LucasvonCranach

Onefootball-Gründer Lucas von Cranach

Ein Beitrag von Martin Gardt, Redakteur bei OnlineMarketingRockstars.de.

Onefootball gehört zu den wenigen Startups in Deutschland, denen Experten internationales Potenzial bescheinigen. Gründer Lucas von Cranach verkehrt mit den ganz Großen der US-Digitalbranche: Facebook, Twitter und Union Square Ventures als Investor. Wir haben mit ihm über seinen Plan, Onefootball zur weltweit größten Medienmarke im Bereich Fußball aufzubauen, sowie über Rückschläge, die App Economy und die zurückliegende Europameisterschaft gesprochen.

„Das Ganze ist ein bisschen von der Hand in den Mund entstanden“, sagt Onefootball-Gründer Lucas von Cranach. Er gründet das Unternehmen bereits 2008. Der Fußball-Markt ist seit jeher extrem groß, zu dieser Zeit bekommen Fans Live-Ergebnisse aber meist per SMS – was teuer und umständlich ist. Lucas von Cranach sieht seine Chance: Auf Grundlage von Java-Anwendungen lässt er rudimentäre Sport-Apps für die verschiedensten Samsung-, Nokia- und Sony-Handys programmieren. Das geht ziemlich schief und das Unternehmen, das damals noch Motain heißt, steht kurz vor der Insolvenz.

24 Millionen App-Downloads für Onefootball

2009 kommt dann der erste Durchbruch: „Wir gehörten zu den ersten 1.000 Apps auf dem iPhone und wir merkten schnell, dass wir mehr Erfolg haben, wenn wir uns auf nur eine Plattform konzentrieren“. Das war der Startschuss für den Download-Erfolg der App. Bis heute kommt Onefootball auf 24 Millionen Downloads, drei Millionen Fußball-Fans nutzen die App pro Tag. Zum Vergleich: Weltmarktführer ESPN verzeichnet 14,3 Millionen Mobile-User pro Tag. Dabei ist klar, dass der amerikanische Sportriese über alle möglichen Sportarten berichtet und Fußball nur eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielt. Insgesamt arbeiten mittlerweile 50 Menschen bei Onefootball – 80 Prozent direkt am Produkt. „Wir sind überall und in 14 Sprachen verfügbar. Wir fokussieren uns aber auf die Top-5-Sprachen und die Top-5-Ligen.“ Kein Wunder also, dass 80 Prozent der Nutzer aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien kommen.

Onefootball Nutzer

Statistiken zu den Nutzern von Onefootball (Quelle: Onefootball / Youtube)

Sind Live-Ergebnisse noch Alleinstellungsmerkmal?

Von Cranach sieht die Kombination aus Live-Ergebnissen und personalisiertem Content als das Erfolgsgeheimnis der kostenlosen Onefootball-App: „Unser Vorteil ist, dass Live-Ergebnisse das Wichtigste im Fußball sind und das können mittelfristig die Facebooks dieser Welt nicht in der Tiefe abbilden.“ Die Ergebnis-Daten kauft sich das Unternehmen von Drittanbietern. Immerhin 80 Prozent der Onefootball-Nutzer haben Push-Nachrichten aktiviert, um sofort über Spielstände informiert zu werden. Doch Live-Ergebnisse mögen zum Start 2009 ein Alleinstellungsmerkmal gewesen sein, mittlerweile bieten viele Apps diese Funktion.

Trotzdem bleibt das der „Hook“, um neue Nutzer zu gewinnen – zumindest wenn man sich die Beschreibung im App Store anschaut. Aber nach dem Download müssen die Nutzer irgendwie in die App gelockt werden. Das kann über exklusive Neuigkeiten wie Transfers, Interviews oder Videos von spektakulären Toren passieren. Das ist jeweils Content, der sehr teuer produziert oder eingekauft werden muss – und von Cranach muss auf die Kosten achten: „Wie kann ich in vielen Sprachen guten qualifizierten Content bieten, ohne ein großes Team aus Redakteuren zu haben, die bei mir auf der Payroll sind?“, fragt er im Gespräch mit Online Marketing Rockstars laut.

Ein Mischmodell mit Hilfe von Bloggern und Drittanbietern

Von Cranach will Onefootball gegen die Konkurrenz zu dem „Go-To-Place“ für alle Fußballthemen etablieren. Und da braucht es neben den Ergebnissen auch Artikel zum Thema. Der Content wird aggregiert und zum Teil für die Nutzer kuratiert. Wer die App öffnet, kann zuerst seine Lieblingsmannschaft und sein Nationalteam bestimmen. In einem „Favoriten“-Stream sieht der Nutzer dann Live-Ergebnisse und News seines Teams und von Spielern der Nationalmannschaft. Unter „Alle News“ gibt es allgemeinere Neuigkeiten aus den großen Ligen und unter „Spiele“ aktuelle Live-Ergebnisse. Der schlanke Funktionsumfang mit der Konzentration auf das Wichtigste zählt wohl aus Sicht vieler Fußball-Fans zu den Stärken von Onefootball.

Onefootball Newsfeed

Newsfeed von Onefootball

Die neueste Maßnahme, um noch mehr Content auf die Plattform zu schieben, ist eine Zusammenarbeit mit Bloggern. Bisher bekommen zumindest Fans der großen Klubs in der Bundesliga Inhalte großer Blogs angezeigt. „In unserem Blogger-Netzwerk aus 120 Fußball-Blogs haben wir acht Millionen Uniques“, sagt er und will damit zeigen, welche Reichweite Fußball-Blogger mittlerweile erreichen. Von Cranach als Fan vom 1. FC Köln bekommt etwa Inhalte von „Geissblog“ und „effzeh“ in seinen Onefootball-Stream – zwei der bekanntesten Blogs zum Thema. Er sei überzeugt, dass Fußball-Fans diese Inhalte aus Fan-Sicht lieber lesen, als neutralere Nachrichten der großen Publisher. Wie genau das Blogger-Modell aussehen kann – ob über eine feste Vergütung oder Bezahlung nach Klicks, will von Cranach nicht verraten. Ein ähnliches Modell hatte die Bild mit 1530blog.de vor zwei Jahren schon ausprobiert – schon nach einem halben Jahr wurde das Projekt beerdigt.

Die restlichen Inhalte stammen aus RSS-Feeds großer Publisher wie Bild.de oder Sport1 und aus lizensierten Beiträgen von Partnern wie Goal.com. Letztere stellt Onefootball ähnlich wie Facebooks Instant Articles dar. Sie werden sofort nach dem Klick vollständig geladen und somit schneller angezeigt als die regulären Web-Inhalte des Onefootball-Browsers. Videos sind in der Sommerpause gerade wenige in der App zu finden, seit März sei das Team aber mit Hochdruck an dem Thema dran. So wird es mit dem Start der Bundesliga wieder Live-Ticker mit Video-Highlights noch während des Spiels geben. Auch Video-Ads im Newsstream werden getestet. Onefootball hat bis auf drei viralere Videos mit über 140.000 Views bei Youtube aber offenbar noch nicht viel in eigenen Video-Content investiert.

Keine soziale, sondern eine Medien-Plattform

Onefootball Social

Die Social-Media-Funktion in der Onefootball-App

In einem Porträt in der deutschen Wired von vor etwa einem Jahr erzählt von Cranach noch von der „Friends“-Funktion, um mit Bekannten in der App über Ergebnisse zu chatten. Das Ziel heißt damals: soziale Plattform für Fußball-Fans. Dieser Ansatz ist gescheitert: „Wir haben festgestellt, dass der Media-Plattform-Ansatz der Startpunkt für Social ist. Du fängst eine Unterhaltung ja mit einem Stück Content an.“ Onefootball könne und wolle nicht die Plattform sein, wo die Kommunikation stattfindet – offenbar ist einfach kein Kraut gegen die großen Plattformen gewachsen. Auch Facebook sei aus Sicht von Lucas von Cranach diesen Weg gegangen, als der Messenger aus der App gelöst wurde. Heute sei Facebook auch eher Medien-Plattform mit viel Content von Publishern.

„Der Konsum muss bei uns starten, um in Social zu kanalisieren um dann wieder neue Nutzer zurück in die App zu ziehen“, so von Cranach. Wie das aussehen kann, zeigt eine neue Funktion, die Onefootball zuerst als Tackl-App für den Facebook Messenger getestet hat. Wer länger auf ein Live-Ergebnis klickt, kann das Spiel auf verschiedenen Plattformen wie Facebook, Whatsapp, Twitter, SMS und Messenger teilen – mit einem Meme oder Bildern versehen. Diese Reaktion auf das Ergebnis soll dann weitere Nutzer anspornen es zu teilen oder in die App zu wechseln.

Weiter wachsen mit mehr Konkurrenz

Onefootball ist mit diesem Content-Ansatz jetzt an einem entscheidenden Punkt angekommen: Das Startup muss weiter wachsen und auch Geld verdienen. Und das in einem Markt, der viel wettbewerbsintensiver ist, als noch vor ein paar Jahren. Das zeigt auch ein Blick auf die zurückliegende Europameisterschaft. Laut Daten der Analyseplattform App Annie konnten gleich mehrere Fußball-Apps in Deutschland von dem Event profitieren. Die App für private Tipp-Runden Kicktipp stieg vor dem Turnier auf Platz 1 der Gratis-Apps im App Store. Auf Platz 3 folgte der direkte Onefootball-Konkurrent „Toralarm“. Kurz dahinter landete während der EM Onefootball auf Platz 4. International feierte vor allem die offizielle UEFA-App Erfolge und machte damit auch hier Onefootball wichtige Downloads streitig. In den Top-5 Ländern Europas sei Onefootball in Sachen Downloads nach eigenen Angaben auf Platz 2 hinter der UEFA-App gelandet.

Trotzdem hat das Turnier für einen ordentlichen Push gesorgt: „Wir haben im siebenstelligen Bereich Neukunden während der EM gewinnen können“, sagt von Cranach. Doch ganz an die Erfolge der WM 2014 dürfte das Ergebnis nicht heran reichen. Damals mauserte sich Onefootball Brasil mit 3,5 Millionen Downloads zur meistgeladenen App der vier WM-Wochen. Diese war jedoch nur für die WM entwickelt worden – zur EM wurde die Onefootball-App umgebrandet und habe insgesamt deutlich mehr Nutzer angelockt, als die WM-App von 2014.

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