Ist es gut, wenn jeder sehen kann, dass du in den Schwulenclub gehst?

Wie würde sich das anfühlen? Wir steigen in die U-Bahn und wissen, wer uns gegenüber sitzt. In allen Details. Unsere Datenbrille verrät uns Namen, Beruf, welche Bücher unsere Mitreisende gelesen hat, mit wem sie in letzter Zeit das Bett geteilt und vieles mehr.

In seinem Film für das „Kleine Fernsehspiel“ im ZDF spielt Regisseur und Buchautor Mario Sixtus dieses Szenario durch. Der Plot: Ein fiktives Berliner Startup mit dem schönen Namen Realorama stellt so eine Datenbrille her. Und die funktioniert anders und besser als Google Glass. Die Gründerin Michelle Spark kann sich durch einen genetischen Fehler keine Gesichter merken und will sich selber mit der Realorama-Brille das Leben einfacher machen und nebenbei eine offene Gesellschaft herstellen, in der das Verhältnis von Geheimnis, Offenheit und Privatheit neu definiert wird. Alles ist sichtbar. Ich weiß, wer du bist. „Operation Naked“ heißt dann auch der Film.

Dann schlägt die Stimmung um

Am Anfang stößt Michelle Spark mit ihrer Erfindung auf Unterstützung und Interesse in Politik und Medien. Alle sind begeistert von der innovativen Kraft. Endlich kommen technologische Entwicklungen aus Deutschland und nicht immer nur aus den USA. Man ist begeistert und reicht die erfolgreiche Gründerin in den Talkshows der Republik herum.

Doch dann schlägt die Stimmung in das Gegenteil um. Während eines Live-Versuches kauft die Gründerin zum Beispiel per Brille eine günstige Kamera und demonstriert, was sonst noch so geht. Sie sieht einen jungen Mann, sein Name wird eingeblendet, doch dann betritt er vor der laufenden Realorama-Brille einen Schwulenclub – und verliert im Laufe des Tages seinen Job als Lehrer. Der Verkauf der Brille wird verboten. Es gibt gewaltsamen Widerstand.

Mario Sixtus ist Blogger, elektrischer Reporter und Filmemacher.

Es folgt eine Collage aus 15 fiktiven ZDF-Sendungen mit ihren echten Moderatoren. Wir zappen aus der Perspektive eines Fernsehzuschauers mit dem Film durch das Kulturmagazin Aspekte mit Jo Schück, das Morgenmagazin mit Dunja Hayali, das Heute Journal mit Claus Kleber, Jan Böhmermann oder die Heute Show mit Oliver Welke und erleben, wie das Thema im Spiegel unserer medialen Öffentlichkeit in alle Einzelteile zerlegt wird: Datenschutz, Post-Privacy, Politik, Gefahren der Technologie, neue Überwachung – jeder Aspekt wird angesprochen und aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt. Eine schöne Idee und ein ideales dramaturgisches Vehikel, um die Argumente für und gegen so eine Datenbrille darzustellen. Auch wenn die schauspielerischen Leistungen eher etwas hölzern sind. Dabei kommen allerdings weder Befürworter noch Kritiker besonders gut weg.

Digitale Stasi oder perfekte Verbrecherjagd?

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Später wird noch vorgeführt, wie sich die Technik der Datenbrille weiterentwickelt. In Richtung Open Source und Implantat. Außerdem wird eindrucksvoll demonstriert, wie man mit Big Data in der Zukunft eine totale Überwachung realisieren könnte. Die eine Seite nennt das Digital-Stasi, die andere schwärmt von den Möglichkeiten einer perfekten Verbrecherjagd per Mausklick.

Ganz am Ende dürfen wir mit einem der Hauptdarsteller ein paar Minuten durch die Datenbrille schauen. Und das ist wirklich eindrucksvoll – oder beängstigend. Auf dem Weg zur U-Bahn treffen wir Zuschauer wahllos Menschen und wissen innerhalb von Sekunden sehr viele Details über sie. Name, Beruf, was sie zuletzt gelesen haben oder, dass sie seit Jahren in ärztlicher Behandlung wegen einer Depression sind. Alles wird innerhalb von Bruchteilen von Sekunden eingeblendet. Je nach Veranlagung wünscht sich der Zuschauer, dass es so eine Brille möglichst sofort zu kaufen gibt oder ihn packt das blanke Entsetzen.

Ein Faustschlag nach rustikaler Berliner Art

In der abschließenden U-Bahn-Szene wird das Problem nach rustikaler Berliner Manier mit einem herzhaften Faustschlag ins Gesicht des Datenbrillenträgers erledigt. Regisseur Sixtus erspart uns eine Auflösung und erklärt in der Ankündigung seines Filmes, dass die technologische Entwicklung sowieso nicht aufzuhalten sei. Gesichtserkennung würde bereits jetzt funktionieren. Und in Zukunft würden wir es laut Sixtus völlig normal finden, zu wissen, wer uns gegenüber sitzt: „Letztlich verhält es sich mit Software wie mit Gedanken: Sie sind frei, man kann sie nicht verbieten.“

Für den Autor ist es nur eine Frage der Zeit, bis unsere Gesellschaft in Sachen Privatheit disrupted wird. Dabei sei es vollkommen egal, was wir davon halten oder ob wir Angst davor haben. Aber eine Hoffnung lässt er uns zumindest. Wir werden uns daran gewöhnen. „Menschen sind so: Auf die große Aufgeregtheit folgt die große Gleichgültigkeit.“

Der Film „Operation Naked“ läuft am 22. Februar um 23.55 Uhr im ZDF oder jederzeit in der ZDF-Mediathek.

Foto: Screenshot / ZDF