Kredito - Mikrokredite ohne Schufa, Marktlücke oder moralischer Bankrott?

Äußerst kontrovers wurde dieser Tage der Launch der Kreditplattform Kredito aufgenommen. Mit Kredito starten die beiden Ex-Gigalocal-CEOs Sebastian Diemer und Alexander Graubner-Müller einen Anbieter für Mikrokredite mit kurzer Laufzeit und ohne verpflichtende Schufa-Auskunft – Die Zinsen sind je nach Berechnungsmethode horrend. In Großbritannien existiert Wonga (www.wonga.com) mit diesem Modell, unter heftiger Kritik der Öffentlichkeit, schon seit Jahren. Ist das Angebot von Kredito in Deutschland rechtlich überhaupt einwandfrei und wie steht es am Ende des Tages mit der Moral? Gründerszene diskutiert.

Mikrokredite von Kredito erhitzen die Gemüter

Vor wenigen Tagen berichtete Gründerszene über Kredito, das neue Hamburger Startup von Ex-Gigalocal CEO Sebastian Diemer und Nils Henning von Bigpoint (www.bigpoint.net). Wie Gründerszene bereits vermutete, ist auch der zweite Gigalocal-Gründer Alexander Graubner-Müller mit an Bord. Die Meldung über Kredito stieß bei vielen Lesern auf harsche Kritik und wilde Spekulationen. Was ist dran an den hitzigen Kontroversen rund um Recht und Moral bei Kredito?

Anfang 2011 gründeten Sebastian Diemer und Alexander Graubner-Müller gemeinsam mit Hanse Ventures (www.hanse-ventures.de) erst den Fiverr-Klon Gigalo und kurz darauf die App Gigalocal. Das Geschäftsmodell von Gigalocal stand von Beginn an auf unsicheren Beinen. Die Übergabe an die neue Geschäftsführerin Cécile Gaulke dürfte das langsame Aus des Dienstleistungsmarktplatzes ankündigen. Anscheinend sind Diemer und Graubner-Müller als Gründerduo dennoch erfolgreich: Für ihre neue Idee Kredito konnten sie als Investoren bereits Amiando-Gründer (www.amiando.comFelix Haas und Bigpoint-CEO Heiko Hubertz mit ins Boot holen.

Das Konzept hinter Kredito ist schnell erklärt: Für maximal 30 Tage vergibt das Startup Kredite bis zu 400 Euro. Werden diese fristgerecht zurückgezahlt, kann der Kreditrahmen schrittweise auf bis zu 1.000 Euro angehoben werden. Der Betrag wird laut Unternehmensangaben innerhalb von 15 Minuten überwiesen – alles ohne Schufa-Auskunft, Post-Ident oder weiteren Schriftverkehr. Kredito gibt an, die Bonität eines Antrages anhand eines patentierbaren Bonitätsalgorithmus zu prüfen.

Trickst Kredito die BaFin aus?

Besonders heftig tobten unter dem ersten Kredito-Artikel auf Gründerszene die Kommentare um die rechtliche Situation des Finanz-Startups. Gründerszene versucht, ein wenig Licht ins juristische Dickicht zu bringen und Schlüsselfragen zu diskutieren – ein abschließendes Urteil kann jedoch nur die BaFin selbst fällen. Auf Anfrage von Gründerszene hieß es lediglich: „Es wurden selbstverständlich alle rechtlichen Rahmenbedingungen geprüft. Details werden nicht preis gegeben.“

Kredito finanziert sich über sogenannte Bonitätszertifikate, die dem Kunden zusätzlich zu den Kreditzinsen in Rechnung gestellt werden. Für eine Laufzeit von maximal 30 Tagen kostet dieses Zertifikat 49,90 Euro, weshalb man vermuten könnte, das Startup betreibe Zinswucher. Nach § 138 BGB liegt in der Regel Zinswucher vor, wenn der effektive Jahrszins doppelt so hoch ist wie der Marktzins. Kredito scheint diese Rechtsvorschrift durch sein Bonitätszertifikat umgehen zu können, welches nicht explizit als Zinsbelastung dargestellt wird. Die sogenannte Preisabgabenverordnung verdeutlicht in § 6 (Abschnitt zu Krediten) jedoch, dass zur Berechnung des effektiven Jahreszinses die „vom Kreditnehmer zu entrichtenden Zinsen und alle sonstigen Kosten einschließlich etwaiger Vermittlungskosten“ heranzuziehen sind. Ist das Bonitätszertifikat somit ein cleverer Trick oder klassischer Zinswucher?

Damit nicht jeder Jungunternehmer nach seinem ersten Exit auf die Idee kommt, sich als Nächstes an den internationalen Rollout seiner persönlichen Bank zu begeben, vergibt die Bankaufsichtsbehörde Banklizenzen in zeitintensiven und sehr anspruchsvollen Verfahren. Kredito selbst verfügt nicht über eine Banklizenz, und auch über Kooperationen mit etablierten Kreditinstitutionen ist nichts bekannt. Wie ist es dann möglich, dass Kredito unbeschwert Darlehen ausgeben darf? Gründerszene ist der Vermutung nachgegangen, es liege daran, dass Kredito nur Darlehen bis zu einer Grenze von 1.000 Euro vergibt. Der BaFin ist jedoch „eine solche Grenze nicht bekannt“. Weiterhin bestätigen sowohl die BaFin als auch ein von Gründerszene befragter Rechtsexperte, dass laut dem Kreditwesengesetz eine Lizenz benötigt wird, sobald ein Kreditgeschäft mittels eines „in kaufmännischer Weise eingerichteten Geschäftsbetriebs“ betrieben wird. Die BaFin konnte sich zur Rechtmäßigkeit von Kredito zum jetzigen Zeitpunkt nicht öffentlich äußern, hat den Fall jedoch an die zuständige Abteilung zur Prüfung weitergegeben.

Wonga und andere Anbieter vergeben bereits seit Jahren Mikrokredite

Britisches Vorbild für Kredito ist das schon 2007 vom Südafrikaner Erol Damelin gegründete Wonga (www.wonga.com), das bisher stolze 147 Millionen US-Dollar einsammeln konnte. Unter Namen wie Payday oder Quick Quid (übersetzt „Schnelles Pfund“) versuchen in Großbritannien zahreiche Anbieter ihre Kredite unters Volk zu treiben. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung setzte sich Anfang des Jahres ausführlich mit dem britischen Markt der sogenannten „Payday Loans“ auseinander.

In den vergangenen Wochen ist Wonga unrühmlich ins Rampenlicht gerückt: Als neue Zielgruppe hatte sich das Unternehmen Studenten ausgesucht und versucht, diese davon zu überzeugen, lieber bei Wonga zu leihen als die staatlich ausgegebenen Studienkredite in Anspruch zu nehmen. Britische Studentendarlehen haben einen Zinssatz von 1,5 Prozent – Wonga-Kredite weisen einen effektiven Jahreszins (APR) von mehr als 4000 Prozent auf. Nachdem nicht nur die britischen Medien, sondern auch führende Kirchenvertreter Wonga moralisch verurteilt hatten, zog das Unternehmen sein Studentenangebot zurück.

Auch wenn erst der Kredito-Launch die kontroverse Diskussion um das Geschäftsmodell anstieß, ist mit der gleichen Idee schon seit Anfang 2011 ein anderer Anbieter im deutschen Markt: Vexcash (www.vexcash.de). Das Berliner Unternehmen wurde von den Geschwistern Manuel und Yvonne Prenzel gegründet. Wie die Welt am Sonntag berichtet, hat das Unternehmen im Februar 2011 damit begonnen, online Mikrokredite mit kurzer Laufzeit zu vergeben. Als Vexcash damit begann, neben Krediten auch Geldanlagen anzubieten, witterte das Verbrauchermagazin Öko-Test unerlaubte Bankgeschäfte und schaltete die Bankaufsichtsbehörde ein. Nachdem erste Ermittlungen eingeleitet wurden, zog Vexcash das Angebot zurück. Auch wegen missverständlichen Angaben zur Vergabe der Mikrokredite wurde das Berliner Unternehmen mehrmals vom Verbraucherzentrale Bundesverband abgemahnt.

Moralische Fallstricke bei Kreditos Ansatz

Gewiss lässt sich mit Modellen wie Kredito bei anständiger Umsetzung eine hübsche Summe Geld verdienen, trotzdem stellt sich die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, einer tendenziell finanzschwachen Zielgruppe über einen rechtlichen Kniff Wucherkredite anzudrehen. Schon 2009 stellte sich auch die Harvard Business Review diese Frage und bezeichneten die Idee hinter Wonga als „the worst business model in the world“. Das Geschäftsmodell sei „toxic“ und einem moralischen Bankrott gleichzusetzen: Wonga mache durch Verzugs- und Inkassogebühren je mehr Umsatz, desto schlechter die Kunden die Kredite zurückzahlen können.

Wenn man schon nicht moralisch einwandfrei handelt, sollte man zumindest so aussehen. Im Fall von Kredito ist aber auch hier der Schuss ziemlich nach hinten losgegangen. Ein prominent-platziertes TÜV-Siegel stellte sich schnell als eigentliches Siegel des Internethosters heraus und wurde schnellstens entfernt. Auf Anfrage von Gründerszene kommentierte Kredito, man habe das Siegel entfernt, um den Nutzer nicht zu verwirren. Wie von vielen der Rocket-Klons bestens bekannt, gaukelt auch Kredito durch die Formulierung „Konzept bekannt aus…“ seinen Nutzern hochkarätige Pressefeatures vor. Gelingt es den Rocket-Gründungen immer recht erfolgreich, sich im Ruhm anderer zu sonnen, hätte Kredito genauer hinsehen sollen: Alle Artikel, auf die verwiesen wird (F.A.Z., Welt, Öko-Test), kritisieren das Geschäftsmodell von Wonga und Vexcash aufs Heftigste und warnen vor deren Nutzung.

Ein Einstieg in den Markt der Onlinekredite ist nicht leicht (Experten im Gründerszene-Umfeld sprechen von Nutzereinkaufspreisen von bis zu 500 Euro) und gerade deswegen sollte von Beginn an die Vertrauensbasis geschaffen werden, die nötig ist, um Kunden dauerhaft zu halten. Doch: Sollte man Kunden wünschen, dauerhaft auf die Dienste eines Kredithais angewiesen zu sein? Kredito positioniert sich selbst als schnelle Hilfe in Engpässen, kann aber dauerhaft nur bestehen, wenn es genau das nicht ist.