Oliver Samwer auf der DLD-Konferenz vor wenigen Tagen

Schlechte Nachrichten von Rocket Internet häufen sich in den vergangenen Monaten. Managerschwund, gescheiterter Börsengang von HelloFresh, Entlassungen bei einigen Startups sowie langsameres Wachstum der weiterhin defizitären Ventures – das sind nur einige der Probleme, die das Unternehmen beschäftigt.

Um den Wind endlich zu drehen, verkündete der Berliner Konzern gestern das Closing eines neuen Fonds – 420 Millionen Euro sollen von nun an in Wachstumsfinanzierungen fließen. Rocket selbst hat in den „Rocket Internet Capital Partners Fund“ 50 Millionen eingezahlt, mindestens neun Jahre soll er laufen. In einem ausführlichen Interview mit dem Handelsblatt erklärt Rocket-CEO Oliver Samwer, das Investment-Vehikel sei ein „Vertrauensbeweis“ der Geldgeber in Rockets Geschäftsmodell. Die Namen der Investoren verrät Samwer nicht – nur soviel: „Es sind sehr viele professionelle Asset-Manager aus Europa und den USA.“ Über 90 Prozent seien institutionelle Anleger.

Die Aktie des Unternehmens, die in den vergangenen Tagen regelmäßig neue Rekordtiefs erreichte, erholte sich nach dieser Ankündigung leicht. Angesprochen auf den Kursrutsch sagt Samwer, der zeige auch „ein bisschen die Absurdität der Märkte“. Er macht ein „schwieriges“ und „zurückhaltendes Marktumfeld“ für den niedrigen Börsenkurs verantwortlich. Schließlich sei Rocket Internet „ja heute kein anderes Unternehmen als vor wenigen Wochen, es ist aber dennoch etliche Prozent weniger wert“. Er glaubt: „So viele Fehler können wir ja nun gar nicht gemacht haben.“

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Auch den auf Eis gelegten Börsengang von HelloFresh schiebt Samwer ausschließlich auf die schlechte Marktlage. Gerüchte, die Großaktionärin Cristina Stenbeck von Kinnevik habe den IPO blockiert, bezeichnet der Manager als „völligen Quatsch“. Dass Kinnevik-Chef Lorenzo Grabau seinen Vorsitz des Rocket-Aufsichtsrats abgab, sei bereits lange geplant gewesen und keinesfalls auf den Streit zurückzuführen. „Alle waren sich schon vor dem Börsengang einig, dass es besser ist, mittelfristig einen Vorsitzenden zu haben, der mit seinem Unternehmen nicht mit den Rocket-Beteiligungen verbunden ist“, so Samwer zum Handelsblatt.

Den Hinweis, Rocket sei aber der größte Verlustbringer im Kinnevik-Portfolio, relativiert Samwer. Sein Investor habe 100 Millionen Euro in Rocket gesteckt. Allein durch Zalando habe Kinnevik bereits ein Vielfaches verdient. „Bei mir zu Hause steht eine silberne Rakete, die mir Cristina vor einem halben Jahr geschenkt hat“, sagt Samwer. „Das würde sie wohl kaum tun, wenn Rocket für sie so ein Unglück darstellte.“ Und räumt ein: „Natürlich würden wir uns beide wünschen, dass der Aktienkurs auch mal wieder den wahren Wert von Rocket Internet abbildet.“

Endlich profitabel werden

Geht es für Rocket nun so weiter, wie es sich der Unternehmenschef vorstellt, dürfte es nur noch nach oben gehen. Wie er bereits beim Rocket-IPO angekündigt habe, benötigten E-Commerce-Firmen nun einmal sechs bis neun Jahre, um profitabel zu werden. Bis Ende 2017, so plant Samwer, sollen mindestens 3 der 13 sogenannten Proven Winners profitabel sein. Das sind die Startups, die besonders umsatzstark sind und schnell wachsen. „2016 wird für uns ein gutes Jahr, 2017 ein sehr gutes, 2018 ein hervorragendes“, sagt Samwer in dem Interview. „Wir lassen uns da nicht verrückt machen, auch wenn uns in der jüngsten Vergangenheit von einigen Medien so ziemlich alles an Vorwürfen gemacht wurde, was man sich vorstellen konnte.“

Er betont weiter, 2015 sei der Höhepunkt der Verluste erreicht worden – die Defizite würden jetzt drastisch verringert. In den ersten drei Quartalen 2015 hatte Rocket ein Minus von 770 Millionen Euro verzeichnet.

Das schnelle und Geld verschlingende Wachstum hatte Rocket in den vergangenen Monaten dazu veranlasst, die Geschäfte zahlreicher Startups zusammen zu kürzen – und Mitarbeiter zu entlassen. Bei Foodpanda mussten 300 Leute gehen, Helpling feuerte ein Fünftel seiner Belegschaft, Nestpick soll bis zu 60 Prozent der Angestellten entlassen haben. Auch Home24 kürzte, und beim afrikanischen Amazon-Klon Jumia verloren 300 Angestellte ihren Job.

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Schmerzhaft – aber normal

Samwer erklärt, es ginge um die „Dominanz in Teilmärkten“. Steige die Automatisierung, müsse ein aufgebauter Personalumfang auch mal angepasst werden. „Das ist zwar schmerzhaft“, sagt Samwer, „aber auch ein normaler Prozess.“ Man versuche außerdem, die Mitarbeiter an anderer Stelle bei Rocket unterzubringen. Insgesamt arbeiten mittlerweile mehr als 30.000 Mitarbeiter weltweit für Rocket.

Als fehlerfrei will Samwer sich in dem Handelsblatt-Interview nicht darstellen. „Ich mache sicher jeden Tag drei Fehler, liege aber auch fünfmal richtig.“ Fehler lägen nun einmal in der Natur eines Unternehmers. „Wenn wir kein Risiko eingehen als Unternehmer, können wir nicht unternehmerisch erfolgreich sein. Wir müssen dauernd Entscheidungen treffen.“

Heute erwägt er zum Beispiel, dass es falsch gewesen sei, die Wandelanleihe über 550 Millionen Euro im vergangenen Jahr auszugeben. Diese neuen Schulden lösten den Abwärtstrend an der Börse aus. „Aber“, so Samwer, „selbst diese Entscheidung wird in ein, zwei Jahren möglicherweise ganz anders beurteilt werden.“

Bild: Hubert Burda Media