„Die Regelung wird zur Bremse für die gerade aufkeimende Startup-Szene“

8,50 Euro pro Stunde, rund 1.400 Euro brutto im Monat bei einer regulären 40-Stundenwoche – auf diesen flächendeckenden Mindestlohn hat sich die Regierung im Koalitionsvertrag verständigt. Laut aktuellem Gesetzentwurf, der am Donnerstagmorgen in der ersten Lesung im Bundestag debattiert wird, gilt der Mindestlohn auch für Praktika, die freiwillig absolviert werden oder länger als sechs Wochen dauern. Offensichtliches Ziel der Regierung: Zu verhindern, dass Festangestellte durch billige Dauer-Praktikanten ersetzt werden und die „Generation Praktikum“ weiter ausgebeutet wird.

Rund 600.000 Praktikanten gibt es in Deutschland, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gezählt (PDF) – sollte das Gesetz im Herbst verabschiedet werden, könnten es ab 2015 deutlich weniger werden. Mehrere Unternehmen in Deutschland haben bereits angekündigt, dass sie die Anzahl der angebotenen Praktika reduzieren würden – gleiches gilt für einige Startups: „Sollte es zur Anwendung des Mindestlohns auf Praktikanten kommen, dann würden wir voraussichtlich kaum noch Praktikanten beschäftigen“, erklärt beispielsweise David Khalil, Mitgründer der Online-Partnervermittlung Edarling. In seinem Unternehmen seien ohnehin bereits deutlich weniger als 10 Prozent der Angestellten Praktikanten.

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Er selbst habe vor und während seines Studium sechs Praktika gemacht, sagt Khalil: „Jedes einzelne Praktikum habe ich als lehrreich und spannend empfunden. Wenn ich zeitlich könnte, würde ich noch heute gerne Praktika machen – zum Beispiel bei Researchgate, Wooga, Zalando und Co, um zu sehen, was ich von Deutschlands besten Startups lernen kann.“

Auch Maria Spilka, Mitgründerin des Online-Marktplatzes Mädchenflohmarkt, ist der Meinung, dass Praktikanten gerade in der Startup-Szene durch verantwortungsvolle Aufgaben für ihr niedrigeres Gehalt entschädigt werden: „Die Frage ist doch: Lernkurve vs. Cash. Ein Praktikum bei einem Start-up bedeutet anpacken und schnell Verantwortung übernehmen“, erläutert Spilka. „Wir können es uns gar nicht leisten, jemanden für’s Kaffee kochen zu bezahlen“.

G Tipp – Lesenswert bei Gründerszene Generation Mindestlohn: Wenn das Praktikum gar keins ist

Constanze Buchheim, Gründerin der Personalberatung i-Potentials, glaubt, dass die Regierung unterschätzt, wie wichtig ein Praktikum für die Orientierung und die Ausbildung zukünftiger Startup-Mitarbeiter ist: „Das Ausbildungssystem in Deutschland ist kaum auf digitale Inhalte und Kompetenzen ausgerichtet“, so Buchheim. „Startups übernehmen diese Ausbildungsfunktion im Rahmen von Praktika und tragen dadurch per se schon hohe Kosten.“ In einer Pressemitteilung, die Buchheim gemeinsam mit dem Bundesverband Deutsche Startups herausgeben will, fordert sie deswegen, dass der Gesetzentwurf noch einmal überdacht wird und Praktika, die bis zu sechs Monate dauern, ohne Mindestlohn absolviert werden können – zumindest bei einem Startup.

David Khalil sieht das ähnlich – er betont ebenfalls, dass jedes Startup seine Praktikanten vor allem ausbildet und nicht ausbeutet: „Ein vernünftig aufgesetztes Praktikum ist für mich ein auf sechs Monate begrenztes Arbeitsverhältnis, bei dem das beschäftigende Unternehmen besonderen Augenmerk auf seinen Ausbildungsauftrag legt. Idealerweise wird dazu eine Aufwandsentschädigung gezahlt, die bei uns aktuell 600 Euro beträgt.“

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Wenn man in der Szene herumfragt, werden Praktikanten bei einem Startup oder Inkubator mit 400 bis 1.000 Euro bezahlt; Constanze Buchheim zahlt ihren Praktikanten beispielsweise 800 Euro. So gut wie nie sind Praktika in dem Bereich unbezahlt, doch genauso selten gibt es 1.400 Euro Gehalt – nicht weil die Gründer ihre Praktikanten ausbeuten wollen, sondern weil sie es häufig schlichtweg nicht leisten können und sie ihre Praktikanten auch deutlich mehr unterstützen müssen als Festangestellte. Viele Startup-Mitarbeiter, die eine fertige Ausbildung haben und womöglich Berufserfahrung mitbringen, bekommen zudem häufig nur einige hundert Euro mehr.

Sollte der Mindestlohn für freiwillige Praktika gelten, würden Praktikanten quasi mit fertig ausgebildeten Festangestellten konkurrieren und müssten deutlich mehr leisten – nur die Top-Studenten bekämen dann noch die Chance für ein Praktikum: „Die Messlatte im Recruiting liegt dann höher“, meint Maria Spilka. „Bei dem Mindestlohn muss ich weitaus mehr Wissen und Erfahrung voraussetzen. Ein ‚Schnupperpraktikum‘ gibt’s dann nicht.“

Constanze Buchheim befürchtet deswegen, dass der Mindestlohn für Praktikanten die Startup-Szene hart treffen würden, nicht nur weil viele Gründer deutlich mehr Geld für Personal ausgeben müssten, sondern auch weil viele freiwilligen Praktikanten die Chance für einen Einblick in ein junges Unternehmen verwehren würde und einige Talente so unentdeckt blieben: „Die Regelung wird zur Bremse für die gerade aufkeimende Startup-Szene und zur Bedrohung für Innovation und Wachstum in Deutschland.“

Bild: Hannah Loeffler