Flughafen Tempelhof. Ein Platz für Flüchtlinge?

Nach dieser Morgenmail des Berliner Tagesspiegel war es mit der sommerlichen Gelassenheit beim Onlinemodehändler Zalando vorbei. In seinem Newsletter schreibt Chefredakteur Lorenz Maroldt: „Zeltstädte für Flüchtlinge soll es zwar ,so lange wie möglich’ nicht geben, aber der Flughafen Tempelhof ist eine Option.

Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegel

Und schon gibt’s Ärger: Der Bread-&-Butter-Investor Zalando, so ist zu hören, hat der Betriebsgesellschaft mitgeteilt, dass er gar nichts davon hält, wenn seine Messebesucher mit Flüchtlingsmoden konfrontiert würden. So sehen sie aus, die Brüder: Fördermillionen vom Land Berlin kassieren – ok. Gesellschaftliche Verantwortung übernehmen – ach ne. Klarer Fall von Retour.“ Harte Worte.

Zalando-PR-Chef René Gribnitz reagiert auf Nachfrage von Gründerszene: „Wir haben in dieser Angelegenheit überhaupt keine Entscheidungsgewalt. Die liegt alleine beim Senat.“ Und der ist in Berlin offenbar intensiv auf der Suche nach neuen Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge und prüft dabei alle Optionen. Unter anderem eben auch den Flughafen Tempelhof. Gribnitz weiter: „Zalando und andere Stakeholder in Tempelhof sind vergangene Woche gefragt worden, was es bedeuten würde, wenn die große Halle im Flughafen Tempelhof zur zentralen Anlaufstelle für Flüchtlinge gemacht würde. Und wenn eine oder zwei Hallen als Flüchtlingsunterkünfte genutzt würden. Wir haben geantwortet, dass die Bread & Butter dann nicht stattfinden kann.“ Ein anderer Ort für die Veranstaltung sei nur ganz schwer zu finden.

Update, 2. September 2015: Bei Zalando scheint man diese Haltung inzwischen überdacht zu haben. Sprecher René Gribnitz äußerte sich gegenüber dem Tagesspiegel: „Angesichts der Herausforderungen soll die nächste Bread & Butter im Zeichen der Flüchtlingshilfe stehen. Und zwar unabhängig davon, was genau der Senat zu Tempelhof entscheidet.“ Sollte der Senat beschließen, den Flughafen tatsächlich für Asylbewerber zu nutzen, werde man sich daran beteiligen, die Hangars bewohnbar zu machen. Wie genau die nächste Messe ablaufen wird, werde noch geklärt.

Dieser Artikel erschien zuerst am 31. August 2015

René Gribnitz, PR-Chef von Zalando

Eine Modemesse und eine Flüchtlingsunterkunft Tür an Tür? Ist das vorstellbar? Für Zalando nicht. Gribnitz: „Es wäre doch würdelos gegenüber den Flüchtlingen, wenn neben ihrer Notunterkunft eine Modeparty gefeiert würde.“ Mit mangelnder gesellschaftlicher Verantwortung oder gar Fremdenfeindlichkeit habe diese Haltung nichts zu tun. Gribnitz: „Wir sind ein multinationaler Betrieb mit Mitarbeitern aus 100 Ländern, die 70 verschiedenen Sprachen sprechen. Es macht mich wütend, wenn wir in eine solche Ecke gestellt werden sollen.“

Noch hat der Senat nichts entschieden. Aber jetzt werden gerade die Verträge mit Ausstellern für die Bread & Butter gemacht, die im Januar 2016 stattfinden soll. Im Juni 2015 hatte Zalando die insolvente Modemesse Bread & Butter erworben. Die Messe soll als Mode-Festival für Privatkunden neu ausgerichtet werden.

Vergangene Woche hatte Zalando einen seiner Auszubildenden in Erfurt wegen hasserfüllter Beiträge bei Facebook freigestellt. Laut der Initiative „Enough is enough“ gegen Hass-Postings in sozialen Netzwerken schrieb der Zalando-Azubi etwa: „ich führe buch über meine morde als wäre ich adolf hitler ich schlage kinder und schwule und mir ist scheißegal was ihr über mich denkt.“ Im ähnlichen Tonfall äußerte er sich gegen Türken, Dunkelhäutige und Juden.

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Dazu Zalando-Pressesprecher Boris Radke: „Es hat heute ein Gespräch zwischen dem von euch angesprochenen Mitarbeiter und Verantwortlichen an unserem Logistikstandort gegeben. Im Anschluss wurde der Mitarbeiter freigestellt und weitere Schritte mit dem Betriebsrat laufen. Das Verhalten des Kollegen hat in vielerlei Hinsicht gegen die Unternehmenswerte von Zalando verstoßen und wir distanzieren uns klar davon. Zalando steht für eine vielfältige, offene und bunte Belegschaft. Wir haben dem Mitarbeiter verschiedene soziale Anlaufstellen genannt, die ihm hoffentlich helfen können, ein besseres Verständnis für seine Mitmenschen zu entwickeln.“ Inzwischen ermittelt auch die Polizei.

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