20091208_enable2start_gewinner

Über Julia Soergel und ihren Partner Sebastian Munz stehen bald eine Menge Informationen im Netz. Informationen, die manch ein anderer ihrer Branche nicht einmal unter Androhung von Folter preisgeben würde. Bald werden alle Konkurrenten, Stalker und Hobbyanalysten sehen können, wie hoch etwa die Ausgaben sind – oder wieviel Gehalt die beiden jeden Monat auf den Kopf hauen könnten. Doch weder Peter Zwegat noch Inka Bause haben die zwei unter ihre Fittiche genommen. Die neue Transparenz im Start-Up-Hause Yolk (yo.lk) hat einen anderen Namen: enable2start.

Der Gründerwettbewerb der Financial Times Deutschland und der unternehmerTUM ist nicht nur durch das Gesamtpreisgeld von einer viertel Million Euro eine in Europa einzigartige Initiative. In Zeiten von Sparmaßnahmen und Medienkrise sind es nicht gerade Peanuts für einen Verlag: „Als die Wirtschaftskrise ausgebrochen ist, habe ich ernsthaft Zweifel gehabt, dass wir das halten können“, gibt Mitinitiator und Projektleiter Thomas Clark zu. Doch auch in diesem Jahr hat er mit Alice-Hansenet, Hewlett-Packard, Roland Berger und der Victoria Versicherung wieder die nötigen Sponsoren überzeugen können. „Antizyklisch“ sei das – und ein gutes Zeichen für die Gründerszene in Deutschland.

Auch die redaktionelle Begleitung der prämierten Gründer sucht Seinesgleichen. Über ein Jahr lang telefoniert die Redaktion der FTD wöchentlich mit den insgesamt fünf siegreichen Unternehmen und führt „Gründertagebuch“. „Das ist natürlich hardcore, keine Frage“, findet Soergel, aber „für uns ist das kein Problem, wir haben intern schon vorher diskutiert, ob wir unsere Erfahrungen nicht in unserem Blog veröffentlichen wollen.“ Das brauchen die Erfinder der Zeiterfassungssoftware „mite“ nun nicht mehr. Statt dessen haben sie sich vertraglich verpflichtet, der FTD gegenüber Rechenschaft abzulegen. Eine reine Werbe-Maßnahme für das junge Unternehmen wird das sicherlich nicht. Claus Hornung, der verantwortliche Redakteur der Gründertagebücher, ist Journalist und nicht PR-Berater.

„Das Prinzip ist analog zu einem Börsengang“, sagt Clark und erklärt: „Eine Firma möchte Kapital und eine höhere Publizität – dann muss sie auch die Hosen runter lassen.“ Clark war früher selbst Wirtschaftsredakteur. Freilich kennt auch er das „alte deutsche Prinzip“, demnach sich kein guter Unternehmer in die Tasche blicken lässt. „Mentalitätsgründe“ nennt die FTD das in ihrem Pflichtenblatt der Teilnahmebedingungen. Doch Clark und sein Gründerwettbewerb haben es geschafft, diese Regel zu brechen. In diesem Jahr haben sich mehr Gründer für den Preis beworben als jemals zuvor: 1086 Unternehmen hätten die 50.000 Euro in bar gerne mit nach Hause genommen. Die Finalisten hatten schon im Voraus den Vertrag über die einjährige begleitende Berichterstattung unterschrieben, der nur im Falle des Gewinns in Kraft tritt.

Natürlich will den StartUps niemand etwas Böses. Wettbewerbsschädigende Details werden nicht veröffentlicht, versichert Clark und erinnert an ein älteres Beispiel: „Bei MyMuesli konnte jeder erfahren, wieviel die Gründer verdienen. Nicht aber, wieviel sie Bauer Huber für die Bio-Erdbeeren gezahlt haben.“
Theoretisch wäre sogar das möglich. Aus Verantwortung gegenüber den Lesern hat Clark Lesezugriff auf sämtliche Geschäftskonten der Gewinner. Er ist eine Art „Wirtschaftsprüfer“.

Soergel und Munz finden es gut, die Gewinner zu dieser Transparenz zu verpflichten und wollen alles dafür tun, ein möglichst realistisches Bild vom Entrepreneurship zu zeichnen. Soergel ist gespannt auf ein Jahr Gründertagebuch: „Man macht sich schon sehr nackt – aber ich bin gespannt auf die Kommentare!“

Bildmaterial: Christian Irrgang