or arbel yo

Der „Yo“-Erfinder mit dem „Yo“-Zähler, Stand: 102.962.237 verschickte „Yos“

Alles andere als ein Aprilscherz im Juni

Eine Messaging-App, die nur ein Wort beherrscht und die ohne große Probleme 2,5 Millionen Dollar bei Investoren einsammelt – kein Wunder, dass viele an einen Aprilscherz dachten, als im Juni erstmals über „Yo“ berichtet wurde. Den Dienst entwickelt hat der Israeli Or Arbel – innerhalb von nur einem Tag. Und tatsächlich hatte er die App am 1. April in den App-Store eingestellt.

Doch Arbel meint es mit „Yo“ vollkommen ernst: Er verließ das Startup, das er gerade mal ein halbes Jahr zuvor gegründet hatte. Und er flog, bepackt nur mit einem Koffer, nach San Francisco, mietete sich für 150 Dollar am Tag eine Einzimmer-Wohnung, er ertrug die Häme, die sich über die „Aprilscherz-App“ ergoss und tüftelte weiter an seinem Produkt.

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Heute hat Yo ein sechs Mitarbeiter starkes Team, das bald auf zehn Leute wachsen soll, es gibt ein richtiges, wenn auch noch spartanisch eingerichtetes Büro im Financial District von San Francisco, die App wurde 2,8 Millionen mal heruntergeladen, sie hat 1,2 Millionen aktive User und kürzlich die Marke von 100 Millionen verschickten „Yos“ überschritten.

Und es gibt mehr und mehr Beobachter, die dieser simplen App ein riesiges Potenzial zuschreiben. Der Grund: Yo funktioniert nur, wenn die Nutzer den Push-Benachrichtigungen der App Zugriff auf ihre Startbildschirme gewähren – etwas, das immer mehr Smartphone-User bei immer mehr Apps ausschalten und das dadurch immer wertvoller wird.

Der Tech-Kolumnist Christopher Mims schrieb im August: „Auf die Gefahr hin, dass ich die Tech-Experten von mir glauben werden, ich hätte den Verstand verloren, bin ich hier um Euch mitzuteilen: Yo – oder ein Yo ähnelnder Service – wird das nächste Twitter sein.“

2,8 Millionen Downloads, 1,2 Millionen aktive Nutzer – verglichen mit dem Wirbel, den die Medien im Sommer um Euch gemacht haben, sind diese Zahlen gar nicht so beeindruckend, oder?

Zuallererst möchte ich betonen, dass unser Produkt noch gar nicht fertig ist. Deswegen bin ich durchaus glücklich über diese Zahlen. Wir haben außerdem gerade die Marke von 100 Millionen „Yos“ überschritten. Die Leute nutzen Yo die ganze Zeit. Und sobald Yo einmal wirklich fertig ist, werden wir richtige Zahlen sehen. Die UX ist heute noch bei weitem nicht perfekt. Viele Leute verstehen noch nicht, was wir hier machen. Wir müssen verbessern, wie man Freunde findet. Wir wollen  Community-Websites für Entwickler bauen, mit einer deutlich besseren API. Das ist alles noch in der Entwicklung.

War Yo zu früh dran mit der ganzen Medienaufmerksamkeit?

Ja, sicherlich. Die Sache ist zu früh explodiert.

Hat euch der Hype vielleicht sogar geschadet? Weil die Nutzer mit einem unfertigen Produkt konfrontiert wurden?

Natürlich wäre es besser gewesen, wenn alles von Tag eins an funktioniert hätte… Aber deswegen bin ich ja auch hierher gekommen. Um das Unternehmen sinnvoll aufzubauen. Doch bevor ich eine Chance dazu hatte, ist alles explodiert. Wenn man so viel Aufmerksamkeit bekommt, man kann eigentlich nicht sagen, dass das eine schlechte Sache ist. Natürlich hat es Nachteile, aber jede Firma würde sich doch wünschen, dass so viele Menschen von ihr hören und dass so viele Zeitungen über sie schreiben. Ich wünschte, es wäre zu einem späteren Zeitpunkt passiert. Auf der anderen Seite: Viele haben doch gerade deshalb berichtet, weil „Yo“ so vermeintlich albern, simpel und unfertig war.

Wann wird „Yo“ fertig sein?

In einigen Monaten. Dann werden Plattform und Infrastruktur wirklich erwachsen sein. Die Plattform wird sich aber immer weiter entwickeln – es wird unendlich viele Möglichkeiten geben, wie externe Entwickler „Yo“ nutzen werden: um Essen zu bestellen, um die Wettervorhersage zu bekommen oder eine Nachricht, sobald der FC Chelsea ein Tor geschossen hat. „Yo“ wird dann zu einer Art App-Store werden. Es wird Kategorien geben, Ratings und Reviews.

Was ist „Yo“ heute?

Es ist eine Kommunikationsplattform, die auf Benachrichtigungen basiert.

Ist es noch das gleiche „Yo“ wie ganz zu Anfang?

Es ist das gleiche Produkt. Zu Anfang ging es nur um persönliche Kommunikation. Erst später ist uns die Idee gekommen: Wenn ich ein „Yo“ von einem Freund bekommen kann, warum sollte mir Starbucks kein „Yo“ schicken können, sobald mein Kaffee fertig ist? Über diese Erweiterung haben wir im Mai nachgedacht. Aber schon im Juni ist alles explodiert…

Dein Produkt hat den Medien immer Grund zur Übertreibung gegeben. Zu Anfang wurde „Yo“ als überflüssiges, albernes Produkt beschrieben. Jetzt wird „Yo“ auf eine Stufe mit der Email, SMS oder Twitter gestellt. Das ist schon übertrieben, oder?

Ich glaube nicht, dass „Yo“ die SMS, WhatsApp oder Twitter ersetzen wird.

Aber es könnte so bedeutend werden wie Twitter?

Natürlich hoffen wir, eine riesige Plattform zu werden, mindestens so groß wie Twitter. Ich behaupte nicht, wir wären das schon. Aber wir arbeiten daran, das Potenzial ist da.

„Yo“ wurde schnell von einigen Anbietern kopiert. Geht von denen eine Gefahr aus?

99,9999 Prozent der Copycats haben keine Plattformen gebaut, sondern Apps. Und eine App ist keine Plattform. In eine App, die nur „Yo“ sagt, würde niemand eine Million Dollar investieren. Die Investoren haben in unsere Plattform investiert. Von diesen Apps geht wirklich keine Gefahr aus.

Wie wird „Yo“ in einigen Monaten aussehen?

Das nächste Feature ist die Möglichkeit, Ortsangaben an ein „Yo“ anzuhängen. Das eröffnet unendliche Möglichkeiten. Zum Beispiel für die Sache mit dem Regen. Es gibt schon einen Service, der dir eine Stunde vorher sagen kann, dass es regnen wird. Bisher musst du deinen Ort eingeben. Das ist friction. Und die ganze Idee von „Yo“ ist es, frictionless zu sein. Dass man nur einmal tippen muss.

Jedes Mal, wenn ihr das Produkt um neue Features erweitert, gefährdet ihr diese Schlichtheit.

Wir denken viel darüber nach, wie wir Funktionen hinzufügen, ohne die App zu verkomplizieren. Die App soll immer gleich aussehen.

Wie wird „Yo“ Geld verdienen?

Wir können schon jetzt Geld verdienen. Unternehmen und Marken wollen an der Spitze des Indexes stehen, der die externen „Yo“-Dienste auflistet. Die bieten uns viel Geld dafür.

Also macht ihr schon Umsätze?

Im Moment sind wir noch in einer Closed Beta. Noch verlangen wir kein Geld dafür. Aber das Geschäftsmodell liegt auf der Hand: Wir werden die Plattform für Push-Benachrichtigungen sein – denn für alle anderen Apps stellen die Leute die Notifications normalerweise aus. „Yo“ funktioniert aber nicht ohne Push-Benachrichtigungen.

Du bist im Frühjahr an die US-Westküste gekommen. Warum?

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Das war längerer Prozess, bis meine Partner und ich entschieden haben, dass ich von San Francisco aus arbeiten sollte. Ich hatte die App Anfang März entwickelt, als mich mein Co-Founder und Partner bat, eine App zu entwickeln, die Push-Notifcations an seine Assistentin schickt. Ich habe erst gedacht: Das ist albern, ich will das nicht machen. Dann habe ich etwas länger überlegt: Wenn wir die App „Yo“ nennen, wenn jeder sie nutzen kann, dann ist das eine gute Idee. Ich war begeistert. Trotzdem hat niemand geglaubt, dass ich dafür mein Startup verlassen würde, das ich erst sechs Monate früher gegründet hatte und wo ich CTO war. Anfang April bin ich zum ersten Mal nach San Francisco geflogen, erst einmal nur, um Leute zu treffen. Die haben das Potenzial verstanden. Und ich habe erkannt, dass wir nicht die einzigen Verrückten auf der Welt sind. Also haben wir entschieden, hierher zu kommen. Denn es gibt eine Menge Potenzial, das wir nutzen sollten. Und das Team in meinem anderen Startup ist gut, sie können gut ohne mich weitermachen.

Warum gerade San Francisco?

Es ist der beste Ort für diese Art von Startup, es gibt eine Community, es gibt Fachkräfte, es gibt Ressourcen, die ganzen VCs. Die Stadt nimmt verrückte Ideen sehr gut auf. In Israel halten die Leute „Yo“ für eine verrückte Idee ohne Potenzial.

Und ist es leicht, Fachkräfte zu finden?

Überhaupt nicht. Wir suchen noch immer nach Entwicklern. Das ist echt der schwierigste Teil von allem.

Vermutlich sogar schwieriger, als hier an Geld zu kommen.

Das stimmt nicht. Wenn man einfach so aus dem Nichts kommt, bekommt man kein Geld. Aber wenn man eine Vision hat, das interessiert Investoren.

Bist du derzeit wieder dabei, mit Geldgebern zu verhandeln?

Nein, das ist vorbei. Als ich hierherkam, hatten wir schon eine Million Dollar an Funding. Als dann alles explodierte, wollten immer mehr Leute einsteigen. Das waren Investoren, die wir gern dabei haben wollten, weil sie Verbindungen haben, weil sie Erfahrung haben mit dem Aufbau sehr großer Unternehmen. Deswegen haben wir sie dazugenommen. Aber als wir weitere 1,5 Millionen erreicht hatten, haben wir die Seed-Runde geschlossen. Wir glauben, dass das genug Geld ist für ein Jahr. Jetzt wollen viele Investoren mit mir über die A-Runde reden. Aber ich versuche, mich auf das Produkt zu fokussieren und mich nicht ablenken zu lassen.

Bild: Gründerszene