Die Math-42-Gründer im Frischlings-Interview

Bei Familie Nitsche kann man jedem Mitglied eine Zahlenaffinität nachweisen: Vater Thomas baute früher Schachcomputer, Mutter Oxana ist Computer-Linguistin, Sohn Raphael (17) gewann früher Schach- und Mathe-Wettbewerbe und Sohn Maxim (18) studiert derzeit Mathematik an der TU Berlin. Die vier sind sich einig: Im Mathe-Unterricht läuft etwas schief, und auch der Bereich Nachhilfe könnte langsam im Jahr 2013 ankommen. Gemeinsam bauten sie mit Math 42 (www.smath.com) eine App, die Mathe-Aufgaben Schritt für Schritt vorrechnet. Im Frischlings-Interview verraten sie mehr über ihre Nachhilfe-App.

Wer seid Ihr und was macht Ihr?

Wir sind eine Familie von Mathematikern, Schachspielern, Entwicklern und Designern, die mit Begeisterung Neues auf die Beine stellen und für die „Geht nicht“ ein Fremdwort ist. Wir entwickeln MATH 42, ein symbolisches Mathematik-Programm für iPhones und iPads, welches Schülern der 5. bis 12. Klasse zeigt, wie ein Mathematik-Problem gelöst werden kann und in welchen Schritten man zur Lösung kommt.

Die wesentliche Idee hinter MATH 42 ist die Überlegung, dass mit dem Mathematik-Unterricht nicht nur in Deutschland, sondern weltweit etwas schief läuft. Anders ausgedrückt, hätte man eine Person vor 50 Jahren tiefgefroren und würde sie jetzt auftauen, wäre für sie fast alles neu — nur im heutigen Mathematik-Unterricht würde sie feststellen, dass sich nichts geändert hat.

Hinter jedem Erfolg steckt eine Vision. Wie seid Ihr auf Eure Idee gestoßen?

Maxim und Raphael haben immer viel Mathematik-Nachhilfe gegeben und festgestellt, daß es praktisch keine einzige Mathematik-App für die höheren Klassen (5 bis 12) gibt, die das Problem von Schülern löst: zu zeigen, in welchen Schritten man eine Aufgabe löst. Nachhilfe ist extrem teuer und die üblichen CAS-Taschenrechner lösen das Problem schon gar nicht. MATH 42 zu entwickeln war danach ein logischer Schritt.

Die Idee, wie das Problem zu lösen ist, hatten schon einige, etwa Microsoft oder Wolfram Alpha — aber niemand konnte es bisher so umsetzen, dass einerseits Schüler darauf anspringen und andererseits Mathematik-Hausaufgaben in sinnvollen Schritten symbolisch vorgerechnet werden.

Noch wichtiger als die Idee ist häufig das Team. Wer sind die Gründer, was habt Ihr vorher gemacht und wie habt Ihr zueinander gefunden?

Wir entwickeln MATH 42 in unserer Familie zusammen mit Markus Sähn. Insofern war es mit dem Finden nicht ganz so schwer. Vor Cogeon mit MATH 42 hatten wir 2006 ein Startup zur kontextuellen Suche gegründet (München, San Francisco und Beijing), welches durch Holtzbrinck Ventures und Wellington Partners finanziert war. Unter anderem stammt auch der Mephisto Schachcomputer (Computerschach-Weltmeister) von Thomas Nitsche.

Viele Gründungsideen sind nicht gänzlich neu. Was ist Euer USP und was macht Ihr anders als alle anderen?

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Unsere USPs sind: (1) Zu jedem Mathe Problem zeigen wir — mit viel künstlicher Intelligenz im Hintergrund — die möglichen oft sehr verschiedenen Lösungswege an. (2) Jede Lösung präsentieren wir als eine Abfolge von hierarchischen Schritten, die Schüler je nach Wissenstand aufklappen oder übergehen können. (3) Wir zeigen und berechnen alles lokal, ohne dass eine Internetverbindung zu einem Background-System, wie etwa bei Wolfram Alpha zu Mathematica, nötig wäre.

Unsere Downloadzahlen und unsere Plazierung in den Verkaufscharts zeigen, dass wir etwas prinzipiell richtig gemacht haben. Zeitweise waren wir etwa in Deutschland auf Platz 1 aller (!) verkauften Apps — vor allen Spielen et cetera — und das mit einer „langweiligen“ Mathematik-App.

Zum Business: Wie funktioniert Euer Geschäftsmodell? Und wie groß ist das Marktpotenzial?

Wir haben das einfachste Geschäftsmodell der Welt. Wir bieten eine App, die ein wirkliches Problem löst, und bekommen dafür 89 Cent.

Zum Markt: Zweidrittel des gesamten Education-Marktes fallen auf die Schulen, davon zirka 20 Prozent auf die Mathematik und davon 50 Prozent auf die Algebra. In Deutschland sind das Jahr für Jahr zirka sechs Milliarden für Algebra und nochmals zirka 1,2 Milliarden für Mathe Nachhilfe. Weltweit kann man diese Zahlen mit 25 multiplizieren.

Zu iOS: Es gibt zirka 50 Millionen iOS-Geräte in der Hand von 13- bis 17-Jährigen, die auf eine höhere Schule gehen und Probleme in Mathematik haben.

Ideen umzusetzen kostet Geld. Wie finanziert Ihr Euch?

Wir haben alles selbst finanziert. Dies umfasst unter anderem drei Jahre Entwicklungsaufwand.

Gibt es etwas, das Euch noch fehlt? Ein Mitarbeiter, ein Investor oder ein Büro?

Uns fehlen PR-Mitarbeiter/Markt-Analysten insbesondere für die USA, das europäische Ausland und Asien — in der Reihenfolge.

Gibt es ein großes Vorbild für Euch?

Dieter Rams, Jonathan Ive, Steve Jobs, Bill Clinton und Ferdinand Piech.

Stellt Euch vor, Ihr könntet ein Lunch gewinnen. Wen würdet ihr aus der deutschen Startup-Branche gerne mit an den Tisch holen?

Hasso Plattner und Peter Thiel — als Schachspieler.

Wo steht Ihr heute in einem Jahr?

Auf unseren Füßen.

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