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Als unser 14-jähriger Schülerpraktikant in der vorigen Woche in einem Erfahrungsbericht bekannte, lieber Twitter als Instagram oder Snapchat zu benutzen, überraschte das viele, mich eingeschlossen. Schließlich hat Twitter elf Jahre nach seiner Gründung fast alles von seiner früheren Coolness verloren. 

Neue Nutzer verstehen das Produkt nicht oder werden von der schieren Masse und der unendlichen Unordnung der Tweets erschlagen. Bestehende Nutzer beklagen sich über ausbleibende Weiterentwicklungen und darüber, dass sich Hasstwitterer ungebremst ausbreiten dürfen. Aber die meisten bleiben, mich eingeschlossen. Weil erstens die Alternative fehlt und zweitens eben alle auf Twitter sind. Fast alle für mich wichtigen Konversationen spielen sich hier ab.

Das erklärt auch, warum bislang keines der Netzwerke, die sich als Gegenentwurf zu Twitter positionierten, auch nur ansatzweise Erfolg hatten. Diaspora, App.net, Ello, Wire, Peach: Alle wurden erst gehypt – und sind längst wieder vergessen.

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Jetzt also Mastodon. Vom 24-jährigen Eugen Rochko, einem Entwickler aus Jena, vor etwa einem Jahr gestartet, ist das Netzwerk seit dieser Woche das Hype-Thema. Interessanterweise vor allem in den USA und Großbritannien, noch wenig in Deutschland. Über 40.000 Nutzer hatte der Dienst gestern. 

Rochko ist ein Idealist, er will nichts an Mastodon verdienen. Wie viele andere hat er die Schnauze voll von kommerziellen Social Networks, bei denen das Interesse der Nutzer zunehmend ins Hintertreffen gerät. Also hat er eins gebaut, das Open Source ist, also von jedem weiterentwickelt werden kann. Mastodon soll transparent sein, kostenlos, dezentral, frei von Hassposts und Werbung. In der Theorie mag das alles super klingen. In der Umsetzung gibt es ein paar Probleme.

Zum Beispiel hat Rochko das Prinzip der Dezentralität umgesetzt, indem er Mastodon einen föderalen Charakter verpasst hat. Die Software läuft nicht an einem Ort, sondern ist über viele verschiedene Server verteilt. Jeder, der etwas davon versteht, kann einen zusätzlichen Mastodon-Server eröffnen. Nutzer sehen daher auch zwei Streams von „Toots“ (den Mastodon-Tweets mit maximal 500 Zeichen Länge), einmal einen auf ihren lokalen Server begrenzten sowie einen globalen.

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Weil auf dem von Rochko selbst verwalteten Server „mastodon.social“ wegen des Andrangs seit gestern keine Anmeldung mehr möglich ist, müssen Nutzer auf andere Server ausweichen. Die heißen dann „social.targaryen.house“ oder „social.alex73630.xyz“. Ich habe mich für „masto.themimitoof.fr“ entschieden.

Warum? Keine Ahnung. Wenn ich mich bei einem neuen Dienst anmelde, dann geht das klick, klick, klick – ich will nicht lange irgendwelche Erklärungen oder Anleitungen lesen. Offenbar bedeutet meine Entscheidung für „masto.themimitoof.fr“ aber auch, dass mein Nutzername und Account jetzt offenbar für immer an diesem einen Server hängt, über den ich ehrlich gesagt überhaupt gar nichts weiß.

Spätestens hier wird deutlich: Mastodon ist nicht vom Nutzer – und erst recht nicht vom DAU, dem dümmsten anzunehmenden User – her gedacht. Das Ding erfüllt als werbefrei-föderales Open-Source-Projekt vermutlich die feuchten Träume antikapitalistischer Netzaktivisten, aber Otto Normalnutzer verliert Mastodon schon einen Klick hinter der Startseite. Im Jahr 2017 kann man von einem neuen User nicht erwarten, dass er erst einmal ausführlich Betriebsanleitungen studiert. Die werden tatsächlich bereits verfasst, etwa bei Quartz („How to use…“) oder bei Opensource.com („A beginner’s guide…“). 

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Social Networks überleben dann, wenn sie eine kritische Masse von Nutzern anziehen können. Das wird Mastodon deshalb nicht schaffen, weil es zu kompliziert ist. Für das eigentlich sympathische Projekt ist dies das größte Problem, und ich sehe derzeit nicht, wie es gelöst werden sollte. Denn das müsste schnell geschehen – jetzt gibt es die Aufmerksamkeit, in ein paar Monaten ist das Fenster wieder zu.

Das Problem ist sogar größer als das mit dem wenig eingängigen Namen, der eigentlich keinen Marken-Pitch überstehen dürfte.

Obwohl: „Toots“ ist sogar noch verunglückter. Wer wissen will, an was englische Muttersprachler bei dem Begriff wirklich denken: Hier gibt es die Antwort.

Bild: Getty Images / Florilegius