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Claudia Frese, die Vorstandsvorsitzende der MyHammer AG

MyHammer ist ein Urgestein der deutschen Internetszene. Aber um das vor zehn Jahren gegründete Handwerkerportal ist es größtenteils still geworden. 2012 diskutierte die Szene zuletzt über die mögliche Einstellung des Auktionsmodells und ein Jahr später über die Kapitalerhöhung der AG, die den Verlusten entgegen wirken sollte. Auch die zahlreichen Chef-Wechsel der Vergangenheit ließen das Berliner Startup selten stabil wirken.

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Dabei geht es dem Startup mittlerweile deutlich besser als noch vor ein paar Jahren. 60 Mitarbeiter arbeiten für das Unternehmen, das in Deutschland, Österreich und Großbritannien zuletzt mehr als sechs Millionen Euro umsetzte. Im abgelaufenen Geschäftsjahr legte das Unternehmen zudem sowohl bei Ausschreibungen als auch bei den abgegebenen Angeboten zu. Ein Grund für diese Entwicklung ist das Wirken der aktuellen Chefin, Claudia Frese. Sie begleitete und prägte die Änderungen der vergangenen zwei Jahre.

Claudia Frese im Gespräch mit Gründerszene über die vergangenen zwei Jahre und die Zukunft des Unternehmens.

Du bist seit etwa zwei Jahren die neue Chefin von MyHammer. Was hat sich in den zwei Jahren verändert? Und sieht man das auch auf der Seite?

Das sieht man sogar sehr deutlich. MyHammer hatte Anfang 2013 einen Relaunch. Es gab eine Repositionierung – weg vom Billig-Image, hin zu einem Marktplatz für gute und günstige Leistungen. Wir sind zwar nicht verantwortlich für die Qualität der angebotenen Handwerker-Leistungen, aber für die Vermittlung.

Wie kam es zu diesem Umdenken – von Hauptsache billig zu gut und günstig?

Es gab ein Jahr lang einen Gedankenprozess und das Ergebnis war ein Design- und Geschäftsmodell-Wechsel. Weg von allem, was von Provisionen und Gebühren abhängt, hin zu einem Subscription-Modell, gepaart mit neuem Logo und neuer Webseite. Das hat dazu geführt, dass wir uns von einer negativen Umsatzentwicklung wieder in eine positive gedreht haben und Geld verdienen.

Wieso kam dieses Umdenken erst so spät?

Das lag wohl am Umsatzrückgang. (lacht)

Der sich aber wahrscheinlich längerfristig abgezeichnet hatte?

Wir sind in einem extrem komplexen Feld unterwegs. Und es ist schwer vorherzusagen, wie sich die Dinge entwickeln. Ein Lernprozess braucht manchmal Zeit. Und es sind auch zuvor verschiedene Dinge getestet worden.

Deine Vorgänger saßen meist nur kurz im Chefsessel. Würdest du gerne länger im Unternehmen bleiben?

Ich sitze auf dem heißesten Stuhl der Stadt (lacht). Nein, so heiß ist er nicht.

Wie kam der Chefwechsel bei den bestehenden Mitarbeitern an?

Das war total lautlos, denn ich war ja schon hier. Ich war ein halbes Jahr zuvor bereits in einer sehr ähnlichen Rolle im Unternehmen, nur ohne Titel. Als ich als Beraterin kam, hatte ich Angst, dass die Leute es nicht mögen würden, wenn ich sie kritisiere. Aber das war überhaupt nicht so. Als ich dann Vorstand wurde, hat sich keiner geärgert. Oder hat es mir zumindest nicht gesagt.

Du hast bereits eine bewegte Unternehmer-Geschichte hinter dir. Wie kommt man von Ebay, über Adviqo zu MyHammer?

Ich habe mich Ebay vor allem mit Produktentwicklung und ein bisschen Strategie beschäftigt, danach Strategie und Marketing. Ich habe über die Zeit also mehrere Standbeine entwickelt. Ich habe ein Verständnis dafür, dass die Produkt- und Marketing-Hebel komplett ineinander greifen müssen. Das ist auch das Erfolgsgeheimnis, warum es uns jetzt bei MyHammer wieder besser geht. Weil wir integriert denken. Und Marktplatzdenken erfordert immer eine gewisse Balance: Man kann sich nicht nur auf eine Seite setzen.

Kannst du ein konkretes Beispiel nennen, wo Marketing und Produkt nicht harmonierten?

Ja, mein liebstes Beispiel zu dem Thema ist folgendes: Als ich neu ins Unternehmen kam, habe ich mich in meinem Büro auf der IT-Seite des Flurs mit allen zusammengesetzt. Und ein Mitarbeiter aus dem Performance-Marketing, der nur zehn Meter weiter saß, meinte: ‘Hier war ich ja schon zehn Monate nicht mehr.’ Das war schockierend. Jetzt ist der Trick, dass wir die verschiedenen Prioritäten gemeinsam managen. Zwar haben große Projekte auch eine große Priorität, denn ich glaube an große Hebel. Aber wir halten uns auch einen Sockelbetrag für andere Ressourcen frei.

Was für „große Hebel“ packt ihr denn an?

Mitte Juli haben wir beispielsweise eine Nachrichtenfunktion gelauncht. Wir wollen weg von einer reinen Vermittlungs-Engine, hin zu einem echten Marktplatz. Wenn ich mir nur unsere Nachfrage anschaue, dann haben wir im vergangenen Jahr etwa ein Volumen von 300 Millionen Euro auf der Plattform gehabt. Von dem ich weiß, dass wir es bewegt haben, sind es nur 40 Millionen. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit – und die hätte ich gerne.

Derzeit geht es euch wieder besser. Wollt ihr nun weiter wachsen und investieren oder die Profitabilität halten?

Beides. Das oberste Ziel ist, profitabel zu wachsen. Der Umsatz muss nach oben geschraubt werden, ohne dass wir Investitionen verhindern. Und das funktioniert. Wir haben natürlich versucht, uns so schlank aufzustellen wie möglich. Aber man wächst auch nicht, wenn man sich tot spart.

Wie haben sich Angebot und die Nachfrage in den vergangenen Jahren entwickelt?

Im letzten Jahr sind wir auf beiden Seiten gewachsen. Bei den Auftraggebern sind wir um etwa 13 Prozent gewachsen, bei den Auftragnehmern um rund 19 Prozent.

Wie weit kann man in diesem Bereich überhaupt noch wachsen?

Es gibt in Deutschland etwa eine Million Handwerksbetriebe. Und wir haben 15.000 auf der Plattform.

Und ihr wollt sie alle?

Na klar wollen wir alle! (lacht) Service-Vermittlungen sind zudem gerade stark im Kommen. Wir machen kein Low-End, etwa Putzservices, aber auch keinen High-End, bauen also keine ganzen Häuser. Wir sind dazwischen.

Wollt ihr euren Bereich irgendwann verlassen? Also Putzfrauen vermitteln oder Häuser bauen?

Großprojekte funktionieren ganz anders. Da ist man nicht mehr im Consumer-Internet unterwegs. Mittelfristig könnte ich mir vorstellen, dass wir auch den unteren Bereich abdecken. Aber wer denkt schon länger als drei Jahre. Das würde sogar schon jetzt mit unserem aktuellen Modell funktionieren. Wir müssten einfach andere Keywords buchen. Und wir vermitteln bereits jetzt mehr Reinigungsaufträge als eine Menge andere Leute.

Du hast viel mit Marktplätzen gearbeitet. Nun könnte man meinen, dass sich beispielsweise dein alter Arbeitsgeber Ebay auf einem absteigenden Ast befindet. Siehst du das auch so? Und was sagt das über Marktplätze wie euren aus?

Ich habe mir die Zahlen von Ebay seit Jahren nicht mehr angeschaut. Aber ich glaube, sie haben seit bestimmt zehn Jahren ein eingebautes Problem. Nämlich, dass ihre Marke ursprünglich stark im C2C-Bereich positioniert ist. Aber das größte Wachstum ist im B2C-Bereich. Es sind nicht mehr Ü-Eier, sondern Elektronik und Kleidung. Und sie mussten ihre Marke aufweichen, um weiter wachsen zu können. Das gleiche Problem hat auch Airbnb. Wir haben das Problem nicht.

Warum habt ihr keinen echten Konkurrenten?

Weil es so verdammt schwer ist. Weil der Markt in Deutschland extrem reguliert ist und wir über mehrere Jahre lernen mussten, diese Regularien bei uns auf dem Marktplatz abzubilden. Das ist eine ziemlich große Eintrittsbarriere.

Was für Regularien?

Die Meisterpflicht beispielsweise. Es gibt Gewerke, die sind reguliert, beispielsweise Lackieren. Und es gibt Gewerbe, die sind es nicht, zum Beispiel Fliesenlegen. Jeder, der aber hier ein anderes Angebot abgibt, begeht Schwarzarbeit. Und wir als Vermittler, wir machen das möglich.

Wie umgeht ihr dieses Problem?

Wir haben hinter die Suche einen Matching-Algorithmus gelegt. Jede Ausschreibung wird klassifiziert. Und wir vermitteln diese dann nur den richtigen Handwerkern. Das ist unsere Kernkompetenz.

In welchen Regionen seid ihr besonders stark?

Wir sind in Städten stärker als auf dem Land. Berlin ist mit einem Anteil von etwa zehn Prozent an allen Ausschreibungen unsere stärkste Stadt. Wer wissen will, wer der beste Elektriker um die Ecke ist, weiß nicht, wen er fragen soll. In ländlichen Regionen gibt es einen alteingesessenen Meister, der alles macht. Unser größter Wettbewerber ist die Empfehlung.

Claudia, danke für das Gespräch.

Bild: MyHammer