich wie in den USA. Dort sind die Summen allenfalls größer, wenn der Gründer zuvor schon einen großen Erfolg verbuchen konnte. Natürlich hängt es immer auch vom Geschäftsmodell ab.

Und die Business Angels?

Auch da haben aus meiner Sicht die Runden schon eine gute Größe.

Liegt es dann an den Startups, geben die das Geld zu schnell aus?

Tatsächlich fällt mir auf, dass viele Teams hier in Berlin eigentlich zu groß sind. In der Regel ist es nicht effizienter, viele Leute zu haben. Richtig gute Ideen können von zwei Programmierern gemacht werden, zumindest in der Anfangsphase. WhatsApp oder Instagram waren bis zuletzt kleine Teams. Vielleicht hilft es ja sogar, wenn man Probleme hat, neue Teammitglieder zu finden (lacht).

Welche fünf Tipps würdest Du jungen Gründern mit auf den Weg geben? Kleine Teams sind dann wohl der erste…

Der zweite: sich früh darum zu kümmern, wie man an die Kunden kommt – Features kommen später. Der dritte: genau zu wissen, welches Kundensegment man bedient. Aller Anfang ist schwierig, der einfachste Markt ist aber oftmals nicht der vor der eigenen Haustür. Der vierte: Dass mindestens einer, wenn nicht alle der Gründer Techies sein sollten. Aber nicht technikverliebt. Der fünfte: Alle Mitarbeiter von Beginn an am Unternehmen zu beteiligen. Wenn man davon ausgeht, dass man etwas wirklich Großes macht, müssen die Gründer und Investoren die Anteile nicht für sich horten.

Welche Technologien werden in Zukunft wichtig sein?

Vorhersage-Technologien basierend auf Big Data werden sicherlich immer bedeutender. Auch weil die Geräte immer kleiner werden: Wenn die smarten Uhren kommen, muss es mehr Ja-Nein-Fragen geben, weil es keine richtigen Eingabemethoden gibt. Deswegen werden auch soziale Netzwerke immer interessant sein. Denn die können gut persönliche Daten sammeln und zu wahrscheinlichen Präferenzen auswerten. Je mehr Daten, desto zuverlässiger die Vorhersagen. Dann vielleicht noch alles, was mit Crowdsourcing und Schwarmintelligenz zu tun hat. Da steckt sicherlich noch viel Potenzial drin, auch weil die Möglichkeiten mobiler Endgeräte noch lange nicht ausgereizt sind.

Konstantin, vielen Dank für das Gespräch.

Bild: Alex Hofmann/Gründerszene