Sprecherin Jennifer Fizia und CEO Christopher Kampshoff bei ihrem Auftritt in der Höhle der Löwen.

Das Fintech-Startup Lendstar hat den größte Deal in der Geschichte der Startup-TV-Show „Höhle der Löwen“ hingelegt. Nicht schlecht. Vor allem für ein Fintech-Startup, dessen Geschäftsmodell nicht gerade auf den ersten Blick verständlich wirkt. Lendstar ist eine Social-Banking-Plattform. Die Idee von CEO und Gründer Christopher Kampshoff ist, dass sich Gruppen von Menschen zusammentun können, um zum Beispiel Geschenke oder Eintrittskarten per Smartphone-App zu kaufen. Aber auch das schnelle Leihen und Verleihen von kleineren Geldbeträgen soll digitalisiert und vereinfacht werden. Das französische Startup Leetchi, das ein ähnliches Produkt entwickelt hat, wurde gerade von der Bank Credit Mutuel Arkéa übernommen und mit mehr als 50 Millionen Euro bewertet.

Jochen Schweizer, einer der Investoren in der Höhle der Löwen, war derart angetan von der Idee, dass er 250.000 Euro für 6,14 Prozent der Firmenanteile locker machte. Schweizer: „Der Gründer und das Konzept von Lendstar haben mich von Anfang an überzeugt. Sie vereinfacht die Organisation und finanzielle Abwicklung, zum Beispiel beim gemeinsamen Sammeln für ein Erlebnisgeschenk, zwischen zwei und mehr Personen deutlich.“ Wir haben bei Christopher Kampshoff nachgefragt, wie es seit der Aufzeichnung der Sendung mit Lendstar weitergegangen ist, und wie die Zusammenarbeit mit Schweizer läuft.

Wie hat es sich für euch in der Höhle der Löwen angefühlt?

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Wir hatten uns gut vorbereitet, aber es kamen tatsächlich ein paar Fragen, mit denen wir so nicht gerechnet hatten. Es ging sehr häufig um technische Dinge. Das hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Das hat uns überrascht und wir haben uns gefragt, ob man das senden kann. Grundsätzlich haben wir uns ziemlich wohl gefühlt. Man ist natürlich angespannt und aufgeregt. Aber wir konnten die Kameras relativ gut ausblenden. Wir haben fleißig die erste Staffel geguckt und dadurch kannten wir die Gesichter und wir konnten uns ungefähr denken, wie die Löwen reagieren würden.

Frank Thelen hat gesagt, dass ihr gerade an einem sehr heißen Thema dran seid. Wie siehst du das?

Also das Peer-to-Peer-Finanzenthema ist derzeit noch gar nicht so heiß. Ich glaube, dass wir immer noch früh dran sind in dieser Trendbewegung. Ich hoffe, dass unser Thema noch stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Wir sehen jedenfalls bei unseren Usern und Interessenten, dass viele Menschen einen großen Nutzen aus unserem Produkt ziehen und Spaß daran haben – wenn sie es erstmal kennen. Unsere Herausforderung ist die „Erst-Education“ der User, weil es in Deutschland etwas völlig Neues ist. Jetzt sieht man aber in anderen Ländern wie Dänemark oder den USA, wo es ähnliche Produkte gibt, dass so etwas extrem gut ankommt. Daher sind wir sehr optimistisch. Dazu kommt noch, dass es bei uns um mehr geht, als nur Geld von A nach B zu schieben. Wir ermöglichen Gruppentransaktionen. Da steckt noch viel Potential drin.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Jochen Schweizer? Hat er euer Produkt so richtig verstanden?

Es läuft sehr gut. Der Support ist super. Die Paymentlösung, die Schweizer vorschwebt, stand ja auf unserer Agenda. Allerdings nicht so früh, wie wir es jetzt machen. Und das ist eine Veränderung in unserer Entwicklung von ein oder zwei Monaten.

Eine Paymentlösung habt ihr aber gar nicht präsentiert, oder? Hat Jochen Schweizer das einfach nur hineininterpretiert?

Der Schritt ist gar nicht so schwer. Ob ich jetzt Geld zu dir oder zu einem Shop transportiere ist im Endeffekt das Gleiche. Beim Payment muss ich mehr Drumherum machen, damit der Shop die nötigen Informationen bekommt. Aber auch da ist bereits vieles in unserer Infrastruktur vorhanden. Von daher hatten wir diesen Schritt ohnehin auf der Agenda. Er kommt jetzt nur etwas früher.  Wir fanden das nicht uncharmant, weil wir tatsächlich den Geschenk-Case und Jochen Schweizer im Auge hatten. Wir haben das aber nicht mitpräsentiert, weil wir den Pitch nicht überfrachten wollten. Lendstar ist eine Plattform und man kann viele verschiedene Dinge damit machen.

Wie will Jochen Schweizer seine Kunden überzeugen, mit eurer Anwendung Geld zu überweisen?

Es muss unsere Aufgabe sein, neue User zu gewinnen. Dann kommt das im zweiten Schritt. Wir planen mit ihm im Bereich Einzel- und Gruppentransaktion etwas zu machen. Da sind wir aber noch in der frühen Entwicklungsphase. Schweizers Geschenke werden selten alleine gekauft, häufig tun sich mehrere Leute dafür zusammen. Und da besteht die Nähe zu unserem Kernthema. Das passt schon ganz gut. Wir haben das nicht gemacht, um die 250.000 Euro zu bekommen. Für uns war es wichtig, dass Jochen Schweizer uns auf seiner Plattform präsentiert und wir einen schönen Referenzfall haben. Das Schwierigste ist immer, den ersten Kunden zu gewinnen. Jetzt wird es unsere Aufgabe sein, eine gute Performance zu zeigen, damit wir dann auch andere Shops überzeugen können.

Hinter eurem Dienst steckt aber immer noch eine große Bank, oder?

Wir haben mit den Banken selber keinerlei technischen Integrationsaufwand. Wir müssen mit keiner Bank zusammenarbeiten, um die Überweisung zu ermöglichen. Das zeichnet unsere Lösung aus. Wenn du eine Überweisung bei uns machst, funktioniert das innerhalb von zehn Sekunden. Wir haben einen Prozess dahinter gelegt, der den Vorgang beschleunigt. Die eigentliche Überweisung findet allerdings nur auf dem Bank-Server statt. Auf dem Girokonto des Empfängers geht das Geld am nächsten Tag ein.

Warum könnt ihr das schneller als eine normale Bank?

Die eigentliche Überweisung von einem Girokonto auf das andere Konto ist nicht unbedingt schneller. Bei uns ist der Prozess der Auslösung der Überweisung schneller. Man gibt lediglich den Betrag ein, den Empfänger, dann wird eine PIN- und eine TAN-Nummer abgefragt und dann war’s das schon. Und damit haben wir diesen ganzen Transaktionsprozess in den Chat eingebunden.

Warum muss ich mich bei euch immer noch mit PIN- und TAN-Nummern herumschlagen?

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Wir würden auch gerne ohne PIN- und TAN-Nummern arbeiten. Das Fintech-Startup Number 26 hat sich die TAN-Nummer gespart. Auch bei vielen Banken ist das Thema TAN in der Diskussion. Das ist gut für uns. Wir beschweren uns nicht, wenn diese Nummern wegfallen. Einen Vorteil darf man nicht vergessen, die Leute haben den Umgang mit diesen Nummern gelernt. Außerdem müssen wir den Spagat zwischen Sicherheit und Bequemlichkeit hinbekommen. Was passiert, wenn wegen der fehlenden Sicherheitsabfrage plötzlich 2000 Euro auf deinem Konto fehlen? Dann kommen sofort die Forderungen nach mehr Sicherheit. Wir wollen den jetzigen Banken helfen, ein gutes User-Interface zu liefern und ihren Kunden eine gute User-Experience zu bieten. Deshalb müssen wir auf die Gegebenheiten aufsetzen.

Ist es denkbar, dass Lendstar von einer Bank gekauft wird?

Wir haben mit einer Volksbank ein Pilotprojekt gestartet. Dafür haben wir unsere App im Look and Feel der Volksbank gestaltet. Das ist genau das, was wir mit anderen Banken im In- und Ausland besprechen. Da gibt es großes Interesse. In den USA hat Facebook Ein-zu-Eins-Transaktionen in den Messenger integriert. Das wird auch nach Europa kommen. Dann wird das Thema auch hier noch viel größer.

Ist Facebook euer großer Konkurrent und fegt euch dann vom Markt?

Ich glaube, dass in Europa über Geldthemen ganz anders nachgedacht werden muss. Vor allem in Sachen Datensicherheit. Deshalb ist Facebook nicht gerade der ideale Anbieter solcher Dienste. Für uns ist Datenschutz ein sehr wichtiges Thema. Wir verdienen unser Geld nicht damit, dass wir Daten nachher verarbeiten. Wir müssen einfach so präsent im Markt sein, dass man über Lendstar spricht, wenn es um Peer-to-Peer-Überweisungen geht. Wir sind deutlich besser als das, was Facebook anbieten wird. Die Banken selber werden allerdings viel stärker unter Druck geraten. Weil sie keine Antwort haben. Das muss für uns nicht zwingend schlecht sein – wir haben eine Antwort.

Was kommt auf die Banken in den nächsten Jahren zu?

Wir sprechen mit vielen Banken. Es gibt Leute, die verstehen, da passiert gerade etwas, da draußen. Es geht um die Digitalisierung. Das ist das, was wir tun. Unser größter Konkurrent ist daher nicht Facebook, unser Wettbewerber ist das Bargeld. Weil über 90 Prozent der Transaktionen, die wir über Mobile abbilden wollen, heute noch über Bargeld abgewickelt werden. Bargeld ist sehr lästig. Man muss sich persönlich sehen, es funktioniert nicht über verschiedene Städte. Das ist unser Antrieb. Diese Transaktionen wollen wir digitalisieren, um sie bequemer zu machen. Den Banken fehlt in der Breite das Verständnis dafür. Sie haben noch nicht die Wahrnehmung, dass da längst ein Tsunami auf uns zu rollt. Das wird wahrscheinlich erst erkannt, wenn die Welle an den Strand schlägt. Das ist dann zu spät. Es gab allerdings im vergangenen halben Jahr viel mehr Offenheit bei Banken. Aber sie tun sich immer noch sehr schwer.

Bei Lendstar arbeiten derzeit neun Leute. Das Startup wurde Anfang 2013 von Christopher Kampshoff gegründet. Er hat Bankkaufmann gelernt und anschließend von der Stadtsparkasse in Bocholt bis zur Investmentbank JP Morgan in London in vielen Bereichen der Bankenbranche gearbeitet.