Martin Oetting (Foto von Thomas de Boever)

Gründerszene … Wer liest hier wohl? Entwickler, die bislang Ungedachtes des Nachts in Code verwandeln. Studenten, die sich keinen Anzug anziehen und Berater werden, sondern lieber auf eigene Faust Unternehmer sein wollen. Geldgeber, die wissen möchten, wo als nächstes interessante webbasierte Wachstumspotenziale entstehen. Erfinder, die nicht genug bekommen von der Dynamik, die entsteht, wenn Menschen an ein und demselben digital vernetzten Strang ziehen. Journalisten, die wissen, dass die großen Geschichten immer häufiger aus Pixeln und APIs gemacht sind. Kurz: Menschen, die im Web und mit dem Web die Welt verändern wollen.

Zu Recht. Denn mit Riesenschritten wird im World Wide Web heute aus zahllosen Träumen eine gemeinsame Realität. Die Realität einer Infrastruktur, die offen ist und fast jedem Menschen Mitwirkung und Teilhabe, ja Mitbestimmung erlaubt. Die Realität eines Kommunikationssystems, das dank mobiler Omnipräsenz selbst in auswegloser Situation genutzt werden kann; sogar live während gewaltsamer politischer Verfolgung. Die Realität einer globalen Vernetzung aus Kommunikation und produktivem Austausch, die das soziale Gefüge, die Wirtschaft und nicht zuletzt das politische Leben revolutioniert hat, revolutioniert und revolutionieren wird.

Und so ist es völlig verständlich, dass vor allem junge Menschen auf Gründerszene über die Macher lesen und schreiben wollen, die immer wieder Neues im Web probieren, die neue Ideen verwirklichen und neue Projekte mit frischem Kapital ausstatten.

Aber für all jene, die hier dazu gehören – die Teil der Gründerszene sind –, gibt es eine schlechte Nachricht. Es ist eine deutsche Nachricht, die uns in harter Deutlichkeit eine unbequeme Wahrheit um die Ohren haut. Die unbequeme Wahrheit ist, dass in diesem Land die Politik eher bereit ist, das Grundgesetz zu verletzen als verstehen zu lernen, wie das Internet funktioniert. Die unbequeme Wahrheit ist, dass wir in einem Land leben, in dem Regierung und Parlament das technische System nicht verstehen, das unser aller Zukunft verändern wird. Die unbequeme Wahrheit ist, dass Politiker in diesem Land in wirren Worten die Nutzer des Web als komische Minderheit betrachten, die sonderbaren Abseitigkeiten frönt. Anstatt zu begreifen, dass der Umgang mit dieser Kulturtechnik mittelfristig darüber entscheidet, ob wir wirtschaftlich noch etwas bewegen können in der Welt. Mit anderen Worten: Die unbequeme Wahrheit ist, dass die deutsche Politik etwas hat gegen alle hier bei Gründerszene, die mit dem Web arbeiten, erfinden, denken und verändern wollen!

Vor wenigen Tagen hat der deutsche Bundestag ein Gesetz beschlossen, das den Grundstein legt für die Zensur von Inhalten im World Wide Web und dabei das Prinzip der Gewaltenteilung verletzt. Das Perfide daran: Das Zensurgesetz erscheint im Heiligenmantel des Kreuzritters gegen Kinderpornografie. „Wer um alles in der Welt kann etwas gegen die Bekämpfung von Kinderpornografie haben? Doch nur, wer hinter Schloss und Riegel gehört! Na bitte, dann möge doch bitte keiner gegen ein Gesetz kämpfen, das diesen unerträglichen Schund zu behindern sucht.

Doch. Mehr als 130.000 Bürger haben namentlich eine Petition unterzeichnet, die das entsprechende Gesetz ablehnt. Sind sie alle Freunde von Kinderpornografie? Natürlich nicht – sie sind genauso dagegen wie jeder andere klar denkende und menschlich fühlende Bürger dieses Landes auch. Sie haben jedoch Dinge verstanden, die leider nicht ganz einfach zu begreifen sind, wenn man das Internet nicht als Kulturtechnik, sondern als Sammelbecken von ein paar Verrückten versteht. Und zwar, dass man im Internet denjenigen, der an abscheuliche Inhalte gelangen will, nicht aufhält, indem man diesen Inhalten Sperren vorschaltet, anstatt etwas Substanzielles dagegen zu tun. Sie haben durchschaut, dass es deutlich effektivere Wege gibt, mit solchen Inhalten umzugehen – nämlich sie zu löschen. Und dass man, wenn man denn wirklich etwas bewegen will, in die Strafverfolgung der Nutzer und Bereitsteller solcher Inhalte investieren muss.

Aber vor allem haben sie erkannt, dass man dann, wenn man einmal am Rechtsstaat vorbei ein System zum Sperren von Inhalten im Netz organisiert, ein Tor zur Zensur öffnet. Aus dem sofort ein Füllhorn neuer Ideen schießt, was in dieser verrückten Welt des Internet noch alles verboten gehört. Womit wir dann bei einem in Deutschland zensierten Internet wären. Das zu einer Zeit, da die Internetbürger einem anderen Regime zeigen, wie kreativ demokratische Ideen gerade angesichts von Internetzensur sind – schlicht ein Skandal.

Nun möchte man meinen, dass die Medienlandschaft dieses ungeheure Geschehen öffentlich ausbreitet, anklagt und vermittelt. Damit sich mehr Menschen in Deutschland ein Bild davon machen können, wie die Politik ungerechtfertigterweise ein Instrument zu verteufeln sucht, das für die Entwicklung dieses Landes von enormer Bedeutung ist. Aber nein – viele Medien selbst haben viel zu viel Angst vor dem Internet, als dass sie ein Interesse daran haben könnten, diesem argen Feind zur Seite zu stehen. Ganz im Gegenteil schlagen viele Journalisten gern noch extra oben drauf, um allen zu erläutern, dass im World Wide Web nur Missgunst, Pöbelei und Anarchie zu finden sind. (Der positiven Ausnahmen gibt’s leider noch nicht allzu viele …)

Und so erscheint die folgende Version womöglich wahrscheinlicher. Vielleicht haben sogar die Politiker verstanden, wie sich die Sache wirklich verhält. Und haben sich bewusst dagegen entschieden, den richtigen Weg zu gehen. Aus einem einfachen Grund: Der richtige Weg ist im Wahlkampf kaum vermittelbar. Es ist zu kompliziert, den Wählern all das zu erklären, was oben beschrieben ist. Und so wird auf dem Rücken des Web eine PR-Aktion ausgetragen. Diese PR-Aktion soll ermöglichen, dass Menschen wie Ursula von der Leyen im kommenden Wahlkampf mit stolzgeschwellter Brust erklären können „Und außerdem haben wir ein hartes neues Gesetz gegen Kinderpornografie im Internet auf den Weg gebracht“. Sogar gelogen wird, um dies zu erreichen. Damit am Schluss jeder rechtschaffene Mensch, der nicht versteht, was wirklich passiert, applaudieren kann und danach vielleicht ein wenig eher dazu neigt, ein entsprechendes Wahlkreuz zu machen.

Und damit bleibt die traurige Wahrheit, dass wir auf niemanden hoffen dürfen. Es wird keiner kommen und dem Land erläutern, dass im Internet Demokratie und Debatte eine Renaissance finden können. Dass im Internet Revolutionen zum Guten geboren werden. Dass im Internet Wissen gesammelt, geordnet, bereitgestellt werden kann wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Wir müssen es selbst tun.

Und darum ist dies ein Aufruf – an die Gründerszene und all diejenigen, die nicht zulassen wollen, dass engstirnige Politiker behindern und gängeln, was gefördert und gefeiert gehört. Sprecht mit allen Menschen in Eurem Umfeld und erzählt ihnen, was Ihr vom Internet wisst. Macht es Euch zur Aufgabe, jedem Menschen aus der Generation Eurer Eltern zu vermitteln, dass im Internet nicht allein Schund, Scham und Schande zu finden sind, sondern vor allem Poesie, Politik und Programmierkunst. Wenn es Kaffeekränzchen bei Oma gibt, geht hin und fangt an, vom Internet zu erzählen. Vom Wikipedia-Wunder und von den Demokraten im Iran. Wenn der Onkel seinen sechzigsten feiert, seid dabei und begeistert alle, die Ihr trefft, davon, wie Blogs die Diskussion im Netz bereichern und wie Flickr die Fotografien von Millionen zu einem Reservoir von Kreativität vereint. Erzählt, wie Lawrence Lessig uns beigebracht hat, dass das Urheberrecht kein gottgegebenes ist, sondern eine eigene Historie hat und vielleicht geändert werden muss. Und dass deshalb die Freiheit der Information im Netz nichts mit „rechtsfreiem Raum“ zu tun hat.

Die Mundpropaganda ist ein mächtiges Instrument – und wenn wir es uns alle, zu Tausenden, zur Aufgabe machen, die wahren Worte über das Internet zu verbreiten, dann wird dies auch Gehör finden. Das Internet sind wir. Nur wir selbst können das glaubhaft vermitteln. Bevor es zu spät ist.

Über den Autor:

Martin Oetting gehört zur Generation C64, ist aber Spätstarter. 1995 hat er ein paar mal auf Yahoo! rumgeklickt, die Sache aber noch nicht ganz verstanden. 1999 gab’s ein kurzes Praktikum bei Lycos. Danach hat er im ersten Job (klassische Werbung) seine Begeisterung für alles entdeckt, was Mundpropaganda und virale Effekte betrifft. Und so entstand die Liebe zum Web.

Hauptberuflich ist er Forschungsleiter bei trnd, einem Unternehmen für Mundpropaganda-Marketing, dessen Name für „the real network dialogue“ steht. Trnd macht Mundpropaganda im Marketingmix plan- und messbar.

Nebenberuflich macht er sich Gedanken wie diese hier.

Anmerkung: Martin Oetting gibt in diesem Artikel seine private Meinung wieder. Diese steht nicht im Zusammenhang mit den Ansichten der Gründerszene-Redaktion. Jeder Leser wird aufgerufen, dies zu berücksichtigen und sich sein eigenes Bild zu machen.