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Sonnendurchflutetes Büro mit Gründer: So sieht die Theorie aus

Es ist Donnerstagabend kurz nach 23 Uhr. Ich klappe meinen Laptop zu und falle auf die Couch. Ich habe die letzten zwei Stunden noch E-Mails beantwortet – im Büro habe ich das nicht geschafft. Ich bin müde, kann aber noch nicht schlafen, also scrolle ich durch die Timeline auf meinem Telefon.

Ich lese, dass in Charlottenburg die New School eröffnet wurde. Eine Privatschule, in der Schüler lernen, wie man Businesspläne schreibt. Die Schüler sind keine Schüler, die Schüler werden hier Talents genannt. Ein anderer Artikel berichtet von einem gescheiterten Unternehmer, der nun auf großen Bühnen von seinem Misserfolg spricht, dafür Applaus bekommt, weil das Scheitern wichtig sei, damit man später erfolgreich wird. Klar. Ein anderer Artikel stellt beachtenswerte Gründer unter 30 vor.

Die große Idee vs. die ernüchternde Realität

Ich sehe große, sonnendurchflutete Büros mit Hängepflanzen, Konferenzräume, die nach Technoclubs benannt sind, und jene Gründer, die lässig auf ihrem Vitra-Stuhl sitzen und Sätze sagen wie: „Meine Laufschuhe habe ich immer dabei. Das brauche ich zum Ausgleich.“ Es geht um Morning-Routines, Selbstbestimmung, die große Idee. Man kann es auf den Fotos nicht sehen, aber man ahnt, dass sie alle die Biographie von Steve Jobs gelesen und „The Social Network“ gesehen haben. Ihr Startup ist das Uber für Kitaplätze, das Airbnb für Soundso.

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Realitätscheck: Ich schaue auf meinen Küchentisch, darauf stapeln sich Belege, die ich morgen sortieren muss – am besten noch vor der Arbeit. Im Büro ist der Kühlschrank kaputt, die ganze Küche war heute morgen überschwemmt. Keine Hängepflanzen, kein Vitra.

Wenn ich die euphorischen Artikel und die Fotos sehe, dann kann ich verstehen, warum es immer mehr Gründer gibt – warum es gerade geil ist, ein Entrepreneur zu sein. Doch das Bild, das in der Öffentlichkeit von jungen, dynamischen Unternehmern gezeigt wird, gleicht der Google-Bildersuche, wenn man sich Fotos von potentiellen Urlaubsorten anschaut. Es regnet nie – nicht in Schottland und auch nicht in der Startup-Welt.

Mitarbeiter motivieren, Kunden besänftigen, Geld hinterher laufen, unbenutzte Aktenordner suchen

Nach meiner Erfahrung besteht das Leben des Gründers nicht aus mal eben lässig von San Francisco nach Berlin fliegen, früh eine Runde durch den Park laufen, mittags auf einer Konferenz sprechen, nachmittags ein paar Deals im Fahrstuhl machen und abends mit Freunden an einem langen Holztisch sitzen. Das Leben des Gründers besteht zu oft darin, noch im Bett das Handy anzumachen, vor dem Laptop zu frühstücken, als erster ins Büro zu kommen, als letzter zu gehen.

Das Leben des Gründers besteht meistens daraus, Mitarbeiter zu motivieren, Kunden zu besänftigen, Geld hinterher zu laufen, unbenutzte Aktenordner zu suchen, Sport nicht zu machen, sich ärgern Sport nicht gemacht zu haben, auf der Toilette zu telefonieren; zu versuchen das Steuersystem und den Techniker zu verstehen, das Postfach in den Griff zu bekommen und täglich daran zu verzweifeln; keine Zeit mehr für Bücher zu haben, andere Gründer zu beneiden, sich vorm Schlafen gehen in der Timeline zu verlieren.

Das Leben des Gründers besteht aus Verantwortung, Einsamkeit, schlaflosen Nächten und meistens aus Scheitern – denn laut Forbes scheitern 90 Prozent aller Startups.

In Berlin sind laut Tagesspiegel 2015 über 1.400 Firmen pleite gegangen, darunter waren 443 Unternehmen jünger als drei Jahre. Und was man auch selten in der Timeline sieht: Laut einer Studie des Psychiaters Michael Freeman von der UC San Francisco haben 30 Prozent aller Unternehmer Erfahrung mit Depression.

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„Dream big, work hard and play hard.“ Das hört sich alles so einfach an. Aber wenn man den ersten Mitarbeiter entlassen muss, dann hilft kein Motivationsspruch auf der Büroloftwand mehr.

Natürlich finde ich es wichtig, dass man für seine Ideen kämpft und sich traut sie umzusetzen. In guten Unternehmen kann man das aber auch an in der vierten Reihe. Muss alles immer „All in“ und „Pitch perfect“ sein? In guten Unternehmen hat man nach acht Stunden Feierabend und danach noch vier Stunden, um an seinem Uber für Irgendwas zu arbeiten. Das geht auch, wenn man die Leidenschaft mitbringt.

Wir brauchen einen Realitätsabgleich

Ich glaube, dass wir dringend einen Realitätsabgleich in der Gründerwelt gebrauchen könnten. Und nicht noch ein Meetup, in dem Ideen gebrainstormt werden, nicht noch eine Konferenz, auf der Menschen eine perfekte Keynote halten und nicht noch mehr Onlinekurse, die einem beibringen, wie man perfekte Keynotes hält. Es ist keine Erfolgsmeldung, wenn man im sechsten Jahr Firmenanteile verkaufen muss, weil man die Firma sonst nicht finanzieren kann. Es ist nicht toll, 100 Stunden die Woche zu arbeiten und es ist keine Work-Life-Balance, wenn man, während das Kind schaukelt, auf sein Handy schaut.

Einerseits wünsche ich mir, dass Unternehmen besser an die Hand genommen werden – ob vom Staat, durch erfahrenere Gründer oder Mentoren. Ich weiß, dass es die IHK gibt, aber wer mit einem gesetzlichen Auftrag so viele Rechtschreibfehler auf der Webseite daherkommt, dem kann ich hier nicht vertrauen. (Zudem tauchen viele Herausforderungen erst im Alltag auf.) Vereine wie Anonyme Workaholics besuchen die meisten vermutlich erst, wenn beide Augenlider zucken. Den Gedanken von Tandems finde ich aber gut, gleichgesinnte Fremde, die aufeinander aufpassen und zur Seite stehen. Und ich wünsche mir einen ehrlicheren Austausch unter den Gründern selbst, denn viel zu oft muss man sich anhören und auf der Timeline lesen, wie geil alles läuft.

Ich fange hiermit an: Heute war irgendwie ein beschissener Tag. Gute Nacht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf MitVergnügen.

Bild: Getty Images / Ezra Bailey

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