Einige der Köpfe hinter Krautreporter

Liebe Kollegen,

schön, dass ihr endlich online seid. Wir haben lange darauf gewartet. Als vor einigen Monaten das Geld für den Start eures journalistischen Projektes gesammelt wurde, gab es ja ein ziemlich lautes Getöse. Daran seid ihr allerdings selber schuld gewesen, denn immerhin war ja euer etwas pathetischer Plan, den Online-Journalismus zu retten. Der Lärm ist euch wahrscheinlich irgendwann selber etwas unheimlich geworden und der Lautstärkepegel wurde deutlich heruntergedimmt. Heute, zum Start der Website, ist fast gar nichts mehr zu hören. Merkwürdig.

Doch heute Morgen wurde uns ein Link zur eurer ersten Aufmachergeschichte zugespielt und wir landeten etwas ungläubig auf eurer Seite. Es geht tatsächlich los. Ist das jetzt wirklich der bessere Journalismus? Immerhin: Es gibt auf eurer Seite keine Werbung. Stattdessen lange Texte. Ob das immer ein Zeichen für Qualität sein muss? Wir sind uns nicht ganz sicher und haben uns die Geschichten durchgelesen.

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Stefan Niggemeier, einer eurer Starautoren, nimmt als erstes gleich mal das Buch von Ex-FAZ-Journalist Udo Ulfkotte auseinander. Der behauptet, dass es Pressefreiheit in Deutschland nicht gibt und die Medien gelenkt werden, manipulieren und durch und durch korrumpiert sind. Niggemeier legt sich richtig ins Zeug, um diesen gesammelten Quark zu demontieren.

Doch irgendwie hat man das Gefühl, dass er dem seltsamen Machwerk durch eine so liebevolle und ausführliche Analyse etwas zu viel Ehre zukommen lässt. Wirklich furchteinflößend ist, dass Ulfkotte mit seinen Buch in die Beststellerlisten eingestiegen ist. Er trifft offenbar ein weit verbreitetes Gefühl in Deutschland. Daran sollten Journalisten und Verlage dringend etwas ändern. Aber für die Verbesserung der Glaubwürdigkeit von Journalisten haben wir ja jetzt auch euch – die Krautreporter.

Eure Seite sieht wirklich sehr schön aus. Aufgeräumt, modern, luftig. So wie Medium das noch etwas besser macht. Man findet sich gleich zurecht und der Blick richtet sich auf den Kern eures Angebotes: die Geschichten mit ihren Fotos. Neben Niggemeier kommen noch Autoren wie Tilo Jung oder Victoria Schneider zu Wort. Unter den 16 Storys von heute Morgen beschäftigen sich gleich drei mit Israel, Gaza und dem Nahen Osten. Aber die Lage dort ist ja auch durchaus erklärungsbedürftig.

Im zweiten Text macht sich Christian Fahrenbach auf die Suche nach dem amerikanischen Traum. Kann es wirklich jeder schaffen in den USA? Um diese Frage zu beantworten, spaziert er die 17 Kilometer lange Park Avenue in New York herauf und fragt bei Leuten auf der Straße einfach mal nach. Dabei kommt er durch sehr reiche und sehr arme Stadtteile von Manhattan bis zur South Bronx. Irgendwie hat man am Ende das Gefühl, dass Fahrenbach erleichtert aufatmet, als ihm eine Sozialarbeiterin endlich sagt, dass sie noch nie an den amerikanischen Traum geglaubt habe. Bis dahin fanden auch die Pfandsammler ihr Land und New York ziemlich prima.

„Konzerne“ sind dann in den folgenden Texten natürlich immer „riesig“ – und etwas sehr bedrohliches. Wie in einem Text über Edeka. Dem Lebensmittelgiganten nehmt ihr zum Beispiel übel, dass er sich in seiner Werbung als Tante-Emma-Laden darstellt. Na ja. Es ist eben Werbung. Vielleicht hätte man in einem Satz auch mal sagen können, dass die Versorgung mit Lebensmitteln von so vielen Menschen noch nie so gut funktionierte wie heute.

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Dann „fallen ausländische Großkonzerne“ in Mosambik ein und bedrohen in einer Reportage die friedlichen, perfekten und naturbelassenen Menschen in Mosambik. Sie treffen sich mit dem Dorfältesten natürlich unter wunderschönen Bäumen, die anschließend fragwürdigen Projekten weichen müssen. Da trennt sich gut von böse etwas zu sauber. Ein paar mehr Grautöne hätten gut getan.

Shopping-Center sind dann in einer Geschichte über die neue „Mall of Berlin“ natürlich „Konsumkolosse“ und die fleißigen Einkäufer gehen vom „Glutamatessen gesättigt und zufrieden über ihre Schnäppchen“ nach Hause. Puh. So simpel gestrickt ist die Welt sogar in Einkaufzentren und in Afrika nur ganz selten. Vielleicht ist es das, was ihr als „Haltung“ bezeichnet. Wir finden das etwas vorhersehbar und langweilig. Aber ihr seid ja in einer „permanenten Betaphase“, Krautreporter ist noch nicht fertig und soll es nie werden. Wie es sich für digitale Produkte gehört.

Wir überlegen gerade, ob uns eure gut gemeinte Sache 60 Euro im Jahr wert ist. Den Journalismus habt ihr natürlich nicht neu erfunden. Das hat auch niemand erwartet. Aber es ist eine schöne Website, die soliden bis etwas naiven Journalismus präsentiert, der so wahrscheinlich auch in etablierten Medien seinen Platz finden würde. Euer Angebot wird sicher noch reichhaltiger und vielleicht finden sich dann auch Texte, die die etwas einfältige Aufteilung der Welt in schwarz und weiß einfach mal auf den Kopf stellen. Für Mitglieder, die bereit sind, diesen Preis zu zahlen, ist das Angebot im Augenblick etwas größer. Man darf kommentieren, erhält zusätzliche Interviews und andere Inhalte. Prima! Wir bleiben dran und bemühen uns in der Zwischenzeit auch, guten Onlinejournalismus zu machen – und melden uns dann später noch mal.

Glück auf!
Eure Gründerszene

Bild: Krautreporter