Sorgt sich um die Gesellschafter-Strukturen junger deutscher Startups: Index-Mitgründer Neil Rimer

Neil Rimer gibt gleich zu Beginn des Gesprächs den Spielverderber: „Man kann ja nicht sagen, dass Berlin das absichtlich gemacht hat.“ Er redet über den Startup-Erfolg der Hauptstadt. „Aber Berlin hat genau die richtigen Bedingungen für junge Unternehmer geschaffen“, stellt der Mitgründer eines der größten europäischen VCs, Index Ventures, fest: Nicht nur gebe es eine gute Kultur und Musik-Szene und viele junge Menschen. „Man bekommt auch mitten in der Nacht noch etwas zu essen.“ Das seien alles Dinge, die eine Stadt braucht, um Startups hervorzubringen.

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Ein Gründungs-Hub zu werden sei sowieso der einzige Weg für große Städte, auch in Zukunft zu funktionieren. „Auf was sonst sollen sie sich fokussieren? Tourismus?“ Insofern sei es auch gut, wenn sich neben Berlin auch Städte wie Hamburg, Düsseldorf oder Stuttgart etablieren könnten. „Ein bisschen Wettbewerb kann ja nicht schaden.“

Der Index-Mann ist eine feste Größe in der europäischen Startup-Szene. Neben Investments in Stars wie BlaBlaCar, Skype oder Last.fm, mit denen das in London und Genf ansässige Index-Team Weitsicht bewiesen hat, ist das Unternehmen hierzulande etwa bei der Musikplattform SoundCloud, dem Übergrößenshop Navabi oder der Kreditplattform Auxmoney engagiert. Wir sprachen mit dem Mitgründer des europäischen Vorzeige-VCs über seine Sicht auf die Eigenarten der deutsche Startup-Szene. Etwa darüber…

… ob er glaube, dass Unternehmen hierzulande zu früh verkauft werden, wie es jüngst ein Gastautor auf Gründerszene geschrieben hatte.

Das treffe auf ganz Europa zu, sagt Rimer. Oder besser: traf, heute sei das nicht mehr so häufig der Fall. Und es sei verständlich, wenn man die Zeit 20 Jahre zurückdrehe, könne man das Gleiche auch für die USA feststellen. Ein Land brauche eine echte Erfolgswelle, um gute Angebote ablehnen zu können.

… ob die Bewertungen einiger hiesiger Unternehmen (zu) hoch seien.

Es sei heute mehr Geld verfügbar, das nach Investments sucht. Das wirke sich natürlich positiv auf die Bewertungen aus. Mit der wachsenden Zahl an Exit-Möglichkeiten – IPOs oder Verkäufe an internationale Konzerne – steigen natürlich auch die Hoffnungen der Investoren auf Returns, argumentiert der Index-Gründer.

… ob er mit seinen Investments in Deutschland zufrieden sei.

„Wir sind niemals zufrieden. Es gibt immer etwas zu tun.“ 22 Investments mit Niederlassungen in Deutschland hat Index Ventures heute. Vor fünf Jahren noch habe man sich fragen müssen, warum die größte Volkswirtschaft in Europa nicht auch maßgebliche Startups produzieren könne. Das habe sich geändert.

… was er „mehr“ von deutschen Gründern sehen möchte.

  1. Hiesige Unternehmer seien oftmals etwas naiv, was die Gestaltung der frühen Finanzierungsphasen angehe, glaubt Rimer. „Wenn ein Startup von einem frühen Investor ,misshandelt’ wird, ist das nicht akzeptabel.“ Man könne die Gesellschafterstruktur zwar auch später noch aufräumen. Aber das sei eine wahnsinnige Energieverschwendung – und ein Grund für den Geldgeber, nicht einzusteigen.
  2. Was er noch sehr vermisse, ist „ein Team von exzellenten, sagen wir Audi-Ingenieuren, die sich zusammen tun und ein wirklich innovatives Tech-Startup gründen“. Soll heißen: Generell gebe es im Engineering-Bereich, auf den Deutschland stolz sein könne, zu wenig Austausch mit der Startup-Szene.
  3. Weniger Fokus auf den deutschsprachigen Markt. „Das ist gerenell nichts Schlechtes“, sagt Rimer. Aber Index Ventures suche immer nach Unternehmen, die von Beginn an eine echte Internationalisierung im Sinn haben.

… ob Deutschland als (Start-)Markt überhaupt funktionieren könne – oder hiesige Startups am besten immer gleich in den USA launchen sollten, wie es Earlybird-Partner und Linkedin-Gründer Konstantin Guericke einmal gesagt hatte.

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Es gebe keinen Grund zu glauben, dass gute Modelle in Deutschland nicht funktionieren, sagt Rimer: Ein nennenswertes Marktvolumen, eine gute Infrastruktur, gut gemanagte Städte – all das stelle gute Bedingungen für Startups dar. „Global werden müssen die Unternehmen trotzdem.“

… ob es Milliarden-Euro-Exits in den kommenden Monaten und Jahren geben werde.

„Es würde mich überraschen, wenn es keine gibt.“ Natürlich könne „Gottweißwas“ dazwischen kommen, so Rimer, makroökonomische Umstände zum Beispiel. Wichtig sei aber auch, das Langzeit-Wert aufgebaut werde.

… ob er außer IPOs noch andere Exit-Wege sehe – auch weil deutsche Corporates vielleicht zu lange auf ihrem Geld sitzen bleiben.

„In den Unternehmensbilanzen findet sich noch eine Menge Cash, das investiert werden möchte“, sagt Rimer. Und: Der Softwaregigant SAP sei in den letzten Jahren aktiver gewesen denn je, gelte somit als Wegweiser für andere Unternehmen. Dann verweist Rimer noch auf den Exit der 6Wunderkinder. „Internationale Corporates haben längst ihr Auge auf Deutschland geworfen.“ Für Index biete die Börse gleichwegs einen wichtigen Kanal. „Wenn wir investieren, muss ein IPO ohnehin drin sein. Das bringt neben Geld auch eine einfache Möglichkeit, Übernahmen durch Aktientausch zu realisieren.“ Immerhin heiße ein IPO auch, man sei noch nicht fertig damit, die Company aufzubauen.

… ob es einen Wettbewerb zwischen VCs in der deutschen Startup-Szene gebe.

„Gute Deals sind immer kompetitiv“, sagt Rimer und schmunzelt. Man sei allerdings immer noch in einer Situation, in der europäische VCs eher zusammen statt gegeneinander arbeiten.

Bild: Index Ventures