20091209_leweb09_teaser

„Bitte benutzt nicht den Video-Livestream auf dem iPhone, wenn ihr hier im Raum seid. Ihr seid live dabei, das muss reichen.“ Auch wenn Loic LeMeur durchaus Witz hat, dieser Appell zu Beginn der LeWeb 2009 ist kein Scherz. Nur an wenigen Orten ist die Dichte an Laptops, Smartphones und Geeks wohl höher – und die Belastung des WiFi-Netzwerkes entsprechend größer.

2334 Teilnehmer zählt die Veranstalterseite am Mittwochmorgen. 3000 weitere klinken sich den Tag über in den Live-Stream ein, zusammen senden sie bis zum Abend über 25.000 Tweets. Während am Morgen noch viele dem Twitter-Gründer Jack Dorsey auf die Finger schauen, wie er mit dem Vorführeffekt seines neuen Projekts Square kämpft, verteilt sich die Masse kurze Zeit später auf die verschiedenen Workshop- und Konferenzräume.

Gegen zehn Uhr sorgt TechCrunch-Europe-Redakteur Mike Butcher dafür, dass eine nicht geringe Anzahl von Pitch-Liebhabern abtrünnig wird und den Saal der StartUp Competition füllt. Aus Deutschland hat es kein StartUp bis nach Paris geschafft, dafür sind Frankreich und Großbritannien erstaunlicherweise gut vertreten. Trotz der knappen obligatorischen fünf Minuten leisten sich fast alle Pitcher ein gemütliches Hallo und Ich-Bin. Die einzige wirklich aktiv-kreative Präsentation getraut sich RunKeeper-CEO Jason Jacobs, der in Shorts und Shirt zum Pult joggt, das iPhone an den Oberarm geheftet. Den Wettbewerb gewinnen oder gar Geld will er jedoch nicht, ihm geht es lediglich darum, auch in Europa etwas mehr Aufmerksamkeit zu erhaschen: „Spread the word“, ruft er und joggt wieder davon.

Das Konzept des britischen StartUps FriendBinder erinnert nicht nur vom Namen her stark an das kürzlich aufgekaufte FriendFeed und auch Unternehmungen wie Stribe, Sokoz oder Storific scheinen das eine oder andere Vorbild zu haben. Mehr Applaus und Nachfragen ernten da schon LiqPay aus der Ukraine, die mobile Finanztransaktionen per Handy ermöglichen oder Mendeley, eine Rechercheplattform nach dem last.fm-Prinzip (und dem last.fm-Gründer Stefan Glänzer im Hintergrund).

Obwohl sich das bis an die zeitliche Oberkante gefüllte Programm am ersten Tag nur leicht nach hinten verschiebt, sind gegen Abend nur noch ein Drittel der Plätze im Hauptsaal gefüllt. Der Vortrag von Apple-Bekanntheit Erik Lammerding zu seinem Non-Profit-Unternehmen Not For Sale, das gegen moderne Sklaverei kämpft, landet unfreiwillig auf einem Zeitpunkt ähnlich den Sendeplätzen öffentlich-rechtlicher Programme für ebensolche Themen. Schade.

Gleiches widerfährt auch dem Nahost-Panel, das mit Rabea Ataya von Bayt und Habib Haddad gut besetzt ist. Moderator Joi Ito stellt sie als die bekanntesten Entrepreneure der arabischen Welt vor. Alle sind sich einig, dass eine Region mit 400 Millionen Sprechern derselben Sprache und der jüngsten Bevölkerung der Welt enormes Potential hat. Doch dass die westliche Welt sie nicht versteht, ist kein linguistisches Problem. Der westliche Investor, der die Vereinigten Arabischen Emirate als baugleich zu den Vereinigten Staaten von Amerika sieht, muss für einen Publikumslacher herhalten. Denn über sich selbst lachen zu können, zeugt von Größe.

Wer noch nicht über dem Cocktail (beim Pariser Bürgermeister), sondern noch vor dem Laptop hängt, ermattet von vielen großartigen Diskussionen, Demos und Denkanstößen, der sieht spätestens zum Schluss das Ergebnis eines aufreibenden Tages: Loic LeMeur steigt wie schon am Morgen vor aller Augen auf die twitternde Waage und siehe da – ein Kilogramm weniger.