Ohlala Pia Poppenreiter Torsten Stüber

Ohlala-Gründer Pia Poppenreiter (28) und Torsten Stüber (33)

Ein Startup für die Vermittlung von Prostituierten: Anfang 2014 sorgte Pia Poppenreiter mit der Gründung von Peppr für Aufsehen und Kritik. Mittlerweile ist die 28-Jährige nicht mehr nur dafür bekannt. Medien wie die Süddeutsche Zeitung und die Wirtschaftswoche berichteten vor kurzem über die Gründerin. Auslöser war ein Gründerszene-Interview, in dem Poppenreiter offen über ihr Entscheidung für Social Freezing, das Einfrieren ihrer Eizellen, sprach.

Mitten in diesen Rummel hinein launcht Poppenreiter heute das erste Produkt ihres neuen Startups Spreefang, das sie gemeinsam mit Torsten Stüber gegründet hat. Über die Website Ohlala, noch in der Open Beta, sollen bezahlte Dates vermittelt werden.

Der Unterschied zu Peppr? Von einem romantischen Abendessen bis Sex sei alles möglich, erklärt Poppenreiter gegenüber Gründerszene. Was bei dem Date passiere, hänge von der Absprache zwischen Kunde und Anbieterin im Chat ab. „Hure, Nutte, Escort – wir wollen den Frauen keinen Stempel aufdrücken, das steht uns auch nicht zu“, sagt die Gründerin. „Jede versteht sich anders und deswegen machen wir ‘bezahlte Dates’ daraus.“ Die User Experience von Ohlala verortet sie dabei irgendwo zwischen Tinder und Peppr.

Im Januar wurde Spreefang gegründet, zum Start gab es in einer Angels-Runde einen fünfstelligen Betrag für die Entwicklung des Produkts. Vor wenigen Tagen wurde nochmals eine mittlere sechsstellige Summe investiert – das Geld ist bereits für die Expansion gedacht: Ende des Jahres sollen neben der Startstadt Berlin zwei weitere deutsche Städte über die Seite verfügbar sein, Anfang 2016 soll die erste Stadt im Ausland folgen.

Screenshot der Ohlala-Website

Dabei hofft Poppenreiter nun einige entscheidende Dinge besser gemacht zu haben als noch bei ihrem ersten Startup. „Zahlen lügen nicht. Ich habe bestimmte Tendenzen bei Peppr gesehen und die Learnings daraus umgesetzt“, sagt sie. Zum Beispiel: Je länger es nach einer Buchung bis zum Termin für ein Treffen dauere, desto eher werde dieser abgesagt, erklärt Poppenreiter. „Wenn du ein Date haben möchtest, geschieht das ja aus der Lust heraus und die lässt sich schlecht planen.“ Ein Tinder-ähnliches Matching soll das Ganze bei Ohlala beschleunigen.

Die größte Herausforderung bleibt aber: „Leute müssen das Konzept verstehen.“ Bei Ohlala können Kunden beschreiben, was sie sich für ihr Date wünschen und angeben, wie viel sie bezahlen möchten. Anbieterinnen können den Preis für ihre Leistungen einstellen und ihre Verfügbarkeit angeben. Sie sehen dann die Gesuche in der Nähe, die zu ihren Preisvorstellungen passen, können deren Beschreibungstexte lesen und sich melden, wenn sie sich treffen möchten. Erst dann kann der Kunde das Profil der Anbieterin sehen. Nacktfotos soll es keine geben. Über einen verschlüsselten Chat können nach dem Match Details besprochen werden.

Dass die Profile nicht öffentlich einsehbar sind, ist den Gründern wichtig. Poppenreiter sagt: „Alles, was da online passiert, um sich zu verabreden, ist super Neunziger. Wir geben den Leuten ihre Privatsphäre zurück.“

Sie meint damit Webseiten wie die des Branchenprimus Kaufmich.com, hinter dem die Brüder Julius, Robert und David Dreyer stehen, oder das Angebot von Touch&Sex, das damit wirbt, Kunden könnten „Escorts so einfach und schnell bestellen wie eine Pizza“. Auf den Seiten kann sich jeder Besucher durch die Profile der Prostituierten klicken und sie direkt kontaktieren. Für die Frauen sei das manchmal schwierig, erklärt Poppenreiter. Es gebe viele Fake-Anrufe; so mancher Anrufer wolle „nur reden“.

Ohlala, so die Gründerin, habe nun zum Start bereits mehr Anbieterinnen online als Peppr je gehabt habe. Sie hoffe, dass der diskrete Charakter und die schnelle Terminvergabe Kunden überzeugen können. „Wir wollen erst einmal die kritische Masse an Anbietern und Nutzern erhalten. Es soll Spaß machen, die App zu nutzen, dann werden wir unser Business Modell finden. Die Monetarisierung ist ab Frühjahr 2016 geplant.“

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Ohlala muss allerdings dafür nicht nur Kunden und Anbieterinnen überzeugen – auch die Rechtslage muss für das Startup günstig sein. Gerade, wenn die Expansion ins Ausland ansteht, kann das kompliziert werden. Prostitution oder deren Vermittlung ist nicht überall legal; die Gesetzeslage kann sich schnell ändern. Macht das nicht nervös? „Ich will mich auf keinen Fall mit den Großen wie Uber vergleichen“, sagt Poppenreiter, „nur jedes Mal, wenn jemand etwas disruptiert, also anders macht als vorher, ist er in einer Grauzone unterwegs. Sonst wäre es ja nichts Neues.“

Im Moment sind sechs Mitarbeiter bei Spreefang beschäftigt. Die lobt Poppenreiter: „Du brauchst ein richtig starkes Team. Torsten ist hochanalytisch, ich bin eher die Visionärin. Die Mischung ist super. Und man muss unbedingt in dieselbe Richtung laufen wollen. Das war bei Peppr irgendwann nicht mehr der Fall.“ Anfang des Jahres war die Poppenreiter wegen Uneinigkeiten mit ihrem Mitgründer bei dem Startup ausgestiegen. Heute weiß sie: „Einer meiner größten Fehler war, Verträge zu leicht zu nehmen. Man denkt sich immer: Uns betrifft das nicht, wir verstehen uns super. Aber solche Regeln sind eben dazu da, dabei zu helfen, wenn es einmal nicht mehr richtig läuft.“

Auch wenn die Gründer von Peppr nun getrennte Wege gingen, findet Pia Poppenreiter nicht, dass sie damit gescheitert ist. „Zugang zu der Branche zu bekommen, ist sehr schwierig, weil es um intime Themen geht. Als ich vor zwei Jahren Peppr startete, wusste ich deswegen längst nicht so viel wie heute und habe erst mit der Zeit alle Schwierigkeiten des Sektors verstanden.“ Die Erkenntnisse habe sie nun bei Ohlala umgesetzt.

Viel Häme bekommt sie trotzdem bis heute ab, im Netz wird sie als „keine richtige Gründerin“ bezeichnet, auf dem vermeintlichen Misserfolg wird herumgehackt. Poppenreiter kennt die Kommentare. Sie appelliert: „Die Sicht auf das Scheitern muss sich in Deutschland ändern. Hier wird man häufig fertig gemacht; in den USA aber gefeiert, wenn man gründet. Ich wünsche mir, dass auch in Deutschland der Mut belohnt wird. Wir versuchen hier, ein Unternehmen mit Arbeitsplätzen aufzubauen. Und im kleinen Rahmen gelingt uns das jetzt schon.“

Sie wolle alles dafür geben, damit ihr Startup Erfolg hat. „Jeder Gründer weiß, wie niedrig die Wahrscheinlichkeit ist, dass sein Startup überlebt. Wir versuchen es trotzdem.“

Bilder: Laura Jost, Ohlala