KptnCook-Interview

Die drei KptnCook-Gründer Alex Reeg (40), Polina Marchenko (28, Geschäftsführerin) und Eva Hoefer (36) (v.l.)

KptnCook über Abspeckmaßnahmen und den US-Launch

Mit dem Startup Kochmamsell werden sie nicht gern verglichen: Zwar bieten die Berliner von KptnCook genau wie ihre Hauptstadt-Kollegen eine App für die Essensinspiration mit täglich neuen Rezepten zum Nachkochen mitsamt Preisliste für die Zutaten – verstehen sich aber als modernerer Dienst mit Fokus auf Bedienfreundlichkeit und schönen Bildern. Damit überzeugte das Startup bereits rund 100.000 potenzielle Nutzer zum Download. Und die eigene Latte ist hoch angelegt: KptnCook will zur Allround-App fürs Kochen werden und den Nutzern künftig auch einen Abholservice für die benötigten Zutaten bieten. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg.

Im Interview mit Gründerszene erklären Eva Hoefer und Alex Reeg, welche KptnCook 2013 gemeinsam mit Polina Marchenko gründeten, warum die Zusammenarbeit mit der Industrie bisher die größte Hürde darstellte und wie sie jetzt den US-Markt erobern wollen.

Stellt Euch doch einmal vor: Wer seid Ihr und was sind Eure Aufgaben im KptnCook-Team?

Hoefer: Wir sind zwei der drei Gründer von KptnCook. Ich bin Eva Hoefer, die Designerin im Team. Ich habe lange bei einer großen Corporate-Design-Agentur gearbeitet, dann gefreelanced, viel Web- und auch App-Design gemacht. Letztes Jahr im Juni haben wir drei Gründer uns auf dem Startup Weekend in Berlin kennengelernt, wo die Idee zu KptnCook geboren wurde. Seitdem entwickeln wir die Idee weiter. Ich übernehme hauptsächlich die Aufgaben Branding, Gestaltung, Interface Design – wobei jeder eigentlich auch alles macht.

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Reeg: Ich bin der Techniker im Team. Ich entwickle die App und auch das Backend. Vorher war ich drei Jahre lang Freelancer im Bereich iOS-Entwicklung. Unsere Dritte im Bunde, Polina, ist schon vor Jahren mit der Berliner Startup-Welt in Berührung gekommen, als sie beim T-Labs Entrepreneurs Program als Trainee gearbeitet hat, und hat sich davon anstecken lassen. Sie kümmert sich ums Produktmanagement und Organisation. Sie kam mit der Idee zum Startup Weekend. Wir waren damals in einer anderen Team-Konstellation dort und haben eine Koch-App als kleinen Prototypen entwickelt. Über die Veranstaltung haben wir uns zusammengefunden und gemerkt, dass wir mit Management, Entwicklung und Design eine Super-Kombination bilden.

Mit dem Thema Kochen hattet Ihr vorher also nichts zu tun?

Hoefer: Auf jeden Fall nicht so intensiv wie jetzt. Jeder von uns kocht aber gern, geht gern essen und probiert besondere Sachen aus.

Reeg: Wir sind eigentlich unser eigenes Zielpublikum. Wir selbst hatten oft das Problem, kurz vor Ladenschluss im Supermarkt zu stehen und zu überlegen, was man am Abend noch kochen könnte. Aus der Überforderung heraus kocht man dann meist dasselbe wie immer. Das wollten wir ändern.

Und Polina hatte diese Idee bereits, als Ihr Euch kennenlerntet?

Hoefer: Genau. Wir haben uns einfach gefunden. Sie hatte dasselbe Problem und wir hatten Lust, gemeinsam daran zu arbeiten und unsere Design- und Technik-Skills einzubringen. Was wir nicht wollten, war diese Fülle an Rezepten wie zum Beispiel auf Chefkoch, wo man bei der Suche nach „Wiener Schnitzel“ 1.000 Vorschläge bekommt. Wir wollen den Leuten die Entscheidung leicht machen und bieten ihnen jeden Tag eine Auswahl von drei neuen Gerichten, die auch neugierig auf den nächsten Tag machen soll.

Ganz neu war die Idee aber nicht – das Startup Kochmamsell bot einen solchen Dienst zum Beispiel schon vor über einem Jahr an.

Reeg: Unsere Ideen sind verwandt, jedoch unterscheiden sie sich im Wesentlichen. Im Mittelpunkt steht bei uns das Essen, nicht der Supermarkt. Das heißt, der Nutzer wählt zuerst aus, welches Gericht er kochen möchte, und wir zeigen dann, in welchen Supermärkten man die Zutaten finden kann. Wie man in der App sieht, legen wir einen starken Fokus auf schöne, großflächige Fotos, die gleich beim Start der App Lust aufs Kochen machen, und als Schritt-für-Schritt-Anleitung die Nutzer bei der Zubereitung begleiten. Außerdem ist es uns wichtig, um die KptnCook-App herum eine Community aufzubauen. Wir möchten verstärkt mit Foodbloggern zusammenarbeiten, die wir über unsere App promoten möchten.

Hoefer: Ideen kann man viele haben; was zählt, ist die Umsetzung. Wir haben einen Plan, wie wir unsere Kooperationen mit Supermärkten vertiefen können und ein Win-win-Situation für die Supermärkte sowie auch für die Nutzer schaffen. Unser Wunsch war es, den gesamten Prozess zu bedienen, deswegen wollten wir in Kooperation mit Supermärkten auch einen Abholservice der Rezept-Zutaten ermöglichen. Wir haben in der Anfangszeit aber gemerkt, dass wir ganz schön viel auf einmal wollen. Die Gespräche mit der Industrie können sich lange hinziehen, teilweise monatelang, und man muss sich als Startup erst einmal Glaubwürdigkeit erarbeiten. Im November haben wir darum entschieden, diesen Teil des Service zu überspringen und vorerst nur die halbe App anzubieten. Das heißt eigentlich: 50 Prozent der bereits bestehenden App wieder zu verwerfen. Das war eine richtige Entscheidung, die es uns ermöglicht hat, viel schneller live zu gehen und Feedback zu sammeln.

Wie schafft Ihr das Ganze mit bisher nur drei Mitarbeitern – Ihr kocht selbst, Ihr fotografiert selbst, Ihr schreibt selbst?

Hoefer: Ja. Wir arbeiten 24 Stunden am Tag. (lacht) Aber wir glauben an das, was wir machen, und bekommen viel positives Feedback von Nutzern und auch von Industriepartnern. Außerdem hatten wir immer tolle Menschen um uns herum, die uns unterstützt haben.

Was haltet Ihr persönlich von Abo-Kochservices wie HelloFresh und Kochzauber?

Hoefer: Es funktioniert bestimmt bei Leuten, die planen können. Also bei Familien, die einmal in der Woche ihren Großeinkauf machen und relativ strukturiert in ihren Abläufen sind. Wir entscheiden dagegen häufig sehr spontan über die Abendgestaltung.

Reeg: Die Abodienste haben sicher ihre Berechtigung, aber ich denke, die meisten Leute wollen eher flexibel sein. Bei mir würde die Hälfte der frischen Lebensmittel wahrscheinlich verderben.

Nochmal zurück zum Geschäftsmodell: Der Abholdienst war dann sicher das, womit Ihr Geld verdienen wolltet?

Hoefer: Ja, das war die Idee und ist noch immer die Vision. Aber wir brauchen mehr Schritte bis dahin, wie wir festgestellt haben. Unser jetziges Hauptziel ist es, den Nutzern eine tägliche Inspiration zu bieten.

Wer soll dann die Einkäufe für den Kunden übernehmen?

Reeg: Wir arbeiten jetzt unterschiedliche Konzepte aus, wie wir das am besten implementieren und testen können, es ist „Work in Progress“. Es gibt zum Beispiel in den USA tolle Startups wie Instacart oder Postmates, die wir als potenzielle Kooperationspartner in Betracht ziehen.

Und wie verdient Ihr solange Geld?

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Hoefer: Momentan sind wir am Bootstrappen und verdienen noch gar kein Geld. Wir haben allerdings eine Pre-Seed-Finanzierung vom Plug & Play Accelerator im Silicon Valley bekommen. Uns steht der große Demo-Tag am 18. September bevor, wo wir vor über 1.000 Besuchern, unter anderem Investoren und über 60 Einzelhändlern pitchen werden. Die Erwartungen halten wir hoch, aber wir bleiben am Boden der Tatsachen. Ich glaube, wir gehören zu den wenigen Startup-Teams, die sich innerhalb von nur acht Monaten ohne ein paar hunderttausend Dollar im Rücken zur Expansion in die USA wagen.

Ist der Hype um Essens-Startups und Koch-Apps dort genauso stark ausgeprägt?

Hoefer: Viel stärker. Sehr viele Startups versuchen dort gerade, innovative Ideen rund um das Thema Essen auf den Weg zu bringen. Das ist total spannend zu beobachten und wir möchten ein Teil davon werden.

Reeg: San Francisco ist eine sehr Food-begeisterte Stadt. Viele Foodies leben dort und viele Essenstrends stammen von der US-Westküste, zum Beispiel lokale Brauereien, die gerade hierzulande aus dem Boden sprießen: In San Francisco gab es den Trend schon vor über einem Jahr.

KptnCook hieß anfangs Cookster – warum die Umbenennung?

Reeg: Wir haben uns relativ schnell umbenannt, da wir merkten, dass es in den USA eine große Rezepte-Webseite mit dem Namen gab. Und unser Ziel war von Anfang an Internationalisierung.

Apropos: Was können US-Nutzer von der KptnCook-App erwarten?

Reeg: Am Freitag haben wir die amerikanische Version im iOS Store veröffentlicht. Die App wurde nicht nur auf Englisch übersetzt, sondern komplett auf den amerikanischen Markt angepasst. Zum Beispiel nutzen Amerikaner kein metrisches System, deswegen haben wir die entsprechenden Umrechnungen der Zutatenmengen ergänzt. Wir kooperieren mit weiteren amerikanischen Food-Bloggern und haben einige Bugs eliminiert. Zudem werden wir in Kürze auch ein Update der deutschen App herausbringen. In dieser neuen Version stützen wir uns auf das Freemium-Modell. Wir wollen uns nicht die Rezepte bezahlen lassen, sondern die Speicherplätze in der Favoritenliste, die benötigt werden, wenn der Nutzer das Rezept nicht am Veröffentlichungstag, sondern später kochen möchte. Der Nutzer kann alle Rezeptdetails anschauen, bevor er es in der Favoritenliste speichert. Ein Speicherplatz kostet dann zwischen 5 und 7 Cent, was absolut fair ist, wenn man in Betracht zieht, wie viele Stunden an jedem Rezept gezaubert werden.

Welche sind die größten Lehren, die Ihr aus der Gründung gezogen habt?

Reeg: Ein Tipp für Gründer ist es immer, Dinge sehr schnell zu realisieren. Hätten wir im November nach einigen Wochen Business-Planung, Konzeption und Prototyp-Design nicht endlich unser Produkt umgesetzt und gelauncht, wäre es schwierig für uns geworden.

Hoefer: Man muss für sich definieren, welchen Weg man gehen will, um schnell ein Produkt rauszubringen, um echtes Feedback von echten Nutzern zu erhalten – anstatt ein Jahr lang an einem Konzept herumzudoktern. Herunterbrechen sollte man es aber auch nicht zu sehr – die Punkte Design und Usability müssen stimmen, da man mit ihnen die Nutzer gewinnt oder eben nicht.

Vielen Dank Euch für das Gespräch.

Bild: KptnCook