MOOC Massive Open Online Course

MOOC: Universität für die Couch

Seit Zuckerberg, Brin und Gates wissen wir: Wer so richtig erfolgreich werden möchte, sollte zumindest zeitweise die Vorlesungen einer Elite-Universität besucht haben. In der Schule lieber in der Nase gebohrt als fleißig für den Einser-Schnitt gepaukt? Kein Problem! Das Internet hat auch hierfür eine Lösung gefunden: MOOCs. Massive Open Online Courses sind kostenlose Video-Vorlesungen, die der Lernende gemeinsam mit tausenden Online-Kommilitonen von der Couch aus verfolgen kann. Einmal für einen Kurs angemeldet, werden im Wochen- oder Tagesrhytmus neue Videos, Quizfragen und Klausuren freigeschaltet. Wer bis zum Ende durchhält, bekommt Ruhm, Ehre und eine Teilnahmebescheinigung.

Wie auch Open Source Software oder Open Data stehen MOOCs für die Idee einer besseren weil gleicheren Welt. Wenn erstklassige Bildung frei verfügbar ist, steigert das nicht nur die Lebensqualität, sondern beseitigt wohlmöglich auch drängende Probleme wie den Fachkräftemangel oder pessimistisch stimmende PISA-Studien. Selbstredend ersetzen ein paar Stunden Online-Video kein jahrelanges Ingenieursstudium, doch können sie sowohl eine Ergänzung zum Hochschul-Curriculum als auch eine Orientierung für Schüler sein, die vor der vermutlich ersten großen Entscheidung ihres Lebens stehen: Schulabschluss – und was nun?

Dass diese Idee nicht nur für einen schwingenden bildungspolitischen Vortrag beim heimischen Weinabend gut ist, sondern tatsächlich auf reges Interesse stößt, wird am Beispiel eines der ersten MOOCs aus dem Jahr 2011 deutlich. Als Sebastian Thrun, damals Dozent an der Stanford University, seine Vorlesung zur Künstlichen Intelligenz mit einfachen Mitteln digitalisierte, hoffte er den Kreis seiner Studenten auf einige Tausend zu erweitern – nach nur wenigen Wochen hatten sich dann noch vor Beginn des Kurses mehr als 160.000 Teilnehmer für seine Online-Vorlesung eingeschrieben.

Die einst nur den Besten vorbehaltenen Lehreinheiten wurden zum medialen Großereignis. Nur kurze Zeit nach dieser erfolgreichen Mammut-Vorlesung verließ Thrun Stanford und gründete mit Udacity einen der ersten Anbieter für Massive Open Online Courses.

Die Klassenbesten

Um die alte Facebook-war-nicht-das-erste-Social-Network-Analogie zu bemühen, lohnt sich ein Blick auf die Anfänge der kostenlosen Onlinebildung. Trotz aktuellem MOOC-Hype besteht das Konzept kostenfreier Online-Bildung schon seit einem knappen Jahrzehnt.

Nachdem auch er in den Genuss einer erstklassigen Universitätsausbildung am MIT und in Harvard gekommen war, gründete der Unternehmer Salman Khan 2006 die non-profit Lernplattform Khan Academy mit dem Ziel, weltweit jedem Interessierten ein kostenloses Bildungsangebot bereitzustellen. Bereits 2008 konnte Khan auf seiner Plattform mehr Nutzer vereinen als alle anderen web-basierten Bildungsangebote zusammen. Heute, sieben Jahre nach der Gründung, bietet die Plattform mehr als 4.000 Lernvideos an – die Themen sind breit gefächert, von Kunstgeschichte bis Astrophysik.

Etwa zeitgleich zu Thrun, im Frühjahr 2012, witterten auch Daphne Koller und Andrew Ng, beide ebenfalls Professoren der Stanford University das gesellschaftliche aber auch wirtschaftliche Potenzial der MOOCs und gründeten den kommerziellen Anbieter Coursera. Eine Venture-Capital-Finanzierung von rund 16 Millionen US-Dollar ermögliche es Coursera, sich innerhalb eines Jahres deutlich an die Spitze der MOOC-Anbieter zu setzen.

Im April 2013 konnten 3,2 Millionen registrierte Nutzer auf Onlinekurse von mehr als 50 Universitäten weltweit zugreifen. Zum Vergleich: Auch Thruns kommerzielles Angebot Udacity finanziert sich durch einen zweistelligen Venture-Capital-Zuschuss, unter anderem durch Star-Investor Andreessen Horowitz, doch bringt es zur Zeit nur auf knapp eine halbe Million Nutzer.

Mit dem Kooperationsprojekt edX investierten das MIT und Harvard 60 Millionen Dollar in eine non-profit Lösung, um die eigenen MOOCs und auch die Kurse von zur Zeit zehn weiteren Universitäten anzubieten. Im Sommer 2013 will das Projekt den Quellcode der Software zur freien Verfügung stellen. Mit Kursen wie „Software-as-a-Service“ oder „Circuits and Electronics“ begann edX genau wie auch Udacity mit vorwiegend technischen Kursen, für Herbst 2013 kündigt das Unternehmen jedoch die ersten Lehrangebote mit geisteswissenschaftlichem Fokus an.

Im Vergleich zu Coursera und Udacity scheint edX zwar in Sachen Reichweite und Wachstumsgeschwindigkeit wenig Ambitionen zu haben, an der Spitze mitzuspielen, doch scheinen die Kurse inhaltlich komplexer und sehr universitätsnah aufgebaut zu sein.

Es muss ein MOOC durch Deutschland gehen!

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Erst im März berichtete Gründerszene, dass die Idee der MOOCs nun auch in deutschen Unternehmerkreisen angekommen ist. Das Berliner Iversity, bisher Uni-Collaborations-Plattform, unterzieht sich einem Turnaround und möchte ab Herbst Europas führender kommerzieller Anbieter für MOOCs werden. Damit diese von deutschen aber auch internationalen Akademikern auch angeboten werden, lobt Iversity 250.000 Euro aus – der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und der Berliner Anbieter vergeben zehn mit je 25.000 Euro dotierte Fellowships zur Produktion der individuellen MOOCs.

Ziel der Kampagne ist es, zum Herbst 2013 mindestens fünf der zehn ausgelobten MOOCs kostenlos über die Iversity-Plattform anbieten zu können. Die zweite Hälfte soll dann im Frühjahr 2014 folgen. Auf der Website des MOOC-Fellowships findet sich im Katalog der Bewerbungen eine erfrischende Vielfalt an Ideen – nicht nur aus Deutschland. Während manche Vorschlaege dem technischen Fokus der US-Vorbilder folgen und sich Themen wie „Algorithmen und Datenstrukturen“ oder „Software Applications“ widmen, bewerben sich andere Universitäten eher mit einem Augenzwinkern.

Mit dem Thema „Italy Today: a Girlfriend in a Coma?“ möchte die Universität von Genua klären, ob alle Italiener Oberlippenbart tragen und sich gerne von Mama bekochen lassen. Mit einer Anleitung zur „Antikrastination“ möchte das Karlsruher Institut für Technologie ein Heilmittel zur grassierenden Facebook-Seuche anbieten.

Noch bis zum 22. Mai können MOOC-Interessierte für den Vorschlag ihrer Wahl abstimmen. Empfehlung der Redaktion: Der Beitrag der Zeppelin Universitaet mit dem entrepreneurialen Titel „Die nächste Gesellschaft. Gesellschaft unter Bedingungen der Elektrizität, des Computers und des Internets“.

Das Geschäft mit freier Bildung

Ob gemeinnützig wie edX oder kommerziell wie Coursera: Mittelfristig müssen die MOOC-Anbieter versuchen, ein Geschäftsmodell um ihre Plattformen zu basteln, um die laufenden Kosten zu decken und gegebenenfalls die von den Investoren geforderte Rendite zu erwirtschaften. Während MySQL-Gruender Monty Widenius mit seinem „Hacking Business Model“ beschreibt, wie sich kostenlose Software durch Servicedienstleistungen monetarisieren lässt, versuchen sich die MOOC-Anbieter an anderen Modellen, um die kostenlose Bildung zu Geld zu machen.

Schließt der eifrige Student einen der MOOCs erfolgreich ab, so erhält er als Belohnung eine Teilnahmebescheinigung des Kurses. Das ist ganz nett, hilft jedoch dem fleißigen Freizeit-Studenten auf dem Job- oder Bildungsmarkt recht wenig. 13 Wochen Quantenphysik am MIT gepaukt? Kann ja jeder behaupten! Um den Online-Kursen einen konkreten Wert zuzuordnen, bieten Coursera und Konsorten manche Vorlesungen als kostenpflichtige Zertifikatskurse an. Hierfür soll mittels eines Passbildes und des individuellen Tippmusters des Teilnehmers die Wahrhaftigkeit seiner Teilnahme sichergestellt werden. Die Teilnahmebescheinigung wird zudem nicht wie im kostenlosen Track von Coursera selbst, sondern von der assoziierten Universität ausgegeben.

Letztlich kann der Teilnehmer im Anschluss an den Kurs seine Ergebnisse mittels einer gesicherten URL mit potenziellen Arbeitgebern oder Universitäten teilen. Im Falle von Coursera kosten die Kurse dieses sogenannten „Signature Tracks“ zur Zeit rund 40 Dollar. Bei einer optimistischen Annahme von 100.000 Teilnehmern pro Kurs und einer Quote von fünf Prozent zahlenden Lernern würde der entsprechende Kurs somit 200.000 Dollar an Umsatz einspielen. Gemessen an den von Iversity großzügig veranschlagten Produktionskosten von 25.000 Euro nicht übel.

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Weitere Erlösquellen der MOOC-Anbieter könnten Lizenz- oder Weiterbildungsverträge mit Firmenkunden darstellen. Möchte ein Unternehmen seine Mitarbeiter gezielt schulen, kann es einen der bestehenden Kurs in ein geschlossenes Online-Klassenzimmer auslagern, um einen Small Private Online Course (SPOC) anzubieten. Udacity bietet zudem bereits die Möglichkeit des Firmen-Sponsoring an. Mangelt es in einem Großunternehmen an bestimmten (wahrscheinlich meist technischen) Fähigkeiten, kann die Firma einen MOOC zu diesem Thema in Auftrag geben und hat im Anschluss Zugang zu den Teilnehmerdaten.

Besonders für den deutschen Nachzügler Iversity könnte sich das Geschäft mit Teilnehmerdaten zum Hebelpunkt des Geschäftsmodells entwickeln. Es scheint eher unwahrscheinlich, dass das kleine Berliner Startup ähnlich renommierte Universitäten wie die US-Vorbilder in sein Portfolio aufnehmen kann, doch könnte es seine Berliner Lage nutzen, um zu einem Anlaufpunkt für innereuopäisches Recruiting zu werden.

Harvard statt Hagen

MOOC-Kritiker befürchten eine Trivialisierung der Bildung, indem neben Grundlagen der Kurvendiskussion Online-Kurse zur artgerechten Kleintierhaltung oder der Geschichte der Rockmusik angeboten werden. Lässt man dem Studenten wie im Falle des MOOC-Fellowships die Wahl, so haben eben diese Kritiker die Befürchtung, dass Rockmusik die Regressionsanalyse schlägt. Langfristig jedoch wird die Akzeptanz der Kurse im Wirtschaftsalltag und Hochschulbetrieb das Angebot der Kurse regeln.

Wird ein Kurs von führenden Intitutionen anerkannt und nachgefragt, so wird dieser vermutlch auch verstärkt, das heißt in stetig besserer Qualität und höherer Frequenz, angeboten. Und wenn der Student dann nach der abendlichen Regressions-Vorlesung noch etwas vor dem Bildschirm entspannen möchte, ist Rockmusik letztendlich besser als Frauentausch.

Ohnehin: Jedem, der schon einmal halbnackt und angemalt auf dem Campus seiner Alma Mater erwacht, ist wird klar sein, dass auch Hunderte von Stunden an Videomaterial nicht die Persöhnlichkeitsbildung und Sozialisierung eines analogen Studiums ersetzen können. Müssen sie auch nicht. MOOCs stehen einem Präsenzstudium eher komplementär zur Seite, anstatt mit diesem zu konkurrieren. Anders verhält es sich jedoch mit Anbietern von Fernstudiengängen, Abend- oder Volkshochschulen.

Sollte sich das Angebot der MOOCs von einzelnen Kursen zu vollständigen Studiengängen ausweiten und die Plattform-Betreiber die offizielle Akkreditierung dieser erfolgreich vorantreiben, könnten MOOCs im Laufe der nächsten Jahre durchaus eine kleine Revolution des Bildungssektors anstoßen. Wenn sowieso nur vom heimischen Küchentisch aus studiert wird, dann darf es auch gerne Harvard statt Hagen sein.

Bildmaterial: Wikimedia Commons / Marcus Gossler

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