Latershare

Die eigene Geschäftsidee vor potentiellen Geldgebern und anderen Interessierten zu pitchen, ist eine der Fertigkeiten, die jeder Gründer beherrschen sollte. Und da ein Fahrstuhl ein reichlich ungeeigneter Ort dafür ist, haben junge Startups im Format „Frischlingsfragen“ von nun an die Möglichkeit, sich und ihr Geschäftsmodell kurz und präzise vorzustellen: Gründerszene stellt zehn Fragen, und dieses Mal antwortet Latershare (www.latershare.com).


Wer seid ihr und was macht ihr?

Mein Name ist Jens Hoppe, ich bin Unternehmer und Gründer der Online-Kommunikationsplattform Latershare. Latershare ist ein einfach und sicher nutzbares Online-Tool, über das Antworten auf Feedbackrunden nicht sofort, sondern zeitversetzt veröffentlicht werden. Latershare löst auf diese Weise etliche Dilemmas in der Kommunikation: Wer sagt in „Du zuerst!“ – „Nein, Du!“-Situationen als erster etwas? Wie vermeidet man, dass der erste, der etwas sagt, das beeinflusst, was in Folge gesagt wird?

Bei Latershare kann jeder – ohne Registrierung, kostenlos, in einer Minute – einen Aufruf zu einer Feedbackrunde einrichten. Die Antworten der eingeladenen Nutzer werden in geschlossenen, virtuellen Umschlägen serverseitig abgelegt. Die Inhalte werden erst dann sichtbar, wenn entweder alle Nutzer eine Antwort hinterlassen haben oder wenn ein bestimmter Zeitpunkt erreicht wurde. Die Idee ist also simpel, die Einsatzmöglichkeiten sind aber zahlreich und vielfältig.

Hinter jedem Erfolg steckt eine Vision. Wie seid ihr auf eure Idee gestoßen?

Ich stand kurz davor Vater zu werden, und wir hatten noch zehn mögliche Namen auf Post-its am Kühlschrank kleben. Nun ging es in die finale Runde und es gab wieder diese „Du zuerst!“ – „Nein, Du!“- Situation. Den anderen nicht zu beeinflussen oder die eigene Meinung aufzudrängen, aber gleichzeitig doch seine Meinung frei zu äußern – eine echte Herausforderung. Das Problem haben wir noch so lösen können. Aber ich habe mich gefragt, warum nicht mehrere Personen gleichzeitig – voneinander unbeeinflusst – einfach ihre Meinung sagen können.

Klar, im direkten Gespräch klappt das nicht, aber es müsste doch ein einfaches Online-Tool dafür geben, mit den zusätzlichen Vorteilen der dezentralen, auch zeitversetzten Nutzung. Ich habe dann Blogs zu Effizienz und Kommunikation gelesen. Inspirierend war auch das Lesen von Dilbert-Cartoons ;-). Schließlich habe ich die Kommunikationstypen in einer Matrix angeordnet und damit konkretisierte sich die Idee.
Ich mag auch den offenen Ansatz von Twitter: Man stellt eine neue Technik bereit und lässt die Nutzer machen, so dass sie sinnvolle Einsatzgebiete dafür finden. So soll es zukünftig auch bei Latershare sein.

Noch wichtiger als die Idee ist häufig das Team. Wer sind die Gründer, was habt ihr vorher gemacht und wie habt ihr zueinander gefunden?

Latershare ist derzeit mehr oder minder eine Ein-Mann-Armee. Ich arbeite außerdem noch bei der CONTENS Software GmbH, einem der führenden Hersteller von Content-Management-Systemen, den ich 1999 mitgegründet habe. In der Vergangenheit habe ich bereits Firmen mit einem Gründerteam von drei, vier und einmal sogar neun Personen mitgegründet und bin der Meinung, dass ein größeres Gründerteam vor allem bei komplexeren, erklärungsbedürftigen Produkten mit längeren Entwicklungsphasen und personalintensivem Vertrieb von Vorteil ist.

Ich habe vor Jahren Kommunikationswissenschaften studiert, arbeite seit 1996 in der Online-Branche und habe bei CONTENS und in Web 2.0-Projekten jeweils die initialen, marktfähigen Versionen komplexerer, web-basierter Produkte entwickelt. Latershare konnte so entsprechend seiner eigenen Werte entwickelt werden – maximale Effizienz, keine umständlichen Abstimmungsprozesse oder Meetings, schnelle Umsetzung anhand einer klaren Vision. Natürlich gab es auch bei der Realisation von Latershare Teamwork. In den Bereichen HTML-Umsetzung, jQuery-Programmierung, Logo-Entwicklung, Übersetzung, Recherchen habe ich mit Entwicklern, Designern und anderen Dienstleistern zusammengearbeitet, oft auf internationaler Ebene.

Viele Gründungsideen sind nicht gänzlich neu. Was ist euer USP und was macht ihr anders als alle anderen?

Latershare ist online der erste Dienst seiner Art. Es gibt durchaus parallele, unbeeinflusste Kommunikation in der Offline-Welt: Für Abstimmungen, Input-Sammlungen im Rahmen von Workshops etc. werden Umschläge verteilt, eingesammelt und ausgewertet. Man kann als Organisator E-Mails versenden, den Rücklauf überprüfen und das Ergebnis aufbereiten, wobei man dann a) einen – vom Team ggf. ungewollten – Wissensvorsprung und b) eine Menge Arbeit hat. Manchmal kommt spezielle Technik zum Einsatz, wie zum Beispiel bei Fernseh-Jurys.

Bei Latershare können alle Teilnehmer gleichzeitig Input liefern. Es gibt nur minimalen Organisationsaufwand. Man braucht keine echten Zettel und Umschläge, kein Briefporto und auch keine Anwesenheit der Teilnehmer in einem Meeting oder einer Telko. Man verbraucht weniger Arbeitszeit und unterbricht die Teilnehmer nicht in ihren sonstigen Tätigkeiten. Niemand, der mit der ersten Antwort bereits eine Richtung vorgibt. Für mehr, unterschiedlichere, bessere Ergebnisse.
Latershare fungiert als automatischer Treuhänder, so dass die Feedbacks aller allen fair und synchron zur Verfügung stehen. Die möglichen Anwendungsgebiete reichen von Abstimmungen und Aufwandsschätzungen über Pitches und Spiele bis hin dazu, sich ein Meinungsbild zu verschaffen oder Entscheidungen vorzubereiten. Einzelpersonen können Ankündigungen oder Entscheidungs-Ergebnisse zeitversetzt publizieren. Man kann per Latershare auch Gebote sammeln, Geschichten fortschreiben oder Kompromisse vorbereiten.

Zum Business: Wie funktioniert euer Geschäftsmodell? Und wie groß ist das Marktpotential?

Latershare ist – anders als zum Beispiel zweiseitige Märkte – sofort, ab dem ersten Einsatz nützlich. Zudem ist die virale Verbreitung bereits im Produkt eingebaut. Ich denke, es lässt sich ein Freemium-Geschäftsmodell etablieren. Der Service bleibt für Privatleute und auch einfache Use-Cases in Firmen kostenlos. Es wird demnächst für Firmen ein Zusatz-Feature-Paket geben, welches dann pro Monat ein paar Euro kosten wird. Das Customizing der Latershare-Stages für Firmen wird eine andockbare Dienstleistung sein. Denkbar ist auch eine Server-Variante für die interne Nutzung bei Firmen (inklusive Active-Directory-Integration) sowie die Integration mit vorhandener Groupware / Collaboration-Software.

Das Marktpotential ist sehr groß. Latershare kann für potentiell jeden Internetnutzer und jede Firma von praktischem Nutzen sein. Vom Use-Case her eingeschränktere, aber von der Einfachheit der Anwendung her vergleichbare Dienste wie zum Beispiel Doodle erreichen derzeit zehn Millionen monatliche Nutzer. Man könnte die Latershare App bei Facebook einhängen, aber gerade die mögliche Anonymität der Nutzung bzw. die Nutzung mit Pseudonymen wird bei wachsendem Datenschutz-Bewusstsein eine der Stärken von Latershare sein.

Ideen umzusetzen kostet Geld. Wie finanziert ihr euch?

Derzeit ist Latershare selbst finanziert. Es hilft, Gesellschafter einer etablierten Firma (mit Kunden wie RTL, McDonalds u.v.m.) zu sein. Den langen Atem, den Latershare brauchen wird, weil die Menschen sehr an dialogische, sequentielle Kommunikation gewöhnt sind, haben wir – durch rigides Kostenmanagement und effiziente Inhouse-Produktentwicklung. Die Skalierung ist auch jetzt schon stemmbar. Es gibt nun zwei Wege der Markteinführung – den schnelleren, auf den Business-Einsatz-fokussierten Weg, mit externem Geld und weiteren Gesellschaftern, und den langsameren Weg als Side-Project, basierend auf der eingebauten Viralität, Social Media. Das wird sich finden.

Gibt es etwas, das euch noch fehlt? Ein Mitarbeiter, ein Investor oder ein Büro?

Latershare benötigt sicher mehr mediale Aufmerksamkeit. Es ist noch zu früh zu sagen, ob sich diese von selbst einstellt oder ob sie sich nur durch noch mehr PR-Arbeit, Werbung etc. anschieben lässt. Mit einem Investor ließen sich die Business- und Mobile-Version sowie die Markteinführung sicherlich schneller stemmen. Vielleicht finden sich passende Investoren sowie Mitstreiter, die es akzeptieren, dass ich auch bei anderen Firmen und Projekten eingebunden bin.

Gibt es ein großes Vorbild für euch?

Unternehmer, die mit einfachen, guten Ideen zum richtigen Zeitpunkt Etabliertes in Frage gestellt haben – und das nicht bloß im wirtschaftlichen, sondern auch sozialen Sinne. Beispiele im Internetbereich sind Craig Newmark (Craigslist), Jimmy Wales (Wikipedia), Niklas Zennström (Skype), im Nicht-Internetbereich Henry Ford (günstige Ford Ts).

Stellt euch vor, ihr könntet ein Lunch gewinnen. Wen würdet ihr aus der deutschen Startup-Branche gerne mit an den Tisch holen?

Jemanden, der internationale Startup-Größen und Investoren mit an den Tisch holen kann – also zum Beispiel Stephan Uhrenbacher oder Stefan Glänzer.

Wo steht ihr heute in einem Jahr?

„Latersharen“ hat sich als Verb für diese Art der Kommunikation etabliert. Es wird international von hunderttausenden Privatnutzern und Firmen eingesetzt. Zudem in Fernsehshows und bei Sportveranstaltungen. Im internationalen Politikbetrieb werden erste Probleme über Latershares gelöst. Mal im Ernst: So genau lässt sich das nicht sagen. Natürlich gibt es Herausforderungen: die schwer zu erreichende mediale Aufmerksamkeit, die langwierige Annahme neuer Kommunikationstypen, die nur langsame Wertschätzung möglicher Anonymität im Facebook-Zeitalter und vieles mehr.

Aber ich bin sicher, Latershare und die Idee dahinter können überzeugen. Als Kommunikationswissenschaftler macht es einfach Spaß, den vorhandenen Kommunikationsmitteln und -konzepten ein weiteres hinzuzufügen und zu schauen, ob und wie es sich etabliert. Spaß und Spannung sollten ein zentraler Antrieb sein, wenn man eine Online-Plattform gründet. Dann hält man auch durch, bis es läuft.

Jens, vielen Dank für das Gespräch.