Movidius-Chef Remi El-Quazzane, hier beim WebSummit in Dublin

Es birgt schon einiges an Ironie. Das Ziel von Remi El-Ouazzane ist es, Computern zu ermöglichen, wie Menschen zu sehen – „Objekte erkennen zu können, ihre Dimensionen einzuschätzen, selbst Emotionen in Echtzeit wahrzunehmen“, konkretisiert der Chef des US-Unternehmens Movidius. All das hört sich erst einmal ziemlich fantastisch an. Doch dann holt uns beim laufenden Skype-Gespräch erst einmal die Realität ein: Weil irgendwo zwischen dem Silicon Valley und Berlin die Verbindung offenbar nicht schnell genug ist, bricht das Video-Signal ab, nur eine Tonverbindung funktioniert.

El-Ouazzane lacht, als ich ihn auf diese Diskrepanz hinweise. Aber es beirrt ihn nicht, ganz im Gegenteil. Denn das, was seine Firma entwickelt, soll die Geräte auch autonomer machen: Sie selbst sollen die Welt verstehen, nicht ein Computer im Hintergrund, der Datenstreams aufsaugt und auswertet. Heutige Produkte, wie das bekannte Oculus Rift-VR-Headset, benötigen für das sogenannte Raumtracking weitere Hardware, die sich nicht direkt im Gerät befindet.

Movidius tüftelt an den Algorithmen, die solche neuen Geräte ermöglichen sollen. Dass sein Unternehmen auch Hardware produziert, sei einem besonderen Umstand geschuldet: Es habe einfach keine Chips mit den notwendigen – Achtung, Nerdalarm! – Gigaflops gegeben, sagt Ouazzane. Also mit der nötigen Rechenleistung – und geringem Stromverbrauch. „Es blieb also nur eines übrig: sie selbst zu entwickeln.“ Heute liefert Movidius die Chips und die Algorithmen an große Hersteller, gerade erst wurde eine umfangreiche Kooperation mit Google bekannt gegeben. Weitere Kunden will El-Ouazzane allerdings nicht nennen.

 

Wenn man dem Movidius-Chef zuhört merkt man, dass er von seiner Arbeit begeistert ist. Er will zwar dennoch nicht verraten, was genau sein Unternehmen in den kommenden Jahren vorhat. Ein paar konkrete Anwendungen nennt er aber doch: „Manchester United hat 600 Millionen Fans weltweit, aber nur 75.000 Zuschauer passen ins Stadion. Stell Dir vor, mehrere Hundert Millionen Menschen könnten das Spiel sehen, als wären sie wirklich dabei!“ Damit die virtuelle Realität auch wirklich echt wirkt, komme es auf die Details an. „Je intelligenter und schneller die VR-Systeme werden, desto eher kann der Nutzer sie vergessen und in die dargestellte Welt eintauchen.“

Roboter sollen Menschen besser verstehen

Weiteres Anwendungsbeispiel aus dem Gesundheitsbereich: Fitness-Tracker können heute nur die verbrannten Kalorien messen – und bilden damit nur eine Seite der Gleichung ab. „Was wäre wenn die Kamera im Smartphone verstehen würde, was genau und wie viel davon auf Deinem Teller liegt? Dann ließe sich ganz einfach ermitteln, wie viele Kalorien Du zu Dir nimmst.“

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Der Clou: Beides könnte schon in diesem Jahr zur Realität werden. Die angekündigte Zusammenarbeit mit Google dürfte sich zumindest auf diese oder ähnliche Themen fokussieren – auch wenn El-Ouazzane das so nicht bestätigen will. Andere Beispiele aus dem Segment Augmented Reality: Wenn eine Kamera den Unterschied zwischen einem Verkehrshinweis und anderen Schildern verstehen würde, könnte es gezielt und live Übersetzungen dafür auf die Autoscheibe projizieren.

Oder im Bereich der Vermeidung von Zusammenstößen im Straßenverkehr. „Sobald das Auto die Verkehrssituation wirklich versteht, kann es viel gezielter bremsen oder ausweichen.“ Ebenfalls in der Pipeline: Roboter – „personal companions“ –, die Emotionen verstehen und die Umgebung kennen. Was El-Ouazzane auch auf der Agenda hat: Dass Menschen mit Robotern zusammenarbeiten können, ohne sich auf die Maschinen einstellen zu müssen. Stattdessen sollen die Roboter die Menschen besser verstehen.

Dass mit all dem große Risiken und damit eine gewaltige Verantwortung für die Hersteller einher gehen, ist dem Movidius-Chef bewusst. „Es ist unsere Aufgabe, das richtig durchzudenken“, sagt er. „Und da liegt noch eine ganze Menge Arbeit vor uns, für alle von uns. Ich fürchte, da kann ich keine rosigere Antwort geben.“ Um das Verständnis der Risiken zu dokumentieren, hat Movidius eine Erklärung des von Stephen Hawking und Elon Musk unterstützen Future of Life Institute unterschrieben, nur an Nutzen stiftender Künstlicher Intelligenz zu arbeiten.

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Und dann ist da eben noch die gewaltige Diskrepanz zwischen dem, was technisch möglich ist und der derzeitigen Realität: große, unhandliche, teure Geräte mit sehr künstlich wirkenden Inhalten – die man eigentlich eher als Proof of Concept sehen muss denn als wirkliche Hilfsmittel. „Ich mache mir da keine Sorgen“, sagt El-Ouazzane. „Man sieht ja, wie weit Smartphones in nur zehn Jahren gekommen sind. Und VR-/AR-Hardware steht gerade erst am Anfang ihrer Entwicklung.“

Der Knackpunkt liege – erstens – in der Frage, ob sich wie bei Mobiltelefonen ein Weg finden lässt, wie Plattformbetreiber die Geräte subventionieren können. Auch, weil eine kritische Masse benötigt wird, damit – zweitens – die notwendigen Inhalte wirtschaftlich erstellt werden können. Bislang halten sich die Nutzerzahlen virtueller Erlebnisse wohl aus beiden Gründen noch sehr im Rahmen. Und es wirkt ein wenig so, als suche hier Technologie noch eifrig nach massentauglichen Anwendungsfällen. El-Ouazzane bleibt wie zu erwarten – und trotz unseres sehr realen Skype-Problems – entspannt: „Das ist alles nur eine Frage der Zeit.“

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