Raymond Hong mit Kollegin beim Pitch in Seoul

Alle waren müde. Da ging die letze Frage nach elf Startup-Pitches fast unter. Ein Jury-Mitglied wollte nämlich wissen, ob man den Fortschritt bei der Arbeit mit der Produktivitäts-App zurückverfolgen könnte. Die Antwort von Raymond Hong von Jokerpack: „Das geht schon, aber das kostet 4000 Won.“ Umgerechnet sind das drei Euro – aber auch das ist eigentlich egal, weil die Frage technisch gemeint war und die Antwort daher keinen Sinn ergab. Hongs Startup-Kollegin sprang ihm zur Seite und entschuldigte sich: „Leider ist mein Kollege etwas betrunken, nehmen Sie ihn nicht so ernst.“

Sympathisch, gut angezogen und eine ganz gute Idee – das ist offenbar eine der besten Voraussetzungen, um nach Berlin zu kommen. Zumindest hat es Jokerpack auf den ersten Platz der zehn Startups geschafft, die der Korea Accelerator eingeladen hatte, ein Frühphasen-Investor der Regierung. Beim „Betapitch“ konnten koreanische Startups einen Platz im Berliner Betahaus für drei Monate ergattern. 140 koreanische Startups hatten sich beworben, nur elf kamen in die engere Wahl. Da eines zwei Tage vorher zurückzog, gab es für die Startups eine 50-prozentige Chance, von der Jury nach Kreuzberg gewählt zu werden.

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Gekommen waren außerdem Vertreter von anderen Acceleratoren, einige koreanische Investoren und ein Apple-Mitarbeiter, in cognito. Also, eher privat, wie er sagte. Man schaue sich eben um.

Wirklich neue Ideen waren unter den Pitches allerdings wenige: Fotosortier-Apps, Parkplatz-Booking-Plattformen und ein Lichtschalter, der sich mit App bedienen lässt. Die kritischen Fragen der internationalen Jury konnten nicht immer beantworten werden – vor allem die wichtigste nicht: „Warum wollt Ihr damit nach Berlin?“ Die Antwort: „Wir haben gehört, dort gibt es viel Kreativität.“

Und die fehle derzeit noch im Seouler Startup-Dschungel. Zwar sagte die deutsche Mit-Veranstalterin Alina Gratschner, sie habe schon viele Startup-Ecosystems gesehen, aber „Seoul ist das am schnellsten wachsende.“ In der Tat ist die Szene in Korea sehr dynamisch: Sehr viel passiert gleichzeitig. Aber sie ist auch noch immer stark von der Regierung getrieben – und bezahlt. Entrepreneure, so heißt es, seien in Korea eher Grandrepreneurs: Sie wollen den nächsten Grand der Regierung.

Berlin als Versuchslabor

Doch das bedeutet nicht, dass es nicht funktionieren kann. Einige Gewinner-Startups legten überzeugende Pitches hin: BbuzzArt will selbstbewusst den Berliner Kunstmarkt aufmischen, 04-Master ist eine Art „Uber für Kräne und Bagger“, ConsiderC will das Fitness-Fahrrad zur „Tour de France“-Simulation ausbauen und Seerslab hat zumindest eine interessante neue mobile Videodreh-Idee, die im Pitch mittels der eigenen Tochter erklärt wurde. Sweet. Jingyu Lee von ConsiderC sagte, sie wolle in Berlin noch mehr Erfahrungen von der User-Seite machen – und vor allem Business suche sie. „Berlin kann für Europa das sein, was Seoul für Ostasien ist, das Versuchslabor für die gesamte Region.“

Überzeugt hatte ja auch der betrunkene Raymond Hong von Jokerpack. So wie Wunderlist in Berlin die Arbeit erleichtert, will Jokerpack einen Schritt weitergehen und alle bekannten Arbeitsplattformen auf einem „Whiteboard“ anordnen können. Das Englisch war nicht perfekt, aber die Sätze waren groß: „Es gibt jede Menge Weisheit im Netz“. Und Raymond Hong schloss seinen Vortag mit der Vorstellung des Teams, die zwar unterschiedliche Hintergründe hatten, aber fast alle in der koreanischen Armee gedient hatten. Hong: „Wir haben ein tolles Produkt und wir sind – wie Sie sehen – alle Kämpfer.“

VC und Jury-Mitglied Klaus Wilch war ganz zufrieden mit den Pitches. Er kennt beide Länder und hat die Hälfte seines Lebens in Deutschland, die andere in Korea verbracht. „Aber die wichtigen Startups waren heute nicht hier“, sagt er. Die stünden entweder längst auf eigenen Füßen und brauchten solche Regierungsprogramme nicht. „Oder seien wir ehrlich“, meint Wilch, „die bewerben sich dann doch lieber gleich für das Silicon Valley.“ Für hilfreich hält er das Programm trotzdem: Neuer Input sei für Projekte in einem frühen Stadium genau das Richtige. „Und das kann Berlin sehr gut liefern.“

Bild: Sören Kittel