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Im Reisebus auf Startup-Tour

Fast kam man sich vor wie in einer Reisegruppe: Dass Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit zusammen mit der geladenen Presse selbst im Bus mitfuhr und zumindest anfänglich den Reiseführer mimte, sollte sicherlich auch sein Engagement unterstreichen. So sprach er von der Gründerhauptstadt und davon, dass es sich beim derzeitigen Gründungsboom nicht um eine Blase handele, sondern das nachhaltig Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft geschaffen wird.

Ganz abkoppeln von der mitunter verheerenden gesamteuropäischen Entwicklung der vergangenen Jahre werde man sich zwar auf Dauer kaum können, wusste der gerade einem Misstrauensvotum entgangene Senatschef. Allerdings darf für 2013 ja wieder auf etwas Erholung gehofft werden – das sagen zumindest die jüngsten Zahlen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Gerne lässt sich Berlin für seine Internationalität, seine Attraktivität für ausländische Talente und seine besonders im europäischen Vergleich günstigen Mieten loben – auch Startupbootcamp-Chef Alex Farcet (www.startupbootcamp.org) betonte beim Wowereit-Besuch einmal mehr, dass von den in das Accelerator-Programm aufgenommenen Jungunternehmern eine Vielzahl in der Hauptstadt geblieben seien.

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Das heißt aber nicht, dass es nicht noch Nachbesserungsbedarf gibt. Noch immer ist es schwierig, besonders für Nicht-Europäer, an die notwendigen Papiere zu kommen. Gitta Blatt, HR-Chefin der ebenfalls von Wowereit besuchten Spieleschmiede Wooga (www.wooga.com), etwa wünscht sich daher neben einem “Berlin-Willkommenspaket” insbesondere schnellere und einfachere Verwaltungsprozesse. Es sei in einer modernen Gesellschaft außerdem nicht verständlich, warum es bis zu 1.000 Euro koste, sich einen ausländischen Führerschein anerkennen zu lassen.

Vielseitige Finanzierungsmöglichkeiten

Finanziell tut sich derweil einiges in der Hauptstadt, waren sich Bürgermeister und Jungunternehmen einig. Da von Accelerator-Programmen über Business Angels und Inkubatoren bis hin zu verstärkt auch internationalen Venture-Capital-Firmen in den vergangenen Monaten schon einiges Geld geflossen ist – und das nicht nur an die großen Namen –, sehe man derzeit auch etwas entspannter auf Finanzierungsaspekte.

Mit staatlich gestützten Förderprogrammen wie Exist oder über die Investitionsbank Berlin-Brandenburg ausgereichtes VC-Kapital bestehe die Möglichkeit, betonte der Senatschef, in frühen wie in Wachstumsphasen die notwendigen Mittel zu erhalten. Am konkreten Beispiel: Vor drei Jahren hatte die Online-Nachhilfe Sofatutor (www.sofatutor.com) eine Finanzierung unter anderem von der Förderbank erhalten. Beim kurzen Hausbesuch vertonte Wowereit übrigens gleich eines der Lehrvideos für Viertklässler:

Am Beispiel des Gebrauchtwaren-Händlers ReBuy (www.rebuy.de) wurde derweil verdeutlicht, welche Bedeutung Jungunternehmen schnell für die Wirtschaft bekommen können. Das von Marcus Börner und Lawrence Leuschner gegründete Unternehmen startete im heimischen Wohnzimmer und belegt nun ausgestattet mit einem einstelligen Millionenfunding eine eigens konstruierte Halle in Neukölln mit 8.000 Quadratmetern. Mehr als 350 Mitarbeiter beschäftigt Rebuy derzeit, im laufenden Jahr soll sich die Zahl nahezu verdoppeln – Betriebsrat, so wurde auf Nachfrage des Regierenden angemerkt, gebe es übrigens noch keinen.

Der Umsatz habe sich im vergangenen Jahr von 23 auf gut 40 Millionen Euro erhöht. In diesen Größenordnungen, wies Wowereit noch hin, griffen bereits die klassischen Wirtschaftsförderungsprogramme. Über spezielle Arbeitsmarktmaßnahmen müsse man sich allerdings unbedingt zusammensetzen, versprach er.

Zu wenig Aufmerksamkeit

Einig waren sich Wowereit und Startup-Vertreter, dass der noch jungen Szene zu wenig Aufmerksamkeit zukomme. Einmal mehr betonte der Senatschef, dass es insbesondere den Dialog mit etablierten Unternehmen zu fördern gelte – wo doch deutliche Synergien zwischen beiden Welten bestehen. Die Punkte, die in seiner Abschlussrede aufgegriffen wurden, entsprechen ebenfalls weitgehend denen, die Wowereit bereits Mitte November nach einem Treffen mit dem Wissenschafts-Startup Researchgate als Lehren mitgenommen hatte – konkrete Maßnahmen, außer dem fortgeführten Dialog mit der Startup-Szene, gab es auch noch nicht zu vermelden. Dennoch, es ist gut zu sehen, dass der Regierende Bürgermeister zumindest das einhält, was er beim Round Table Anfang Oktober 2012 versprochen hatte.

So brachte die Rundtour durch Startup-Berlin zwar inhaltlich wenig Neues. Eine breitere Berichterstattung in den Medien wird der Szene aber helfen, sich zukünftig schneller und besser auf den Plan rufen zu können. Für Wowereit selbst dürfte die Startup-Spritztour abseits von allen Flughafen-Debatten wohl auch eine willkommene Abwechslung zum derzeit sicherlich recht anstrengenden Berufsalltag gewesen sein.

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