Die Movinga-Gründer Bastian Knutzen und Chris Maslowski

Das Startup Movinga hofft, dass der Erfolg noch in diesem Gebäude steckt. Ein Jahr nach den ersten Gehversuchen des Unternehmens arbeiten im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg mittlerweile 355 Mitarbeiter, verteilt auf drei Etagen eines großen Backsteinhauses. Vor der Tür stehen Mitarbeiter und rauchen. In grauen Movinga-Hoodies. Noch vor nicht allzu langer Zeit machten an ihrer Stelle Angestellte von Zalando Raucherpause, das Gebäude war bis 2014 die Zentrale des Online-Händlers.

Als „gutes Omen“, bezeichnet Movinga-Gründer Bastian Knutzen das mit einem Lächeln. Wollen er und sein Mitgründer doch nur zu gern die Erfolgsgeschichte von Robert Gentz und David Schneider nacherleben. Und die Vorzeichen ähneln sich durchaus: Die Studien-Wurzeln von Knutzen und seinem Mitgründer Chris Maslowski liegen in Vallendar, auf dem Campus der Business-Schule WHU, viel Wagniskapital ist bereits in das Unternehmen geflossen – und anfangs lächelten viele über das junge Unternehmen mit dem lustigen Namen.

Es gibt allerdings noch einen anderen Teil der Geschichte, der in diesem Gebäude steckt. Und der hat mit der Konkurrenz zu tun. In der ersten Etage sitzt Quandoo. Die Restaurant-Buchungsplattform ist ein Baby der Szene-Bekanntheiten Ronny Lange und Philipp Magin. Erst im vergangenen Jahr konnten sie Quandoo für knapp 200 Millionen Euro verkaufen. Nun sind die beiden Gründer gerade ebenfalls dabei, ein Umzugsstartup aufzubauen. Die Konkurrenz für Movinga. Lange und Magin provozieren einen Zweikampf in der Hauptstadt, den es in dieser Form seit Lieferheld versus Lieferando nicht mehr gegeben hat. Ein Kampf, bei dem es um Geld, Business Angels und Talente geht. Eine Prise persönlicher Streitereien kommt noch dazu. Wie ist es so weit gekommen?

Business-Plan in der Bibliothek

Die Geschichte von Movinga beginnt Ende 2014. Knutzen, 23, und Maslowski, 24, besuchen an der WHU das Seminar „New Venture Creation“. Sie tüfteln an einem Plan: Die beiden wollen ein Umzugszugsunternehmen mit Studenten als Helfer aufbauen. Über Tage sitzen sie in der Bibliothek und brüten über Business-Plänen, so erzählt es ein ehemaliger Kommilitone.

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Knutzen und Maslowski haben gerade 200 Studenten für das Unternehmen gefunden, als sie merken, dass ihr Konzept nicht richtig funktioniert – weil die Kunden die Studenten für unzuverlässig halten. Felix Swoboda, ein Investor aus den ersten Tagen, erzählt im Rückblick: „Das erste Geschäftsmodell war die Vermittlung studentischer Umzugshelfer, da war ich mir in der Tat nicht 100 Prozent sicher – aber die Jungs haben echt einen super Eindruck gemacht.“ Noch in einem nächtlichen Telefonat sagte er das erste Geld zu und überwies am nächsten Morgen.

Die Gründer merken schnell, dass sie lieber mit einer Plattform und „mit Technik“ etwas im Markt bewegen wollen. Es folgt der Umzug nach Berlin. Maslowski schreibt den ersten Algorithmus für die Umzugsplattform noch selbst.

Die Konkurrenz startet

Das neue Prinzip der Gründer ist, Überkapazitäten von Umzugsunternehmen zu nutzen, um diese besser auszulasten. Aus der Anfangszeit stehen noch mehrere eigene Umzugswagen herum, langfristig sollen sie verkauft werden.

Der Sommer beginnt und das Geschäft läuft langsam an, mehrere Business Angels und Investoren zeigen Interesse. Vor allem aus dem Umfeld der WHU wollen Angel-Investoren Geld in das Unternehmen stecken.

Die beiden Movinga-Gründer treffen sich auch mit Philipp Magin und Ronny Lange, um über ein mögliches Investment zu sprechen. Die Darstellung dessen, was dann passiert, unterscheidet sich deutlich und war Gegenstand eines Rechtsstreits (siehe Hinweis am Ende des Textes).

Fest steht: Kurze Zeit später entsteht fast namensgleich Movago. Ende Juli wird das Unternehmen als „aptus 1008“ gegründet, Anfang August bekommt es seinen Namen. Magin ist wenig später an dem Startup über seine Investmentfirma beteiligt. Er besitzt mehr Anteile als die beiden eingesetzten Gründer zusammen, wie ein Auszug aus dem Handelsregister zeigt. Mit dabei ist außerdem sein Quandoo-Mitgründer Ronny Lange. Magin äußert sich gegenüber Gründerszene offiziell nicht zu den Vorgängen.

Quandoo-Gründer und Business Angel Philipp Magin

Der Geschäftsführer und Gründer von Movago, Carsten Bild, schreibt auf Nachfrage von Gründerszene: „Ich weiß, dass es Gespräche zwischen Philipp [Magin] und Ronny [Lange] mit mehreren Teams zu unterschiedlichen Themen gab. Jedoch war ich an diesen Gesprächen nicht beteiligt, sodass ich keine Angaben zu Inhalten, Zeitpunkten und sonstigen Themen machen kann.“ Sein Mitgründer Maximilian Lanig, der mittlerweile das Unternehmen verlassen hat, reagiert auf eine Anfrage von Gründerszene nicht.

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An der Oberfläche entspinnt sich eine Copycat-Posse über die beiden Umzugsstartups mit ähnlichen Namen und fast identischen Slogans – und unter der Oberfläche brodelt es. Die Geschichte vom dreisten Magin kursiert etwa über das Alumni-Netzwerk der WHU. Der Satz „Das ist nicht die feine englische Art“, gehört zu harmlosen Bezeichnungen für sein Verhalten.

Millionen für beide Startups

Seit dem Zwischenfall und dem Start von Movago ist viel passiert. Die beiden Unternehmen wachsen und haben sich mit Geld vollgesogen. Magins Movago hat mehr als sieben Millionen Euro eingesammelt, unter den Investoren sind etwa DN Capital, Holtzbrinck und Cherry Ventures.

Auf der anderen Seite steht Movinga, mit bekannten Investoren wie Earlybird, Rocket Global Founders Capital, Business Angels wie Christian Vollmann und Heilemann Ventures. Mehr als ein Dutzend Angels aus dem WHU-Umfeld haben sich hinter dem Startup versammelt. Gerade bei der letzten Runde, der Serie B, konnten die Gründer den renommierten Wagniskapitalgeber Index Ventures gewinnen. Die Runde war etwa 25 Millionen Dollar schwer, auf ungefähr 90 Millionen Euro soll sich die Bewertung des Startups dabei belaufen haben.

Grundrauschen im Großraumbüro

Ende November sieht man im Hauptquartier von Movinga den Fortschritt. In dem eng besetzten Raum sitzen an den Tischen junge Mitarbeiter mit Headsets. Ein Grundrauschen erfüllt den Raum, ständiges Gemurmel. Über einem Tisch hängt eine britische Fahne, über einem anderen eine italienische. Ein Pokal für das beste Sales-Team ist auch zu sehen.

Das Prinzip: Die Sales-Mitarbeiter rufen Leute an, die über Plattformen wie ImmobilienScout24 eine Wohnung gefunden haben – und jetzt potentiell ein Umzugsunternehmen brauchen und einer Kontaktaufnahme zugestimmt haben. Später einmal soll der Anteil der direkten Internet-Buchungen massiv steigen. Nach dem Plattform-Prinzip eben.

Die Movago-Gründer Carsten Bild (links) und Maximilian Lanig.

Ich frage einen der Mitarbeiter nach dem Geschäftsführer Finn Hänsel, der kurz zuvor zum Gründerteam gestoßen ist. „Sorry, I don’t know him“, antwortet der Movinga-Mitarbeiter. Es ist die Zeit der Einstellungen, an die hundert Mitarbeiter sind um den Jahreswechsel dazugekommen. An einem Telefon höre ich jemanden fragen: „Und warum denkst du, dass du gut zu Movinga passt?“ Wie sehr dieses Wachstum auch mit mehr Umzügen unterlegt ist, lässt sich nur erahnen. Das Unternehmen gibt sich zugeknöpft. Mehrere Tausend seien es pro Monat. Im ersten Geschäftsjahr soll Movinga nach Schätzungen einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag umgesetzt haben.

Hier auf dem Zalando-Boden gibt sich Gründer Bastian Knutzen selbstbewusst. „Für Lebensmittel gibt es Instacart, für Essen Delivery Hero – nur fürs Umziehen gibt es kein Online-Angebot“, sagt Knutzen. „Wir wollen hier eine riesige Company aufbauen, die von weltweiter Bedeutung ist.“ Im Interview mit Berlin Valley bringt er gar einen Börsengang ins Spiel. Demnächst wagt das Startup den Schritt in die USA.

Größenwahnsinnig wirkt er bei diesen Aussagen nicht, für einen 23-Jährigen mit großer Verantwortung für Personal und Geld wirkt er erstaunlich ruhig und bodenständig. Zusammen mit seinem Studienfreund und Mitgründer teilt er sich eine Wohnung. Viel Schlaf bekommt er in diesen Wochen sowieso nicht.

Die Kampfansage

Mit dem Konkurrenten Movago will er sich gar nicht soviel beschäftigen. „Wir haben uns gedacht, dass es Copycats geben wird“, sagt Knutzen. „Wir müssen einfach immer schneller wachsen, mehr Geld einsammeln, die besseren Leute hiren, das bessere Angebot bauen und zufriedenere Kunden haben.“ Das ist seine Kampfansage.

Bei Movago ist es das Management ebenfalls leid, immer in einem Satz mit Movinga genannt zu werden. Philipp Andernach ist gerade von Home24 als COO ins Startup gekommen. Auch sonst stellt sich die Führung gerade wieder neu auf. Anton Rummel, ehemaliger Quandoo-Manager, ist neuer CEO. Im Büro sitzen mittlerweile 250 Leute, so erzählt es zumindest Philipp Magin. Andernach will nach dem Gespräch vor wenigen Tagen jedoch keine Zitate zur Konkurrenzsituation freigeben.

Der Konflikt wird in den nächsten Monaten weiter schwelen. Meist im Hintergrund. Es geht beispielsweise um die Anwerbung von Talenten. Und: Gelegentlich kommt es zu Verwechslungen wegen des Namens. Einmal – heißt es im Unternehmensumfeld von Movinga – hätte ein Investor den Gründer Knutzen angeschrieben und gefragt: „Warum stellst du den ein? Das ist doch ein extrem arroganter Typ.“ Etwas genervt hätte Knutzen geantwortet: Nein, der geht zu Movago.

Gründer Knutzen mit einem Sales-Mitarbeiter

Hinweis: Die erste Version dieses Artikels erschien am 1. Februar 2016. Auf einstweilige richterliche Verfügung wurden einige Passagen angepasst beziehungsweise entfernt.

Diese bekannten Gründer haben an der WHU studiert:

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Die beiden WHU-Alumni Robert Gentz (mittig im Bild) und David Schneider (rechts) sind die Gründer von Zalando. Auch CEO Rubin Ritter studierte in Vallendar. Entstanden ist das Unternehmen 2008 nach dem Vorbild des US-Startups Zappos zusammen mit Rocket Internet. Seit einigen Monaten wird die Zalando-Aktie an der Börse gehandelt. Vor Zalando gründeten die beiden 2007 bereits das wenig erfolgreiche soziale Netzwerk Unibicate. Bildquelle: Steffen Jänicke für Zalando

Bild: Movinga; Quandoo; Movago; Gründerszene