Jan Rettel Locarta

Jan Rettel hat die App Collekt entwickelt, die ihren Nutzern Geld schenkt und dafür deren Bewegungsdaten ausliest. Die analysierten Daten verkauft der Gründer mit seinem Startup Locarta an Einzelhändler weiter, die wissen wollen, ob ihre Werbung mehr Kunden in die Läden lockt.

Rettel ist Deutscher und studierte Wirtschaftsmathematik in Yale. Bevor er Anfang 2015 Locarta gemeinsam mit Vlad Vlaskin und David Roberts in Berlin gründete, war er mehrere Jahre in San Francisco und New York als Tech-Investor tätig. In diesem Jahr schloss sein eigenes Startup eine Finanzierungsrunde im siebenstelligen Bereich ab, unter anderem der Ex-StudiVZ-Chef Michael Brehm investierte.

Jan, Du bist ursprünglich Investor. Stammt die Idee zu Deinem Startup aus dieser Zeit?

Um eine Entscheidung zu treffen, ob ich 50 oder 100 Millionen in ein Unternehmen investiere, war ich als Investor immer auf der Suche nach Daten, die bei der Entscheidung helfen. Mir ist aufgefallen, dass es dafür im Web relativ viele Daten gibt. Aber in der realen Welt gibt es kaum etwas. So kam ich auf die Idee zu Locarta.

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Ihr lest nur Bewegungsdaten aus. Warum?

Weil es die wichtigsten Daten sind, die wir über die reale Welt brauchen. Daraus lassen sich für Einzelhändler Erkenntnisse wie Besucherfrequenz, Einzugsgebiet, Werbewirkung und Kundenprofile ableiten.

Kannst Du ein Beispiel geben?

Ein Einzelhändler wie IKEA fährt etwa eine Werbekampagne, mit dem Ziel, mehr Menschen in seine Läden zu bringen. Wenn danach mehr Menschen in den IKEA gehen, könnte das allerdings auch am Wetter liegen. Wir aber können das mit der Kampagne verknüpfen und mit zusätzlichen Informationen wie soziodemografischen Daten anreichern.

Wie macht ihr das?

Wir vergleichen die Menschen, die die IKEA-Werbung auf ihrem Smartphone gesehen haben mit einer repräsentativen Stichprobe von 50.000 Smartphone-Nutzern in Deutschland. Diese teilen uns auf anonymer Basis ihre Bewegungsdaten mit. Und dann schauen wir, ob diese Leute in den nächsten Wochen häufiger zu IKEA gegangen sind als die Kontrollgruppe.

Und wie kommt ihr an diese Bewegungsdaten?

Zum einen haben wir unsere eigene App Collekt. Dort bekommen die Nutzer eine Vergütung über Amazon-Geschenkgutscheine oder Paypal-Guthaben dafür, dass sie die App installiert lassen und ihre Daten mit uns teilen. Der zweite Kanal ist ein Partnerprogramm, bei dem unsere Software in andere Apps eingebunden wird. Damit wollen wir bis zum Jahresende auf über 100.000 Smartphone-Nutzer kommen.

Warum sollten App-Entwickler eure Software bei sich einbinden? Vergraulen sie damit nicht ihre Nutzer?

Es stimmt, dass unsere App-Partner auf unseren Dienst hinweisen müssen, aber das war bisher noch kein Problem. Zudem bekommen unsere Partner von uns eine Vergütung für die Daten. Sie ist vergleichbar mit dem, was App-Entwickler durch Werbung verdienen.

Die App-Nutzer beschweren sich also nicht, dass ihre Standortdaten mitgelesen werden?

Nein. Das liegt daran, dass wir vor allem mit Partnern zusammen arbeiten, die bereits einen Standortbezug und damit auch die Berechtigung der Nutzer haben.

Ihr bezahlt App-Entwickler für deren Nutzerdaten. Aber wer bezahlt euch?

Wir verdienen unser Geld mit Marktforschung, vertreiben also auf Basis dieser Daten Auswertungen an Einzelhändler, Agenturen und Publisher.

Seid ihr also ein Marktforschungs- oder ein Tech-Unternehmen?

Wir sehen uns als Tech- und Daten-Startup und bauen eine Infrastruktur auf, die große Datenmengen aufnehmen und verarbeiten muss. Wir nehmen Bewegungsdaten und leiten daraus Geschäftsbesuche ab. Bisher haben wir 15 Millionen Ladenbesuche gemessen. Das ist nicht trivial, denn die GPS-Koordinaten alleine sind nicht genau genug, um zu sagen, ob man etwa in der Drogerie war oder beim Bäcker direkt daneben. Dafür braucht man maschinelles Lernen, eine Teildisziplin der künstlichen Intelligenz, und Datenwissenschaftler.

Bild: Locarta