Glutenfreie Keks, laktosefreie Milch, vegane Mortadella – viele Menschen meinen, bestimmte Inhaltsstoffe in normalen Nahrungsmitteln nicht zu vertragen. Die Industrie hat sich schon lange auf diese Kunden eingestellt. Für alle, die noch nicht wissen, auf welche Zutaten sie lieber verzichten sollen, drängen Startups nun mit einem neuen Angebot auf den Markt: Selbsttests, mit denen jeder bequem zuhause feststellen kann, an welchen Unverträglichkeiten er leidet.

Die Startups Kiweno, Vimedics und Cerascreen bieten solche Testskits an. Die vom Kunden selbst entnommenen Blutproben – es handelt sich dabei um wenige Tropfen aus der Fingerkuppe – werden eingeschickt und von Partnerlaboren untersucht. Die Ergebnisse kann man wenige Tage später online einsehen. Kosten: Je Anbieter um die 90 Euro.

Doch zuletzt hagelte es Kritik, besonders an dem österreichischen Neuling Kiweno. Das Jungunternehmen hatte in der Fernsehshow 2 Minuten 2 Millionen ein Rekordinvestment von sieben Millionen Euro von SevenVentures zugesagt bekommen. Kurze Zeit später kursierte ein erster Zeitungsartikel, der die Resultate von Kiweno angebotenen Selbsttests als „Nullaussage“ bezeichnete.

Fehlende Belege und gesundheitliche Gefährdung der Kunden

In dem Artikel wird auf die Aussagen von Experten verwiesen, die die Methode des Selbsttests – es handelt sich um die Feststellung des Antikörpers IgG – als wissenschaftlich nicht belegt bezeichnen. Die IgG-Konzentration im Blut, so die Meinung der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immonologie (ÖGAI), würde keinen Rückschluss auf eine Allergie oder Unverträglichkeit erlauben.

Außerdem wird den Tests vorgeworfen, Kunden zur Mangelernährung zu veranlassen: „Der Test untersucht hunderte Lebensmittel. Der Patient bekommt anschließend eine lange Liste mit all jenen Nahrungsmitteln, die er fortan nicht mehr essen soll. Dadurch kann es zu einem Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen kommen“, äußerte sich der Dermatologe und Allergologe Harald Renz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie (DGA), gegenüber dem Spiegel. Leicht käme es erst aufgrund der Ergebnisse – so auch die Meinung des ÖGAI – „zu erhöhtem Leidensdruck, eingeschränkter Lebensqualität, zur Verunsicherung oder sogar Gefährdung der betroffenen Personen“.

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Aus dem Allergie-Zentrum der Charité wird uns auf Nachfrage hin mitgeteilt, wie man dort mit dem Verdacht auf eine Allergie oder Unverträglichkeit umgeht: Zunächst sollte – gesondert – eine Laktoseintoleranz abgeklärt werden, da diese in Deutschland bei bis zu 20 Prozent der Bevölkerung vorkommen könne. Bei Verdacht auf eine Allergie würden sich dann ein Haut- oder IgE-Test anschließen. Falls diese negativ ausfielen, sei eine Allergie für viele Nahrungsmittel wie Hühner- und Milcheiweiß schon sicher ausgeschlossen. Zum Aufspüren von Unverträglichkeiten würde dann eine sogenannte Eliminationsdiät angeordnet. Das heißt, dass bestimmten Nahrungsmittel gezielt weggelassen werden, um zu sehen, ob sich die Beschwerden dadurch lindern lassen. Ein IgG-Test, wie er in den betreffenden Angeboten der Startups Anwendung findet, spielt für traditionelle Allergie-Experten offenbar keine Rolle.

Margitta Worm, die Expertin der Charité betont zwar, dass „Unverträglichkeiten im Gegensatz zu Allergien wissenschaftlich nicht immer eindeutig zuzuordnen“ seien. Generell handele es sich hierbei aber auch um Modeerscheinungen. Was vor einigen Jahren die Histaminintoleranz war, sei derzeit die Glutenunverträglichkeit. „Aus meiner Sicht ein wissenschaftlich bisher nicht hinreichend belegtes Erscheinungsbild“, so Worm weiter.

Gründer argumentieren mit positiver Eigenerfahrung

Doch die Gründer von Kiweno, Cerascreen und Vimedics sind sich sicher, dass sie ihren Kunden mit den Tests einen Gefallen tun und ihr Leben verbessern können.

Olaf Schneider, Gründer von Cerascreen und Arzt-Sohn, widerspricht den Kritikern, die behaupten, dass die IgG-Konzentration im Blut natürlicherweise mit dem Verzehr von bestimmten Nahrungsmitteln einher ginge. „Obwohl ich erhebliche Mengen an Rindfleisch und Mandeln verzehrt habe, wurden in keinem meiner Tests jemals IgG-Antikörper auf diese beiden Nahrungsmittel nachgewiesen“, so Schneider.

Nicht nur Schneider, auch Bianca Gfrei, Gründerin von Kiweno, betont, dass sie sich körperlich wohler fühle, seit sie auf bestimmte Lebensmittel verzichte. Welche das seien, habe sie selbst mit einem IgG-Test herausgefunden. Mit der Gründung ihres Gesundheits-Startups wolle sie diese positive Erfahrung weitergeben.

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Zwar gibt die Gründerin am Telefon zu bedenken, dass es auf keinen Fall darum gehe, Menschen dazu zu veranlassen, sich einseitig zu ernähren. Im Gegenteil, „viele unserer Kunden fangen an, sich erst durch den Test mit alternativen Lebensmitteln auseinander zu setzen und sich dadurch vielseitiger zu ernähren“, so Gfrei im Gespräch mit Gründerszene. Die Übersicht der Testergebnisse von Kiweno ist allerdings nicht so differenziert. Dort sind alle 99 getesteten Lebensmittel aufgelistet – zusammen mit einem Grad der Unverträglichkeit zwischen null und sechs. Doch wie der Kunde mit diesen Ergebnissen umgehen soll, ist ohne weiteres nicht ersichtlich.

Dem gegenüber sind die Ergebnisse bei Cerascreen sehr detailliert beschrieben. Im „Leitfaden für den Umgang mit den Ergebnissen“ wird ausdrücklich darauf hin gewiesen, dass man vorsichtig mit den Ergebnissen umgehen müsse. Es wird geraten, die betreffenden Lebensmittel einzeln abwechselnd durch Weglassen selbst zu überprüfen – genau, wie es die Charité mit der Eliminationsdiät rät. „Meistens ist der erste Test nicht die Antwort auf die Frage des Kunden, sondern nur ein erster Schritt dorthin“, sagt der Gründer von Cerascreen. Im Gegensatz zu den diffusen Vorwürfen seiner Gegner seien es im Schnitt nur drei bis sechs Lebensmittel, die im Test als mittelmäßig bis stark unverträglich angezeigt würden und keine „lange Liste“, so der Gründer.

Kaum wissenschaftliche Forschung und Angst vor Kompetenzverlust

Gfrei, Schneider und Teuber rechtfertigen ihre Angebote außerdem damit, dass Forschung in diesem Bereich noch kaum vorhanden sei. Damit begegnen sie ihren Kritiker, die darauf hinweisen, dass es keine medizinischen Belege für die Aussagekraft der IgG-Test gäbe – denn wo noch nicht geforscht wird, kann auch nichts belegt werden. „Wir bewegen uns in einem völlig neuen Feld“, betont Gfrei.

Auch Teuber vermutet, dass die Kritik vor allem daher rühre, dass Ärzte Angst vor Kompetenzverlust und Einnahmeeinbußen hätten. Doch die Argumentation der Startups bleibt dürftig. So heißt es bei Cerascreen „Erfahrungsmedizinisch gibt es oft einen Zusammenhang zwischen der Menge von IgG4 Antikörpern im Blut und Nahrungsmittelunverträglichkeiten.“ Erfahrungsmedizin ist das Gegenteil von Schulmedizin, auch Homöopathie fällt darunter. Sind die Tests also reine Esoterik?

„Bei unserem Empfehlungen handelt es sich nicht um medizinische Aussagen.“ Heißt es in der Stellungnahme von Cerascreen. Dennoch sei es unverantwortlich, „vorhandene, hilfreiche diagnostische Möglichkeiten außer Acht zu lassen, nur weil die Ergebnisse erklärungsbedürftig sind“.

Die Startups argumentieren, dass sie den Kunden mit ihrem Angebot zur Mündigkeit verhülfen und unabhängig vom Arztbesuch machten – lassen ihn aber gleichzeitig unaufgeklärt. Das betrifft nicht hauptsächlich den Umgang mit den Ergebnissen, sondern vor allem den Unterschied zwischen Allergie, Unverträglichkeit und Intoleranz.

Unzureichende Kundenaufklärung

In einer Produktbeschreibung heißt es: „Nahrungsmittelallergien sind stark verbreitet und rufen meist unangenehme Symptome hervor. Mit dem Basis Testkit können Sie sich innerhalb kurzer Zeit auf 56 verschiedene Nahrungsmittelunverträglichkeiten, wie auf Nüsse, Milch oder Gluten testen lassen.“ Die Begriffe Allergie und Unverträglichkeit werden einfach synonym verwendet, ohne auf den Unterschied hinzuweisen.

Bei einer Allergie springt das Immunsystem fälschlicherweise auf bestimmte Stoffe im Essen an; dagegen basiert eine Unverträglichkeit auf einem Fehler im Stoffwechsel. „Dass ein einziger Test beides nachweisen kann, scheint demnach unplausibel“, meint der Spiegel. In der Tat testen Vimedics und Kiweno nur die IgG-Konzentration, die im Zusammenhang mit Unverträglichkeiten stehen könnte.

Der Test von Cerascreen ist dabei eine Ausnahme. IgG und IgE Antikörper werden hier beide untersucht und verweisen damit tatsächlich auf Allergien und Unverträglichkeiten. „Wir haben lange dafür gebraucht, einen Test zu entwickeln, der IgE in so einer kleinen Blutmenge ermitteln kann“, macht Schneider klar. „Das bekommt sonst niemand hin.“

So ist es auch kein Wunder, dass eine Testperson in der ARD-Sendung plusminus, die verschiedene Tests ausprobierte, unterschiedliche Ergebnisse erhielt. Die Schwellenwerte, ab denen eine Reaktion angezeigt wird, ist in verschiedenen Tests außerdem nicht dieselbe.

Die Anbieter weisen nicht explizit darauf hin, dass sich mit diesem Testverfahren keine Diagnose zur Laktoseintoleranz stellen lässt. Da Milchprodukte unter den getesteten Lebensmitteln aufgeführt sind, könnten Kunden aber leicht davon ausgehen. Kiweno reagierte auf die jüngste Kritik an der mangelnden medizinischen Evidenz  – und hat nun einen weiteren Test auf Laktoseintoleranz in der Atemluft im Angebot. Auch dieser gilt nicht als zuverlässig.

Im Bereich der Unverträglichkeiten ist weitere Forschung durchaus ist nötig. Die Macht von Placebo, wie sie vielen alternativen Heilverfahren zugeschrieben wird, darf jedenfalls nicht unterschätzt werden. Wenn die Resultate der Selbsttests zum besseren, subjektiven Wohlbefinden der Kunden beitragen, ist das ein schwer zu widerlegendes Argument. Gleichzeitig muss aber gefordert werden, dass die Anbieter ehrlich kommunizieren – und ihre teuren Produkte nicht als schulmedizinisch zuverlässig darstellen.

Selbst diagnostizierte Unverträglichkeiten haben außerdem noch einen ganz anderen Haken: Produkte, die bestimmte Stoffe wie Gluten oder Laktose nicht enthalten, sind ernährungswissenschaftlich oft nicht zu empfehlen. Denn sie sollen herkömmliche Produkte imitieren und setzen so auf mehr Fett und Zucker um fehlenden Geschmack auszugleichen. Zu diesem Schluss kommt die Ernährungsberaterin Daniele Krehl im ARD-Magazin. Laktose unterstütze außerdem die Calcium-Aufnahme des Körpers. Wer also ohne wirkliche Intoleranzen diese Lebensmittel meidet, tut sich nicht unbedingt etwas Gutes. Ein Besuch beim Arzt sollte bei einem begründeten Verdacht in jedem Fall erfolgen – darauf verweisen Gott sei Dank auch Kiweno, Vimedics und Cerascreen.

Bild: Getty / Jose Luis Pelaez Inc