Oliver Samwer Internationalisierung

Rocket Internet und die Börse

Das Echo war ja durchaus umfangreich, als verganene Woche spekuliert wurde, dass Rocket Internet an die Börse streben könnte. Unser leitender Redakteur Alex Hofmann hat im Artikel zum Thema ja bereits eine Einschätzung geliefert, die ich für sehr valide halte. Wir sind uns wohl alle einig, dass es Rocket eher nicht an die Börse ziehen wird. Deshalb möchte ich gar nicht weiter über das Pro und Contra eines Börsengangs von Rocket Internet (www.rocket-internet.de) philosophieren und die Wahrscheinlichkeit dessen abwägen.

Stattdessen habe ich mir aus Spaß einmal Gedanken darüber gemacht, was in meiner Wahrnehmung die Faktoren sind, die über die Kaufentscheidung einer Rocket-Aktie entscheiden würden. Also auf der einen Seite gibt es sicherlich dezidierte Risikofaktoren wie die Frage der Nachhaltigkeit, der Built-to-Flip-Vorwurf, die hohe Churn-Rate beim Managementpersonal und so weiter. Dem stehen auf der anderen Seite aber Assets wie die detaillierte Prozessarchitektur, die skalierbare Systementwicklung oder der umfangreiche interne Wissenstransfer gegenüber, die Rocket für Anleger attraktiv machen würden.

Jenseits dieser schon intensiv thematisierten Assets von Rocket Internet (beziehungsweise eigentlich sogar Oliver Samwer selbst) bin ich auf ein anderes Phänomen aufmerksam geworden, das bisher nach meinem Empfinden kaum Beachtung in der Öffentlichkeit fand. Diesem Asset möchte ich daher im folgenden ein paar Gedanken widmen, da es eine zentrale Rolle im Rocket-Konstrukt spielt: Oliver Samwers Strategie bei der Internationalisierung von Unternehmen.

Wie Oliver Samwer die Internationalisierung neu erfand

Um die Internationalisierungsstrategie von Oliver Samwer zu verstehen, bietet sich ein Blick auf den Couponing-Anbieter Groupon (www.groupon.de) an, für dessen internationalen Aufbau Marc und Oliver Samwer nach dem Verkauf von CityDeal ja lange Zeit verantwortlich waren. Im Gegensatz zur vorherrschenden Praxis (und Management-Lehre) erfolgte Groupons Internationalisierung zentralisiert. Von Berlin aus wurden unternehmerische Kerndisziplinen wie Produkt, Online-Marketing oder IT umgesetzt, die in den Ausläufern lediglich adaptiert wurden. Prozesse wurden zentral definiert, die adaptierte Umsetzung erfolgte dann in den kleineren Auslandseinheiten.

Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen versuchte Groupon unter Oliver Samwer also nicht so dezentral, sondern so zentral wie möglich zu agieren, weil dieser Vorgang schlichtweg ein schnelleres Wachstum ermöglicht. Wo eine dezentrale Internationalisierung stets kompetente Führungskräfte in jeder Ablegernation erfordert, kann in diesem Konstrukt eine kleine Gruppe von Personen aus der Firmenzentrale inhaltlich führen, während in den Satelliten verschiedene Angestellte mit der Umsetzung beauftragt sind.

Viele Unternehmer können wohl ein Lied davon singen, wie schwer es ist, gute und erfahrene Führungskräfte zu finden. Diese dann auch noch international in hoher Anzahl zu rekrutieren und dazu zu bewegen, sich einer noch unbekannten deutschen Firma anzuschließen, verlangsamt die Prozesse einer Internationalisierung enorm.

Freilich gibt es Bereiche in einem Unternehmen, für die dieses Vorgehen nicht funktioniert, etwa Vertrieb, Customer Service, Operations oder Business-Intelligence. Für diese Bereiche müssen zentral Prozesse vorgegeben werden, während die Umsetzung lokal erfolgt. Wenn wir das Beispiel Groupon nehmen, lässt sich dies sehr bildlich nachvollziehen.

Auch dort gab es unter der Samwer-Ägide City-Manager, um die lokalen Sales-Prozesse voranzutreiben. Diese hatten zentral zu reporten und aus Berlin Entscheidungen wie die Implementation von Salesforce umzusetzen. Dezentralisiert wurde nur dort, wo es nicht anders ging. In diesem Konstrukt sind natürlich die zentralen Management-Positionen sehr relevant und müssen deshalb gut inzentiviert werden.

Seither hat diese Praxis bei einigen Unternehmen seine Verbreitung gefunden, etwa auch bei Zalando. Ihren Anfang nahm diese Entwicklung übrigens soweit ich weiß bei Jamba!, das ebenfalls von Berlin aus nach ganz Europa expandierte. Oliver Samwer darf somit – wenn ich mich nicht täusche und einen anderen Erfinder übersehen habe – als der Schöpfer der zentralen Internationalisierung von Internet-Unternehmen gelten. Für mich ist diese Entwicklung deshalb die zweitcoolste Erfindung von Oliver Samwer nach der Prozess- und System-Architektur von Rocket Internet, ohne die diese Denke wohl gar nicht praktikabel wäre.

Joel Kaczmarek Facebook

Bildmaterial: Grafixar
GD Star Rating
loading...
Oliver Samwers zweitcoolste Erfindung, 1.7 out of 5 based on 98 ratings
Alle Bilder in diesem Artikel unterliegen der Creative-Commons-Lizenz (Namensnennung-Keine Bearbeitung, CC BY-ND; Link zum rechtsverbindlichen Lizenzvertrag). Ausgenommen sind anders gekennzeichnete Bilder unter anderem von Panthermedia, Fotolia, Pixelio, Morguefile sowie Pressefotos oder verlagseigenes Bildmaterial.