Konstantin Guericke Earlybird

Konstantin Guericke ist auf der Suche nach dem nächsten SAP

Am besten gleich in den USA anfangen

Darauf haben die Menschen in Kalifornien lange gewartet. Zwischen Los Angeles und Palo Alto regnet es in Strömen. Endlich. Nach der längsten Dürreperiode seit Jahrzehnten in dieser Region. Für Konstantin Guericke, dem Gründer von LinkedIn und Partner des Investors Earlybird, bedeutet das ungewohnte Wetter eine Änderung seiner Tagesroutine. Eigentlich waren wir zum „Hiken“ verabredet. So nennt man hier einen sportlichen, schnellen Spaziergang. Guerickes Lieblingsauslaufgebiet ist „The Dish“, ein Hügel, der nach dem Radioteleskop auf seinem Gipfel benannt ist – gleich hinter der Stanford University. Jetzt sitzen wir stattdessen warm und trocken in einem Café an der Hauptstraße, in dem die meisten Gäste mit ihren Computern beschäftigt sind. Ein gewohntes Bild in Palo Alto, dem Zentrum des Silicon Valley.

Wir sprechen über die Politik und ihren Einfluss auf die Wirtschaft. In Deutschland wird oft beklagt, dass sie sich nicht intensiv genug um Startups kümmert. Guericke sieht das anders und glaubt nicht an die durchschlagende Wirkung von staatlichen Unterstützungsmaßnahmen. „Der Staat kann gar nicht so viel machen, wie wir manchmal glauben.“ Wirtschaftlicher Erfolg sei viel mehr das Resultat von vielen individuellen Entscheidungen. Guericke: „Die Pole für diese Entscheidungen sind Angst und Gier. In Deutschland ist man eher von der Angst geprägt. In den USA etwas mehr von der Gier. Das ist ein Grund dafür, dass Startups in den USA besser laufen. Die Leute hier sind bereit, das Neue aufzunehmen und die Chancen zu sehen. In Deutschland wird erst mal geschaut, was an neuen Sachen schlecht ist.“ Als Beispiele führt er Soziale Netzwerke und E-Commerce an. „Die Deutschen kommen immer etwas später. Aber dann geht es meistens sehr schnell. Erst passierte gar nichts, dann setzten sich Facebook und Amazon blitzartig durch.“

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Deshalb rät Guericke deutschen Startups dringend, nicht mit dem Heimatmarkt anzufangen, sondern am besten gleich in den USA. „Die USA oder Asien und Skandinavien nehmen Produkte wesentlich schneller auf. Der deutsche Markt ist wie ein Sumpf. Man kommt nur sehr langsam voran. Deshalb rate ich: Vergesst den deutschen Markt! Ich würde als Startup von Berlin aus gleich in den USA anfangen. Man kann auch nach Korea gehen. Oder Thailand. Nur nicht nach Deutschland.“

Deshalb sei es natürlich einfacher, wenn man von den USA aus operiere. Junge Firmen können sich dort ein Netzwerk aufbauen. Und Netzwerke seien für den Erfolg eines Unternehmens unabdingbar. „Was viele Deutsche hier machen ist: Sie gehen zu irgendwelchen Events und versuchen, ihre Visitenkarten zu verteilen. Das kann hin und wieder funktionieren. Aber die wichtigen Leute und Investoren laufen dort nicht herum. Es ist immer besser, wenn man persönlich vorgestellt wird.“ Auch im Startup-Business ist Vertrauen eine Währung. Es läuft viel über persönliche Beziehungen und Empfehlungen. Junge Unternehmer müssen also auch gute Netzwerker sein. Guericke: „Man kann nicht einfach im Valley auftauchen und sagen, ich schicke jetzt einfach mal eine Email.“

Für das Jahr 2015 sieht Guericke keinen generellen Trend in Sachen Firmengründungen. „Es gibt keine klare Tendenz. Aber Earlybird legt inzwischen den fünften Fonds auf und wir haben gelernt, dass gewisse Sachen nicht so gut zu uns passen. Zum Beispiel Hardware. Wir kümmern uns nur um Software. Das ist eine Sache, die wir verstehen. Das kann skalieren. Und es ist wirklich international.“ Für den Berliner Investor kommen nur Firmen in Frage, deren Ideen sich global ausrollen lassen. Und genau deshalb ist Guericke auch dabei. „Was mich interessiert ist, ob wir mal wieder ein neues SAP bekommen.“ Die marktbeherrschenden Player in der digitalen Welt sieht Guericke allerdings nicht als gesetzt an. Es gibt keine Überlebensgarantien: „Auch Google und Facebook müssen irgendwann sterben. Bei Facebook hat sich nichts erneuert. Es gibt keine Innovation. Das ist kein gutes Zeichen. Junge Leute sind längst mit Facebook fertig.“

Der Regen hat nachgelassen, die Sonne kommt heraus. Palo Alto ist ein verwöhnter Ort. Hier gibt es Geist, Geld und ganz viel Sonne. Seit ein paar Tagen auch wieder genug Wasser.

Bild: Alex Hofmann / Gründerszene