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Es gibt Schlimmeres, als aus seinen Fehlern zu lernen

Neulich.de – DIE Plattform zum Wiederfinden von flüchtigen Begegnungen. Angetreten, um eine Brücke zwischen der Offline- und der Online-Welt zu schlagen. Unsere Vision war klar: Wir geben den Schüchternen unter uns eine zweite Wiedersehenschance und revolutionieren (nichts Geringeres als) den Dating-Markt.

Nun, zwei Jahre später, nach Gründung einer GmbH (Mai 2012), dem Launch der Plattform (März 2013), einigen PR-Aktionen und nach Investition des einen oder anderen Euros, stehen wir vor der Herausforderung, die entstandenen Mehrwerte (un)freiwillig zu veräußern.

Gescheitert möchte man meinen. Ziel nicht erreicht! Zugegeben, den Dating-Markt haben wir nicht umgekrempelt und große Preise haben wir auch nicht abgeräumt. Aber gewonnen haben wir trotzdem; nämlich an unheimlich wertvollen Erfahrungen, die ich definitiv nicht missen möchte.

Aber ist Scheitern nicht dieses schreckliche Ungeheuer, dem man niemals begegnen sollte? In Deutschland ist diese Überzeugung vielleicht gar nicht so abwegig, aber wenn ich so an mir herunter schaue, scheine ich überlebt zu haben. Ein Grund mehr, meine Erfahrung nun mit denen zu teilen, die sich ebenfalls aufmachen wollen oder schon auf dem Weg sind, um etwas in dieser Welt zu bewegen.

Anzahl anstatt Verhalten

Als wir im Oktober 2011 anfingen zu konzipieren, waren wir voller Euphorie, denn eins war uns klar: In Deutschland gibt es 7,2 Millionen Singles, davon sind 3,8 Millionen in unserer engeren Zielgruppe und wenn wir es schaffen, nur X Prozent davon zu erreichen, dann haben wir ausgesorgt!

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Das waren schon nette Vorstellungen. Doch die Nachlässigkeit in dieser Berechnung ist, dass es nicht nur um eine Anzahl an potenziellen Kunden geht, sondern darum, wie sich diese verhalten. Denn nur aus Handlungen entsteht eine Nutzung oder gar ein Kauf. Und das ist es, was am Ende des Tages die Brötchen auf den Tisch bringt.

Reichweite ist kein Garant für Erfolg

Auf Grund unseres Geschäftsmodells hatten wir eine recht hohe kritische Masse. Entsprechend war der Plan natürlich: viel Werbung.

Als Unternehmen, das durchgängig aus eigener Tasche finanziert wurde, waren unsere Mittel für Marketing und PR jedoch begrenzt. Entsprechend gelegen kam da meine Wahl zum Mister Germany 2013 (November 2012). Dieser Titel ermöglichte uns eine breite Medienpräsenz in Radio, Zeitung und TV. Hier ein Video-Beispiel.

Fakt ist allerdings: Auch wenn wir durch meine PR als Mister Germany etwa 15 Millionen Menschen erreicht haben, konnten wir nur ein paar Hundert davon zu Nutzern konvertieren.

Geschäftsmodell ist wichtiger als das Produkt

Wo lag also der Fehler? Ich denke, wir haben uns in den ersten Wochen der Gründung zu wenig mit der Frage „Wie wollen und vor allem können wir damit eigentlich Geld verdienen?“ beschäftigt.

Stattdessen haben wir das Produkt weiter entwickelt. Ich meine, natürlich hat es Spaß gemacht, sich neue Features auszudenken. Schließlich basieren diese Vorstellungen auf einem florierenden Geschäft. Doch gedanklich wirklich herausfordernd und erfolgsversprechend scheint mir eher die Erstellung eines schlüssigen Geschäftsmodells (beispielsweise in Anlehnung an die Business Model Canvas). Und davor haben wir uns definitiv gedrückt.

Sein Business wirklich ehrlich zu betrachten ist eine Königsdisziplin

Beim Erlösmodell hatten wir uns für die folgenden drei Säulen entschieden: Werbung, Freemium und Empfehlungssystem. Die nicht unbedingt kleinen Probleme daran sind, dass Werbung nur Umsatz bringt, wenn man Werbetreibende und genügend Traffic hat; Freemium nur zieht, wenn genügend Nutzer vorhanden sind und das Empfehlungssystem, naja, dafür hätten sich „nur“ Leute wiederfinden müssen.

Kurzum: Viele unserer Annahmen basierten auf optimistischen Zukunftsszenarien (Hoffnungen) und nicht auf der realen Situation. Aber seine Gedanken im Zaum zu halten ist nicht einfach. Entsprechend sehe ich es als Königsdisziplin, sein Business im „Hier und Jetzt“ zu betrachten. Und dabei geht es gleichzeitig darum, eine Art Meta-Position einnehmen zu können; sich immer wieder aus dem System heraus zu nehmen, um so offen für neuen Input zu sein.

Mir ging es dabei sogar so, dass je mehr ich Neulich.de als „mein Baby“ gesehen habe, desto weniger konnte ich mit Feedback oder gar Kritik umgehen. Soll heißen, wenn man es schafft, diese Identifikation phasenweise zu lösen, desto ehrlicher und realistischer kann man seine Unternehmung betrachten.

Die Faktoren Raum und Zeit

Bereits als wir 2011 mit der Konzeptionierung begonnen hatten, war unser Team getrennt. Zwei in Aachen, zwei in Berlin, Distanz 635 Kilometer. In meinen Augen 635 zu viel. Auffällig war, dass immer, wenn wir ein paar Tage vor Ort zusammen arbeiten konnten, wir unglaublich viel produktiver waren. Verhältnismäßig langsam waren wir also den Rest der Zeit.

Dies und fehlendes Entwickler-Know-how im Team führten letztlich dazu, das zwischen Fertigstellung des Konzepts beziehungsweise dem geplanten Start der Plattform (April 2012) und dem tatsächlichen Launch (März 2013) knapp ein Jahr verging. Doch damit nicht genug, nur zwei Monate später trennte sich das Team.

Motivationskiller und die Überzeugung von Idee und Unternehmergeist

Was war passiert? Eigentlich nichts Verwerfliches, vielmehr das Resultat aus dem Jahr Differenz zwischen konzeptioneller Fertigstellung und dem Launch der Webseite. Der absolute Motivationskiller. Außerdem musste sich in dieser Zeit jeder privatwirtschaftlich über Wasser halten und so kamen Angebote für lukrative Festanstellungen, der Wunsch nach einer eigenen Familie oder die Erlangung weiterer akademischer Titel wollten erfüllt werden.

Um diese Zeitdifferenz nicht entstehen zu lassen, scheint es mir unerlässlich, dass jeder der Gründer so sehr von der Idee und seinem Unternehmergeist überzeugt ist, dass gerade in der ersten Zeit der Gründung weder Geld, Wohnort noch Handlungen in Hinblick auf einen „Plan B“ einen Platz in den Gedanken findet. Zusammengefasst muss man denke ich bereit sein, seine Komfortzone zu verlassen (hier ein Bild dazu), respektive: Die Angst vorm Scheitern verlieren.

Der persönliche Weg

Als das Team sich trennte, entschied ich mich, alleine einen Turnaround zu vollbringen. Ich reiste durch die halbe Republik, um nach neuen Kollegen zu suchen, und traf mich mit Investoren sowie unzähligen Leute aus der Startup-Branche. Erfolgreich? Sagen wir es mal so: Ich habe sehr viel gelernt.

Vor allem ist mir dabei eines besonders deutlich geworden: Ein Unternehmer muss wissen und sich zudem eingestehen können, wann er nicht mehr in der Lage ist, das Schiff zu segeln und es besser ist, wenn er das Ruder übergibt.

Neben dem Business-Know-how waren es also diese ganz persönlichen und prägenden Momente, die hängen geblieben sind. Jene Momente, die gezeichnet waren von einem Hin-und-Hergerissensein, zwischen: „Ich versuche ich es nochmal“ und „Jetzt ist Schluss“. Ein bisschen erinnerte mich diese Zeit an die Phase in einer Partnerschaft, in der man eigentlich schon weiß, dass man sich trennen sollte. Man spricht sich nochmal aus, man gelobt Besserung, doch die Trennung ist nur eine Frage der Zeit.

Aber ich muss sagen, als ich den finalen Entschluss gefasst hatte, einen sinnvollen unternehmerischen Schlussstrich zu ziehen, fiel eine große Last von meinen Schultern.

Was ist der Status Quo?

Aktuell gilt es, die entstandenen Mehrwerte gewinnbringend zu veräußern und die Bücher ordentlich abzuschließen. Und ob ich wieder gründen würde? Sagen wir mal so, es ist für mich eigentlich nur eine Frage der Zeit und ehrlich gesagt, am liebsten morgen.

Und dennoch bleibt die Frage, ob wir gescheitert sind?

Ich bin froh, dass ich dazu folgende Erkenntnis gewinnen konnte: Scheitern kann man nur, wenn man bereit ist, sich selbst im Nachhinein für eine Handlung/Entscheidung, die man damals aus besten Wissen und Gewissen heraus unternommen/getroffen hat, zu verurteilen.

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Wir waren 22 beziehungsweise 23 Jahre alt, als wir uns aufmachten, den Dating-Markt zu revolutionieren. Vielleicht ein bisschen grün hinter den Ohren, aber mit der einen oder anderen Portion Mut (andere würden es vielleicht Leichtsinn nennen) im Gepäck, haben wir unser Bestes gegeben. Heute weiß ich, wie wertvoll die letzten zwei Jahre waren und entsprechend dankbar bin ich meinen Mitgründern Alex, Basti und Arkadi für eine tolle Zeit und ziehe gleichzeitig den Hut vor jedem, der sich traut, seine Komfortzone zu verlassen.

In diesem Sinne: Wenn du keine Fehler machst, dann sind die Probleme, an denen du arbeitest, nicht schwierig genug. Und das ist ein großer Fehler (Frank Wilczek).

Welche Learnings nehme ich unter anderem aus dieser Gründung mit?

  1. Nur weil ein Markt groß ist und viele Kunden hat, heißt es nicht, dass es einfach ist, dort erfolgreich zu sein
  2. Es geht nicht darum, wie viele Kunden es gibt, sondern wie viele etwas tun
  3. Folgende Prioritätenliste: Team, Geschäftsmodell, Produkt, Marketing
  4. Annahmen basierend auf realen Situationen, nicht auf optimistischen Zukunftsszenarien treffen
  5. Lernen, das Business aus der Vogelperspektive zu betrachten
  6. Ein Team, ein Ort, ein Ziel
  7. Keine IT-lastige Gründung ohne ausreichend Entwickler-Know-how im Team
  8. Online gehen und zwar so schnell wie möglich
  9. Detailarbeit spielt zu Beginn keine Rolle
  10. „Scheitern“ bringt einen nicht um

Wenn ich ein neues Business gründen würde, würde ich vor allem auf diese Punkte achten:

  1. Ressourcenorientierte Gründung. Heißt: Man schaut sich an, was man kann und hat (persönlich und im Netzwerk) und trifft daraus die Entscheidung, wie das Business aussehen sollte. Nicht: Ich habe eine Idee und gucke mal, wie ich sie umsetzen kann!
  2. Ein Team, dass dem Produkt entsprechendes Know-how/Netzwerk hat
  3. Ein Team, das zu hundert Prozent committed ist
  4. Ein Geschäftsmodell, dass nicht auf eine Kombination von B2B und B2C angewiesen ist
  5. Ein Geschäftsmodel, bei dem die kritische Masse gegen eins läuft
  6. Fokus auf einen Nischenmarkt

Welche Aktivitäten halte ich im Nachhinein für besonders überflüssig?

  1. Die Erstellung eines Businessplans mit dem geilsten Design, aber ohne schlüssiges Geschäftsmodell
  2. Die stundenlange Beschäftigung mit Produktentwicklung und Features
  3. Die Gründung einer GmbH (reale Situation vs. optimistisches Zukunftsszenario)
  4. Das Rechtfertigen vor seinem (privaten) Umfeld, wie und was man für ein Business aufbaut
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