Kreditech Emails

Manager auf der Flucht?

Dem Hamburger Startup Kreditech scheinen die Manager wegzulaufen. Wie Gründerszene aus verschiedenen Quellen erfuhr, sollen in den vergangenen Wochen und Monaten mindestens zehn Führungskräfte das Unternehmen verlassen haben – und damit „ein Großteil des Managements“, wie es ein Insider formuliert. Die Firma selber spricht von „normaler Fluktuation“.

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Unter den Abgängen befinden sich den Angaben zufolge COO Tobias Reisberger, CIO Oliver Schimek, CMO Daniel Schlotter, Head of Business Intelligence Yi Tang, Head of HR Maria Lugge, Senior Marketing Manager David Hoppe-Rivera, Associate Vice President Yann Valiton sowie Country Manager Poland Katarzyna Małolepszy. Laut Gründerszene-Informationen haben zudem Country Manager Spain David Goday und Country Manager Australia Duncan McIntyre das Unternehmen verlassen – auf deren LinkedIn-Profilen ist allerdings noch Kreditech als aktueller Arbeitgeber angegeben. Kreditech will diese Liste nicht bestätigen – das Unternehmen spricht stattdessen von normalen Kündigungen und nicht bestandenen Probezeiten. Einige Manager seien nur „kurzzeitig aus der Firma ausgeschieden“.

Mehrere der genannten Personen arbeiten bereits an neuen Projekten: So entsteht in Berlin dem Vernehmen nach ein neues Kredit-Startup, das sich aus früheren Kreditech-Mitarbeitern rekrutiert.

Viele der ausgeschiedenen Manager seien „maßgeblich für den Unternehmenserfolg verantwortlich gewesen“, so der Insider. Der Schaden für das Startup sei durch den Abgang entsprechend groß. Neue Manager wird Kreditech wohl finden, so die Quelle, aber ob und in welcher Zeit sie an die Leistung ihrer Vorgänger anknüpfen können, sei fraglich.

Verbale Ausfälle und Zweifel am Geschäftsmodell

Mehrere Umstände scheinen für den Managerschwund bei Kreditech verantwortlich zu sein. Zum einen herrsche im gesamten Unternehmen ein sehr rauer Umgangston, besonders CEO und Gründer Sebastian Diemer soll demnach regelmäßig zu verbalen Ausfällen neigen. Ein entsprechendes Bild vermitteln auch mehrere E-Mails und Chatverläufe, die Gründerszene vorliegen, deren Echtheit allerdings nicht verifiziert werden konnte. Der Insider bestätigt: Diemer werfe gerne mit Schimpfwörtern um sich.

Ausbrüche, wie sie im folgenden (englischsprachigen) Chat-Protokoll zu finden sind, seien nicht ungewöhnlich: Eine Mitarbeiterin etwa habe „seine Zeit verschwendet“, weil sie ein Projekt nicht am Wochenende – und damit außerhalb der Wochenarbeitszeit – zu Ende gebracht habe. „Are you fucking kidding me? [...] Please tell me this is a fucking joke! [...] You waste 4 fucking days.“ Offenbar kippt der Tonfall bei Kreditech schnell ins Inakzeptable. Kreditech hält diesen Umgangston auf Nachfrage für nicht beleidigend: So würde die „angebliche Verwendung des Wortes ‘fucking’ im von Ihnen behaupteten Kontext ersichtlich keine Beleidigung einer Person darstellen“. Dazu brauche man „kein linguistisches Gutachten, sondern es genügen einfachste Kenntnisse der englischen Sprache“.

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Wie darüber hinaus interne Mailverläufe nahe legen, sind Mitarbeiter in neue Positionen gedrängt worden. Bereits bei Nachfragen drohe die Kündigung – ein konkretes Beispiel: Zwei Länderchefs, denen im Frühjahr dieses Jahres größere Verantwortung auferlegt werden sollte, wollten sich in einer Mail absichern und legten mehrere Punkte vor, unter deren Einhaltung sie bereit wären, die neue Stelle anzutreten. Die Antwort Diemers auf die sachliche Anfrage der Länderchefs: „You have exceeded my patience and made clear once more that you are no entrepreneurial minded managers. Maybe you should go for a Corporate Job with no risk or upside or fun. [...] We will discuss on monday if we want to continue working with you.“ Ein Insider bestätigt diese Art des Vorgehens, während Kreditech sie dementiert.

Einige der ausgeschiedenen Manager hätten zudem Zweifel am langfristigen Erfolg des Kreditech-Geschäftsmodells gehabt, heißt es von dem Insider. So seien unter anderem „die Zinsen für die Kreditrückerstattung viel zu hoch“, was nicht nur den Kreditnehmern übel aufstoße, sondern auch die Politik auf den Plan rufen könnte. Zudem soll es unter den Ex-Kreditech-Leuten vereinzelt auch moralische Bedenken gegeben haben, da man ein Produkt verkaufe, „welches den eigenen Kunden schade“.

Bild: © panthermedia.net / Dmitriy Shironosov