Gestern ein Lunch mit Oli, und dann geht es gleich zum Abendessen mit Sebastian. Christian Miele pflegt den Kontakt zu seinen ehemaligen Arbeitgebern. Mit Oliver Samwer von Rocket Internet und Sebastian Diemer von Kreditech hat Miele unter zwei der umstrittensten CEOs der deutschen Startup-Szene gearbeitet.

Nun kommt ein neuer Name auf Mieles Lebenslauf dazu: Seit Anfang August ist er Vice President bei E.ventures. Der Wagniskapitalgeber verwaltet nach eigenen Angaben weltweit Investments von einer Milliarde US-Dollar. Mit dem Geld, das hauptsächlich von der Otto-Familie stammt, investiert der VC vor allem in Early-Stage-Startups. Zum Portfolio gehören etwa das Londoner Mode-Startup Farfetch oder die Versteigerungsplattform Auctionata.

Im Gespräch mit Gründerszene erklärt Christian Miele, welche Erfahrungen er in seiner Startup-Zeit gesammelt hat.

Christian, gestartet bist Du in der Startup-Szene bei Rocket Internet. Wie kam es dazu?

Ich sollte damals für Bertelsmann einen VC-Fonds in Indien mit aufbauen. Während dieser Zeit habe ich Oli Samwer kennengelernt und von ihm den klassischen Pitch bekommen: „Komm zu uns, und lass uns die Welt verändern“, hat er gesagt. Das hat mich damals wie heute gereizt. Bei Rocket habe ich dann Westwing und Payleven mitausgerollt. In meinen Augen ist Rocket die beste Schule weltweit, um Unternehmertum methodisch und strukturiert zu lernen.

Was hast Du bei Rocket genau gemacht?

Ich war dort „Director Global Ventures Development“. Heute noch wird das als S.W.A.T.-Team von Rocket bezeichnet oder auch als Olis Schlägertruppe. In diesem Licht haben wir uns als junge Kerle natürlich selbst gerne gesehen. Inhaltlich haben wir die Rollouts der Startups vorangetrieben. Du übernimmst dann Posten wie den des Head of Sales oder den des CFOs in einem jungen Startup. Der Job geht drei bis sechs Monate – und dann übergibst Du an einen ehemaligen McKinsey-Berater, Investmentbanker oder erfahrenen Manager aus der jeweiligen Industrie, der die Geschäfte strukturiert weiterführt. Wir waren die Leute, die sich ganz am Anfang die Hände schmutzig gemacht haben, um möglichst schnell vom Start wegzukommen. Etwa bei Westwing saßen dort am Anfang zehn Leute. Als ich das Unternehmen nach sechs Monaten in Richtung Payleven verlassen haben, waren es viele Hunderte.

Das klingt sehr nach Oli Samwers „Blitzkrieg“-Email. War die Truppe wirklich so drauf?

Wir haben nach dem Motto gehandelt: Rather ask for forgiveness than for permission. Und die Arbeit bei Rocket hat uns an unsere Grenzen gebracht, das war Teil des Jobs. Alle Leute, die sich über die harte Arbeit beschweren, haben im Jobinterview nicht aufgepasst. Ich fand es großartig. Bis heute sind wir untereinander alle befreundet und helfen uns untereinander. Das spricht für die tolle Zeit, die wir miteinander verbracht haben.

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Welche Learnings konntest Du aus dieser Zeit mitnehmen?

In der Anfangsphase gilt Talent vor Experience. Da sind hungrige Leute besser als alteingesessene Professionals. Bei Mitarbeitern mit zu viel Berufserfahrung besteht die Gefahr, dass sie Prozesse zu früh implementieren und die Company dadurch langsam machen. Natürlich musst Du aber später auch erfahrene Mitarbeiter rekrutieren. Das richtige Fingerspitzengefühl ist hier eine wichtige Eigenschaft eines Gründers.

Ein weiteres Learning: Jeden Tag haben Gründer 100 kleine Kämpfe auszufechten. Ich sage ihnen: Macht es wie Buddha und lasst diese Kämpfchen los. Konzentriert Euch maximal auf drei Sachen. Du musst es schaffen, die wichtigen Dinge von den unwichtigen Dingen zu trennen.

Was hat Dich von Rocket weggebracht?

Es hatte nichts mit Rocket selbst zu tun, bis heute ist das Verhältnis hier sehr freundschaftlich. Ich wollte damals einfach etwas Eigenes aufbauen. Nach meiner Erfahrung bei Rocket hatte ich das Gefühl, jetzt weißt Du wie das funktioniert. Als wir unsere eigene Firma Todaytickets dann verkauft haben, bot sich Kreditech an. Fintech war gerade im Kommen und die Series B, also die Wachstumsfinanzierung, stand bevor.

Um in Deinem Bild zu bleiben: Welche Kämpfe haben Dich bei Kreditech beschäftigt?

Ich habe mit meinem Team die Internationalisierung vorangetrieben. Wir haben uns neue Länder angeschaut, um die Expansion von Kreditech zu gewährleisten. Die USA fiel etwa wegen der vielen Auflagen direkt raus. Märkte wie Kasachstan, Rumänien, Brasilien und Marokko waren interessant. Sobald der erste Kredit vergeben wurde, hat ein Country-Manager den Job übernommen.

Nach etwa einem Jahr war schon wieder Schluss.

In Hinblick auf einen möglichen Börsengang in ein paar Jahren haben wir im Management einvernehmlich beschlossen, dass Kreditech erst einmal in seinen Bestandsmärkten richtig, richtig gut werden muss. Und es gab sonst im Unternehmen keine passende Rolle für mich. Wir haben dann gemeinsam und partnerschaftlich entschieden, dass ich das Unternehmen verlasse.

Wie von Gründerszene und anderen Medien öfter berichtet, ist die Stimmung in dem Unternehmen nicht gut. Hattest Du auch das Gefühl?

Sebastian und Alex sind ein herausragendes Gründerteam und gute Freunde. Ich würde ihnen blind einen Scheck ausstellen. Und wir haben bei Kreditech alle hart gearbeitet. Da gehört es dazu, dass man mal sagt: „Hör mal zu, Du Arschloch, so geht das nicht.“ Ich hätte es von der Kultur natürlich auch lieber, dass sich alle lieb haben, aber damit gewinnt man – in einem so schnell wachsenden Startup zumindest – keinen Pokal. Ich selbst habe in meinen Teams immer für sehr viel Harmonie gesorgt, so glich sich das meines Erachtens nach aus. Die Berichterstattung in den Medien ist leider insgesamt zu negativ und vernachlässigt stellenweise die positiven Seiten von Kreditech. Das finde ich sehr schade.

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Was qualifiziert Dich nun für einen Wechsel zum VC-Fonds E.ventures?

In meinem Falle waren es wahrscheinlich ein Mix aus meinen bisherigen unternehmerischen Tätigkeiten und meinem guten Netzwerk. Alle relevanten Bereiche eines Startups habe ich kennengelernt und die Entwicklungsphasen vom Business-Plan auf einer Serviette bis zur IPO-Vorbereitung miterlebt. Sei es Sales, Product, Accounting, Marketing, HR, Finance oder Business Development, alles habe ich an irgendeiner Stelle bereits selbst gemacht – in unterschiedlichen Branchen. Einerseits ist die dabei gesammelte Erfahrung wichtig um einem Gründer bei seinen Vorhaben beraten zu können, andererseits hilft es mir selbst dabei das Potential einer Idee zu durchdringen und innerhalb von E.ventures neue Ideen mit dem Team zu diskutieren.

Wie verstehst Du deinen Job bei E.ventures?

Als VC ist es mein Job einem Gründer als Sparringspartner zur Verfügung zu stehen – durch meine bisherigen Teams habe ich gelernt, wie wichtig Mentoring und Coaching ist. Gründen ist hart und ich kann, glaube ich, sehr authentisch darüber sprechen. Immerhin bin ich auch schon in den Schuhen des Gründers gewesen und habe auf der anderen Seite des Tisches gesessen. Das ist neben der Identifizierung von guten Deals sicherlich ein ganz wesentlicher Punkt meiner Arbeit.

Auf welche Startups setzt ihr?

Wir legen uns nicht auf einen Sektor fest, sondern sind grundsätzlich an allen Technologiefirmen aus dem B2C- und B2B-Bereich interessiert. Es ist ja schließlich auch unser Job in Themen zu investieren, die wir heute noch nicht kennen. Es ist aber unser Ziel der erste institutionelle Investor im Unternehmen sein, das bereits erste Umsätze hat und eine gewisse Traction aufweist. Dann investieren wir ab der ersten Runde zwischen 500.000 Euro bis zu zehn Millionen Euro in das Startup.

Was sind die Themen der nächsten Zeit?

Ich persönlich finde, dass Fintech aktuell zu sehr gehyped wird und die Bewertungen fantasiehafte Ausmaße annehmen – gefühlt macht das jetzt jeder zweite Gründer. Trotzdem muss man darauf ein Auge werfen. Außerdem sind Marktplätze aller Art branchenintern sehr beliebt und auch alles was mit mobile zu tun hat ist heiß, insbesondere SaaS-Modelle im Consumer-Internet-Bereich.

Bild: Christian Miele