Open Data

Mehr Daten, mehr Profit?

Wenn das letzte Lebensmittel personalisiert, das letzte Konsumgut in Boxen versendet und der letzte Dienstleister vergutscheint wurde, wird sich die Gründerszene fragen: Was nun?

Startups wie das Londoner SOMA Analytics rücken Datensätze, die das Unternehmen selbst sammelt und interpretiert, in den Mittelpunkt ihres Geschäftsmodells. Die Interpretationsleistung per Algorithmus wird hier zum eigentlichen Produkt des Startups. Neben den Googles und Facebooks der Onlinewelt spielt Big Data auch für Offline-Riesen wie die Allianz, BMW oder die Drogeriemarktkette DM eine immer bedeutendere Rolle. Supply Chain-Optimierung, Produktauswahl oder Onlinemarketing sind nur einige der Einsatzgebiete für datengetriebene Entscheidungsfindung. Die Nutzbarmachung großer Datensätze scheint sich zum dominieren Thema der kommenden Jahre zu entwickeln. Treffend fragt die Zeit in einem kürzlich erschienenen Themenspezial: „Wer hebt das Datengold?“.

Was aber, wenn eben jenes Datengold nicht erst gesammelt werden muss, sondern für jeden Interessenten bereit liegt? Open Data heißt das Stichwort. Die Veröffentlichung von existierenden Datensätzen zur freien Verfügung aller Internetnutzer. Seit gut drei Jahren treiben die USA und Großbritannien die Open Data-Bewegung international voran, denn: Offene Datensätze verbessern die Demokratie und kurbeln die Wirtschaft an – so das Versprechen.

Open Data – Ein Füllhorn für Gründer…

Laut gängiger Definition der Open Knowledge Foundation sind Daten genau dann „offen“, wenn jeder Interessierte diese unbeschränkt nutzen, bearbeiten und wiederum verbreiten darf. Auf ihrer Website stellt die britische Stiftung geeignete Creative-Commons-Lizenzen für Datensätze und ganze Datenbanken bereit.

Offene Datensätze sollen niemanden von der Verfügbarkeit ausschliessen und stehen deshalb im besten Fall kostenfrei zur Verfügung. Interessant für Unternehmer: Dem Open-Data-Gedanken entspricht durchaus offene Daten in kommerzielle Produkte zu verwandeln, solange die ursprünglichen Datensätze weiterhin jedem verfügbar bleiben.

In den USA und Großbritannien zeigen die Regierungen seit Jahren großes Interesse am Thema Open Data: 2009 öffnete in den USA das Datenportal Data.gov und veröffentlicht seitdem behördliche Datensätze als Open Data im Netz. 2010 folgte die Regierung Cameron mit dem Portal Data.gov.uk. Beide Regierungen erkannten: Behördliche – und somit sowieso schon steuerfinanzierte – Datensätze sollten der Bevölkerung nicht nur aus rein rechtsstaatlichen Gründen zugänglich gemacht werden, sondern können noch viel mehr zum Treibstoff der jungen, „wilden“ Datenindustrie werden.

Im hippen Londoner Startup-Bezirk Shoreditch öffnete Ende vergangenen Jahres das Open Data Institute seine Pforten. Das Not-for-Profit Projekt wurde von der britischen Regierung mit satten 10 Millionen Pfund und einer konkreten Mission ausgestattet: Open Data Startups anzuschieben. „Zur Zeit beherbergen wir sechs Open Data-Startups hier im ODI“, berichtet CEO und Serien-Gründer Gavin Starks. „Manche der Startups stehennoch ganz am Anfang, andere liefern bereits erste Umsatzzahlen“.

…zumindest außerhalb Deutschlands!

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Zurück nach Deutschland. Es liegt im Betrachtungswinkel, ob die Bundesregierung einfach nur sehr vorsichtig mit den gesammelten Verwaltungsdaten umgeht oder schlichtweg den Anschluss verpasst hat. Dabei sah alles doch so gut aus: Im vergangenen Jahr beauftragte das Wirtschaftsministerium eine Forschergruppe des Fraunhofer Instituts damit, Open Data für die deutsche Regierung zu evaluieren. Fazit: Schon 2013 könne ein deutsches Portal realisiert werden. Am 19. Februar nun soll das Portal daten-deutschland.de ans Netz gehen, wie Netzpolitik jedoch nun vor einigen Tagen berichtete bietet die Plattform zwar Verwaltungsdaten an, vom Prinzip der Offenheit ist jedoch keine Rede mehr. Ob Bürger, Journalisten und Unternehmer die Daten somit kommerziell nutzen können bleibt im Dunkeln. Schade.

Der britische Forscher und „Erfinder des Internets“ Sir Tim Berners-Lee vergleicht die Situation der heutigen Open Data Bewegung mit den Frühzeiten des Internets: Man ahnt etwas revolutionäres heraneilen, doch kann schwer absehen wohin die Reise führt. Im Falle des Internets führte sie zur Entstehung einflussreicher Großkonzerne. Deutsche Beteiligung Fehlanzeige.

Sollten sich deutsche Gründer bei der Regierung für Open Data stark machen? Für welche bestehenden Startups wären öffentliche Datensätze attraktiv? Welche Geschäftsmodelle würden neu entstehen?

Bildmaterial: Alexander Meleg / Wikimedia Commons