Ende Juli war es einmal wieder das Manager Magazin, das Zweifel an den Erfolgsmeldungen des ehemaligen Hamburger Vorzeige-Startups Kreditech anmeldete. Das Scoring-Unternehmen sei „dem Absturz mittlerweile offenbar näher als dem Aufstieg“ – das Magazin verwies auf deftige Verluste im ersten Halbjahr, auf Millionen, die in faulen Krediten versickerten, und, wie zuvor Gründerszene, auf stockendes Wachstum im Bezug auf die vergebenen Kredite.

„Derartige Zahlen“, hieß es daraufhin von Kreditech gegenüber Gründerszene, „kommentieren wir nicht“. Und kommentierte dann doch: Der Businessplan werde „outperformed“, das Manager Magazin habe sich „gezielt Zahlen rausgesucht, die in die Story passen“. Alle anderen Indikatoren ließen sich durch den strategischen Schwenk in Richtung längerfristiger und niedriger verzinster Kredite erklären: „Logischerweise ist das Umsatzwachstum rückläufig, wenn die Zinsen massiv reduziert werden und Kunden günstigere Kreditkonditionen angeboten werden“, so das Unternehmen. „Dass nebenbei das Volumen der Ratenkredite in den letzten drei Monate im hohen dreistelligen Prozentbereich gewachsen ist, wurde dezent ignoriert.“

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Also alles im grünen Bereich? Nach allem, was aus dem Umfeld des Startups zu hören ist, kann davon keine Rede sein.

So wird aus Unternehmenskreisen übereinstimmend berichtet, dass für das Marketing der Kreditech-Produkte seit Anfang August im Prinzip so gut wie kein Budget mehr zur Verfügung stehen soll. Einzige Ausnahme ist der Betrieb in Russland. Das plötzliche Absinken der Marketing-Ausgaben belegen auch Unterlagen, die Gründerszene vorliegen.

Das Unternehmen sagt dazu: „Dass Marketingbudgets angepasst werden, ist Standard in Startups. Aktuell fokussieren wir uns auf SEO und SEA.“ Ein Dementi klingt anders.

Dazu passt, dass nach Gründerszene-Informationen Kreditechs Head of Online Marketing gekündigt hat: Alexander Schneekloth war seit einem Jahr auf der Position, er verlasse das Unternehmen auf eigenen Wunsch zum Herbst, bestätigt Kreditech. Für die Firma ist Schneekloths Weggang ein großer Verlust, sagen Insider. Ohne Zweifel ist es ein weiterer Störfaktor für den wichtigen Marketing-Betrieb, wo es ohnehin an Konstanz fehlt, weil sich seit Monaten Interims-CMOs abwechseln.

Gut möglich, dass die Kreditech-Altinvestoren auf die Bremse getreten haben, weil ihnen das Hamburger Startup entschieden zu viel Geld verbrennt. Nur: Ohne den Marketinghebel und rein organisch kann Kreditech kaum wachsen. Und ohne vorzeigbares Wachstum kommen auch keine zusätzlichen Investoren für die Serie C an Bord. Eine Zwickmühle.

In dieser Situation ist eine einheitliche und stringente Unternehmensstrategie offenbar auch hektischem und teilweise erratischem Handeln gewichen. „Auf Wochenbasis werden Entscheidungen geändert“, beklagt sich einer, der nah dran ist.

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So zeigen Unterlagen, dass Ende Juli kurzfristig an der wichtigen Stellschraube der generellen Akzeptanzrate gedreht wurde: Statt den bislang geltenden durchschnittlich 15 Prozent stieg sie zeitweise auf fast 30 Prozent. Das bedeutet: Man nimmt kurzfristig mehr Kreditanträge an, aber eben auch mehr potenziell schlechte Schuldner. Damit werden schnell die Umsätze gesteigert, mittelfristig droht aber verstärkter Kreditausfall. Das Unternehmen sagt dazu, es kommentiere keine Zahlen.

Um auf die Schnelle mehr Kredite vergeben zu können – etwa, um eventuell interessierte Investoren zu beeindrucken –, eignen sich vor allem die umstrittenen Mikrokredite: Sie haben extreme hohe Zinssätze, kurze Laufzeiten – und sind für den Verleiher sehr risikoreich. Eigentlich will Kreditech von ihnen wegkommen, das Portfolio in Richtung der seriöseren Produkte Zaimo und Flexinero umschichten. Dabei handelt es sich um Produkte mit längeren Laufzeiten und niedrigeren Zinssätzen.

Vor allem auf Flexinero setzte man einst große Hoffnungen. Die flexible Kreditlinie für größere Summen, in Polen und Spanien am Markt, ist derzeit aber komplett eingestellt. Dann wurde intern der Ratenkredit Zaimo, den es in Spanien, Polen und Tschechien gibt, als Heilsbringer gepriesen. Doch nach Angaben von Insidern wurde auch Zaimo zurückgefahren. Dass stattdessen immer noch vor allem Mikrokredite vergeben werden, belegen auch Unterlagen. Kreditech sagt dazu: „Es gibt keine Änderung der Strategie, Mikrokredite sukzessive zu reduzieren und durch Installment Loans zu ersetzen.“

Auch bei einem anderen Thema gibt das Unternehmen vehement Kontra: mögliche Reduzierungen der Belegschaft. Es gebe „derzeit – außer aus Performance-Gründen – keine Entlassungen“, betont eine Sprecherin. Auch für die Tatsache, dass auf der Unternehmensseite im April von 250 Mitarbeitern die Rede war, später von 220 und man inzwischen 200 ausweist, gibt es eine Erklärung: „Wir haben von ,Mitarbeitern‘ auf ,Vollzeitmitarbeiter‘ umgestellt und rechnen entsprechend Freelancer, Praktikanten etc. nicht mehr mit ein.“

Bild: Rob Atkins / Getty Images